Spielberg

Steven Spielberg ist ein Phänomen. Wenigen Regisseuren gelingt es wie ihm, den Spagat zwischen Unterhaltungsblockbustern wie „Der weiße Hai“, „Indiana Jones“ oder „Jurassic Park“ und gefeierten Dramen wie „Schindlers Liste“, „Amistad“ oder „Der Soldat James Ryan“ hinzukriegen. 1993 gewannen gleich zwei seiner Filme – „Jurassic Park“ und „Schindlers Liste“ – bei den begehrten Academy Awards. Und selbst mit fast 80 Jahren ist er noch am Filme drehen. Gerade erst kam sein „Disclosure Day“ in die Kinos. Beim Splitter Verlag ist nun eine Graphic Novel über den Mann und seine Werke herausgekommen.

von Kurt Wagner

Ich muss gestehen, die Rezension zu diesem Buch fällt mir nicht ganz leicht. „Spielberg“, wie es schlicht betitelt wurde, kommt als 192-seitiger, vollfarbiger Hardcoverband daher. Er wird mal als Graphic Novel, mal als Comic beworben, was gewisse Erwartungen an einer Bildergeschichte weckt, so etwa im Stil der Making-of-Bände zu „Star Wars“ und „Das Imperium schlägt zurück“, auch auf Deutsch bei Splitter erschienen. Von dieser Vorstellung kann man sich getrost verabschieden. Amazing Ameziane, wie sich etwas schillernd der Autor nennt, geht seine Spielberg-Biographie völlig anders an.

Im Kern besteht das Buch scheinbar aus einem Monolog Spielbergs. Der Regisseur sitzt uns gegenüber und erzählt uns von seinem Leben, etwa so, wie er es in einer TV-Dokumentation tun würde. Diese direkte Ansprache wird immer wieder durch große Porträts des Regisseurs betont, der uns – zunehmend alternd – anschaut und uns etwas in Sprechblasenabfolgen schildert. Wenn er mehr zu sagen hat, füllt der Text auch mal eine Seitenhälfte oder gar eine ganze Seite, natürlich immer bebildert von Einzelmotiven, die mal als Freisteller auf die Seite montiert wurden, mal großformatig eine ganze oder gar zwei Seiten füllen.

Ameziane dabei keiner festen Linie. Stattdessen tobt er sich kreativ aus, und jede Seite wird zur neuen Entdeckung. Auf einer mögen vier oder fünf Panels mit Textbausteinen zu finden sein, die nächste verstreut Textblöcke über ein Doppelseiten-Panorama, dann schaut uns mal wieder der Regisseur entgegen und redet und danach folgt vielleicht eine etwas seltsame visuelle Interpretation eines Films, etwa „Indiana Jones“ als Jump-and-Run-Level. Das ist in seiner Abwechslung reizvoll zum Anschauen und wird doch durch Amezianes Stil visuell zusammengehalten. Eindrucksvoll hallen insbesondere die Seiten zu „Schindlers Liste“ nach, die ebenso passend wie bedrückend in Schwarz-Weiß gehalten wurden.

Inhaltlich geht der Autor weitgehend chronologisch vor, wobei er sich auf das Kernwerk von Spielberg konzentriert. Es kommt zu vielen Zeitsprüngen, weniger relevante Filme werden übergangen, stattdessen leistet sich Ameziane Abschweifungen und hier und da auch kleine Wiederholungen. Das hat wirklich vom Tonfall her sehr viel mit einem (auto)biographischen Erzähler in einer Dokumentation an sich, wobei das Buch bei Spielbergs Kindheit beginnt und bei „The Fabelmans“ endet, eben jenem Film, der Spielbergs Kindheit dramatisiert nacherzählt.

