Perry Rhodan: Lemuria 6 - Die längste Nacht

Die Entdeckung der Sternenarchen, auf denen Abkömmlinge der Lemurer nach dem großen Bestienkrieg 50.000 Jahre durchs All geirrt sind, veranlasst Perry Rhodan, der sich „zufällig“ an Bord des Prospektorenraumers PALENQUE in der Gegend befindet, zu einer Reihe Nachforschungen, die dazu führen, dass sich „der erste Unsterbliche“ und Erbauer der Archen, Levian Paronn, zu erkennen gibt, der all die Jahre darauf gewartet hat, in der Zeit zurückreisen und den Krieg durch die Vernichtung der Bestien ungeschehen machen zu können. Doch statt der Vergangenheit Frieden zu bringen, bedeuten die Archen für die Gegenwart Krieg. Denn ihr Erscheinen weckt einen uralten Feind erneut.

von Bernd Perplies

Nicht nur Paronn hatte sich über die Jahrtausende auf den letzten, vernichtenden Schlag gegen die Feinde von früher vorbereitet. Auf dem Planeten Gorbas-IV finden Perry Rhodan, der Haluter Icho Tolot und ihre gemische Forschergruppe aus Terranern und Akonen eine Arsenalwelt der Bestien, die sich automatisch wieder in Betrieb gesetzt hat, seit die Archen ihren Dilatationsflug durch die Ewigkeit abgebrochen haben. Und Gorbas scheint nicht der einzige Stützpunkt der Bestien zu sein, die sich selbst Zeitgerechte nennen und geschworen haben, gegen die Zeitverbrecher zu Felde zu ziehen, wann immer es nötig sein sollte. Davon, dass der Krieg vor Äonen mit der Befriedung ihrer Vorfahren beendet wurde, die seitdem als weise Haluter die Galaxis bevölkern, wissen sie nichts. Und so geht es für Perry und Co kurz vor Schluss der „Lemuria“-Reihe noch einmal richtig rund, denn sie müssen nicht nur der genetisch pervertierten Natur auf Gorbas-IV und dem geheimen Arsenal der Bestien entkommen, sondern sich auch noch mit der erwachenden Kriegsmaschinerie selbiger auseinandersetzen.

Der Roman versucht, einen runden Abschluss der Reihe zu erzeugen, alle offenen Fragen zu beantworten und gleichzeitig eine dramatische Handlung für sich selbst zu behalten. Das funktioniert nur fast. Auf der einen Seite verliert der Autor am Anfang viel Erzählzeit, indem er Perry und seine Mannen in eine vergleichsweise banale Bedrohungssituation durch das tödliche Ökosystem von Gorbas-IV wirft. Nach den epischen Erkenntnissen des vorherigen Bandes, der „Die letzten Tage Lemurias“ zum Thema gehabt hatte, wirkt das seltsam fehl am Platze. Aber auch der Rest ist eine etwas unbefriedigende Verkettung von Handlungselementen. Eine terranische Flotte taucht auf – gerufen per Notarmband von Perry (so weit, so gut) – und räumt schwungvoll und mit reichlich Kanonenzauber mit den Bestien auf dem Arsenalplaneten auf. Bevor aber das Außenteam gerettet werden kann, wird es von neu erwachten Bestien zu einem zweiten Arsenal entführt, nur damit dort alsbald eine zweite Raumschlacht entbrennen kann. So werden ständig Spannungsmomente aufgebaut, die dann recht einfach aufgelöst werden.