„Spielberg“ liest sich gut runter und hat für Filmfreunde hohen Unterhaltungswert. Zwei Schwächen hat das Werk jedoch, eine davon unvermeidlich, die andere unnötigerweise. Unvermeidlich ist, dass die Geschichte von Spielbergs Leben auf knapp 200 Seiten voller gewaltiger Lücken bleibt. Sein Privatleben blitzt sowieso nur hier und da auf, aber auch die Produktionsanekdoten bleiben schlaglichtartig. Wie soll es auch anders sein? Allein über Filme wie „Indiana Jones“ wurden 200-seitige Bücher geschrieben. „Jurassic Park“, „Amistad“, „Der Soldat James Ryan“ oder „Krieg der Welten“ in zwei bis vier Seiten mit großformatigen Bildern abzuhandeln, das bietet nicht mehr Gehalt als  Interviewschnipsel, so als hätte jemand zu Spielberg gesagt: „Erzähl uns in 5 Minuten von deinem Film.“ Eine Anekdote hier, ein wenig Produktionsabenteuer dort, zu mehr bleibt einfach kein Platz. Das muss man akzeptieren.

Ein unnötiger Moment der Irritation war für mich ganz am Ende versteckt. Denn dort heißt es auf einmal: „Obwohl sie sich auf reale Ereignisse und Personen bezieht, ist diese Graphic Novel ein Werk der Fiktion. Um der Dramatisierung willen wurden einige Aussagen und manchmal die Art, wie Personen sich verhalten, erfunden.“ Bitte was?! Warum lese ich 190 Seiten Spielberg-Biographie, nur um am Ende zu erfahren, dass eine mir leider unbekannte Zahl an Anekdoten und Momentaufnahmen erfunden wurde? Damit hat sich das Buch gewissermaßen selbst disqualifiziert. Denn ganz ehrlich: Für ein fiktives Werk, ist es deutlich zu langweilig. Es fehlt an jeder Spannungsdramaturgie. Als fiktives Werk hätte es in meinen Augen auch einer stärker erzählenden Form bedurft. Dann hätte man einen echten Comic oder einen Roman schreiben müssen. So habe ich dieses Werk vorliegen, dass dokumentarisch anmutet, es am Ende aber nicht sein will.

Was ich verstanden hätte, wäre die Aussage, dass aus Recherche-Quellen – etwa aus Spielberg-Interviews oder offiziellen Making-of-Bänden – übernommene Informationen in Monologform umgetextet wurden. Aber Aussagen und Verhaltensweisen zu erfinden, das geht in meinen Augen gar nicht. Es fügt dem spannenden Leben von Spielberg auch nicht wirklich etwas Nennenswertes hinzu, stattdessen beschädigt es nur die Glaubwürdigkeit von allem, was man hier zuvor gelesen hat. Zumal man, wenn man kein ausgewiesener Spielberg-Kenner ist, keine Chance hat, zu unterscheiden, was sich nun wirklich so zugetragen hat und was nicht.

Fazit: „Spielberg“ liest sich gut weg und unterhält Filmfreunde, die hier einen schlaglichtartigen Überblick über das Werk des Regisseurs und seine Entwicklung bekommen. Auch persönliche Momente werden immer wieder eingestreut, die Spielbergs Beziehung zu Mitstreitern, das Ringen mit seinem Judentum oder künstlerische Zweifel und Höhenflüge beleuchten. Natürlich bleibt der Comic – korrekter: der bebilderte Monolog – ein sehr grober Überblick. Auf 190 nur sehr luftig mit Text gefüllten Seiten kann man eben kein fast 80-jähriges Leben und fast 60-jähriges Filmschaffen abbilden. Eine künstlerische Fehlentscheidung trifft Ameziane meines Erachtens, indem er Aussagen und Verhaltensweisen von auftretenden Personen hinzuerfindet. Somit wird der durchgehende Erzähler Spielberg in diesem Werk komplett unzuverlässig und man fragt sich am Ende, was nun im Leben des Regisseurs wirklich so passiert ist und was nicht. (Ich gehe davon aus, dass der Anteil der erfundenen Stellen eher marginal ist, aber man weiß es eben nicht.)

Spielberg
Comic
Amazing Ameziane
Splitter Verlag 2026
ISBN: 978-3-68950-143-3
192 S., Hardcover, deutsch
Preis: 35,00 EUR

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