Zwei weitere Probleme sind eher philosophischer Natur. Sowohl die Bestien als auch Levian Paronn beginnen, sich über Recht und Unrecht ihrer Handlungen Gedanken zu machen. Dabei stellt sich heraus, dass die gesamte Geschichte auf diversen Plotlöchern basiert, die man als Leser möglicherweise übersehen hätte, wenn Haensel einen nicht durch Erklärungen darauf gestoßen hätte, die das Ganze eher verschlimmbessern. So kann man sich natürlich fragen, warum auf Gorbas-IV, einem Arsenalplaneten der Bestien, eine Zeitmaschine war, wenn im vorherigen Band doch deutlich gesagt wurde, sie hätte sich zuletzt auf Lemuria befunden, wo Icho Tolot sie zerstört hatte. Dass die Bestien sie repariert und als Köder auf Gorbas-IV aufgestellt haben, um sofort wieder mit dem Krieg anzufangen, wenn ein böser Lemurer durchspaziert, klingt doch arg an den Haaren herbeigezogen.

Anderes Beispiel: Was hatte es mit den Sternenarchen überhaupt auf sich? Am Anfang des Zyklus entsteht ein ganz logisches Bild: Der Krieg in der Vergangenheit scheint für Lemuria verloren, dem Volk droht die Ausrottung. Da kommt ein Mann aus der Zukunft, sagen wir mithilfe einer Zeitmaschine und geschickt von einem Haluter, der selbst aus einer viel ferneren Zukunft kommt, und lässt die Archen bauen, um das Volk der Lemurer zu retten und gleichzeitig zu den Sternen zu führen. Von mir aus kommt auch vorher noch eine Superintelligenz vorbei und schenkt dem Mann aus der Zukunft einen Zellregenerator mit den Worten „Du wirst Großes vollbringen.“, was der natürlich sofort als Endsieg über die Bestien deutet (der Depp). Aber was macht Haensel draus: Er lässt die Protagonisten annehmen, dass der ganze Spaß mit den Sternenarchen von ES eingefädelt wurde, um auf die zukünftige Bedrohung durch die Bestien hinzuweisen, da deren geheime Arsenalplaneten durch den Kontakt mit den Sternenarchen aktiviert werden würden. Wer jetzt völlig irritiert ist, dem geht es genau wie mir, als ich das laß.

Alles zusammengenommen ist der Roman nicht so schlecht, wie er im Moment vielleicht wegkommt. Die Action ist durchaus krachend inszeniert und der Schluss hat tatsächlich sogar etwas wie eine Moral, wenn zwei Feinde der Vergangenheit sich zusammenraufen und versuchen, eine gemeinsame Zukunft zu erbauen (wirkt vielleicht ein bisschen star-trekkig). Doch dazwischen tummeln sich ein paar „neue“ Erklärungsansätze der Gesamthandlung, die Haensel besser weggelassen hätte.

Zum Bonusmaterial gehört diesmal der Bauplan eines Bestienschiffes und Hartmut Kasper heißt uns „Willkommen in Lemuria!“ Seine „Streifzüge durch einen utopischen Kontinent“ sind gleichzeitig ein nostalgischer Trip in die Welt der Pulp-Romane vergangener Jahrzehnte.

Fazit: Es scheint eine gewissen Wellenbewegung durch die „Perry Rhodan“-Romanreihen von Heyne zu verlaufen (vergleicht man „Lemuria“ mit „Odyssee“ und „Andromeda“). Der Anfang braucht ein bisschen, um in Fahrt zu kommen, im Mittelteil wird es richtig gut und der Schluss ist zwar nicht schlecht, aber doch irgendwie unbefriedigend. Woran das liegt, ist schwer zu sagen. Möglicherweise planen die Macher für den letzten Band zu wenig dramatische Handlung ein, was dazu führt, dass er ein wenig angehängt wirkt nach dem Semi-Finale von Band 5. So ist es jedenfalls auch im vorliegenden Band „Die längste Nacht“. Zwar lässt es Hubert Haensel noch einmal ordentlich krachen, doch das Aufeinandertreffen der kaum erwachten „neuen Bestien“ mit den Kampfflotten der modernen Galaxis ist im Grunde ein Sturm im Wasserglas. Dafür gibt’s am Schluss ein Happy End.


Perry Rhodan: Lemuria 6 – Die längste Nacht
Science-Fiction-Roman
Hubert Haensel
Heyne 2005
ISBN: 3-453-53020-9
334 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 6,95

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