Perry Rhodan: Lemuria 5 - Die letzten Tage Lemurias

Im klassischen Drama dient der vierte Akt der so genannten Retardation, um das unausweichliche Ende noch ein wenig hinauszuzögern und gleichzeitig die Spannung zu erhöhen. Thomas Zieglers Beitrag zur sechsbändigen „Perry Rhodan“-Reihe „Lemuria“ ist solch ein Verzögerungsroman: Er trägt in absolut keinem Satz die in Band 4 „Der erste Unsterbliche“ auf Gorbas IV beendete Handlung weiter. Stattdessen stellt er einen Exkurs dar, der so eindeutig, wie bislang noch nie, die Hintergründe und Entstehung der Sternenarchen beleuchtet. Dafür wird eine Reise in die Vergangenheit nötig.

von Bernd Perplies

Wenn man es genau betrachtet, ist Thomas Zieglers Roman der Schlüssel, mit dem sich eine Menge der bisherigen Geschehnisse erklären lassen. Der einsame Held der Geschichte ist der Haluter und Freund Perry Rhodans Icho Tolot, der in „Der erste Unsterbliche“ auf Gorbas IV durch das Portal einer Zeitmaschine getreten war, nur um kurz zuvor aufzutauchen und sich eben diese Reise selbst zu ermöglichen. Damals erschien das noch als ein schlichter Gimmick zum Schluss. Doch tatsächlich steckt hinter der Reise des Haluters in die Vergangenheit viel mehr.

Denn Icho Tolot, der friedfertige Nachfahre der einst monströsen Bestien, die vor 50.000 Jahren im Auftrag der Ersten Schwingungsmacht über unsere Galaxis und das Volk der Lemurer hergefallen waren (die zuvor – durch den mysteriösen Levian Paronn gedrängt – die Sternenarchen gebaut und so ihre Saat im All verbreitet hatten), wird in eben jene kriegerische Vergangenheit zurücktransportiert. Er erlebt „Die letzten Tage Lemurias“, die verzweifelten letzten Gefechte der Lemurer gegen den übermächtigen Bestienfeind. Und ihm geht auf, dass all die seltsamen Spuren eines Haluters, die Perry Rhodan und seine Expedition an Bord der Sternenarchen (in den Romanen zuvor) entdeckt hatten, seine eigenen waren, während er, im Dilatationsflug an Bord der Generationenschiffe die Jahrtausende überdauernd, in seine eigene Zeit zurückkehrte. Nun liegt es an Tolot, die Vergangenheit der Zukunft, wie er sie kennt, durch sein Eingreifen zu ermöglichen.

Ich würde gerne näher ins Detail gehen, aber das würde zu viel der fantastischen Ereignisse, die bereits über die ganze Buchreihe ihren Schatten geworfen haben – vieles von dem, was bisher nach isolierten, seltsamen Momenten aussah, wird nun in einen Zusammenhang gebracht –, verraten. Es sei daher nur so viel gesagt: Die Eleganz, mit der Thomas Ziegler all die offenen Fragen klärt und gleichzeitig einen Nebencharakter des Perry-Rhodan-Universums um eine Dimension von ungeahnter Tiefe bereichert, macht die Geschichte, obwohl sie doch dramaturgisch ein reiner Abstecher der Gegenwartshandlung ist und auch praktisch alle anderen Figuren der Reihe völlig links liegen lässt, gemeinsam mit „Exodus der Generationen“ von Andreas Brandhorst, zum spannendsten Band der Reihe.

Dabei ist Zieglers Stil mitreißend und von einem guten Gefühl für die dramatischen, oft zeitkritischen – was würde zu einem Zeitreiseroman besser passen? – Ereignisse erfüllt. Möglicherweise ergeht er sich teilweise zu sehr in den Alltagsfloskeln der lemurischen Weltraumfahrt – Müssen wir fünf Mal daran erinnert werden, wann ein Schiff aus der Halbraumphase austritt? Wissen wir nicht nach dem dritten Mal, dass Paratronschirme Einschlagsenergie in den Hyperraum ableiten? –, auf der anderen Seite sorgt diese Begeisterung für Details in den vielen Schlachten, die während der Handlung geschlagen werden, für eine spannungsgeladene Atmosphäre, in der Autor und Protagonisten wirklich aus dem Vollen schöpfen und uns mit Impuls-, Thermal-, Gegenpol- und Intervallwaffen bildgewaltig einheizen.

Am Schluss wird Ziegler dann die Seitenzahl ein wenig knapp. Nachdem Icho Tolot den gewichtigsten Teil seiner Mission abgeschlossen hat, wird seine Flucht vom dem Untergang geweihten Lemuria und sein weiterer Weg in Richtung Gegenwart relativ knapp und konfliktfrei abgehandelt. Ein bisschen mag dieser Wechsel im Erzähltempo irritieren, man bedauert auch, dass das eine oder andere Highlight seiner weiteren Reise nicht doch ausformuliert wurde – wodurch der Roman natürlich andererseits eine sehr episodische Struktur erhalten hätte –, alles in allem stört der epiloghafte Schluss jedoch nicht so sehr, dass er den Gesamteindruck dieses spannenden Beitrags zur „Lemuria“-Reihe nachhaltig beeinflussen würde.

Das Buch wird einmal mehr von einem sehr coolen Coverbild von Oliver Scholl geziert, das... äh... möglicherweise einen Kugelraumer der Bestien beim Durchfliegen eines Zeitportals (oder bei der Rückkehr aus dem Halbraum) zeigt. An Bonusmaterial wird diesmal der Zeittransmitter beschrieben und im Anhang des Buches begibt sich Hartmut Kasper auf eine kurzweilige literarische (Zeit)Reise quer durch die Zeitreise-Science-Fiction. Den Abschluss bildet eine Würdigung Rainer Zubeils, der unter dem Namen Thomas Ziegler zahlreiche Science-Fiction-Romane veröffentlichte und am 11. September 2004 kurz nach Fertigstellung des Manuskripts zu dem vorliegenden Roman viel zu früh verstarb.

Fazit: In dem fünften Band der „Perry Rhodan“-Reihe „Lemuria“ macht Thomas Ziegler einerseits einen weiten Abstecher von der Gegenwartshandlung – was der Geschichte ein bisschen den Eindruck einer Verzögerungstaktik verleiht –, andererseits legt er mit „Die letzten Tage Lemurias“ sozusagen kurz vor Schluss den praktisch kompletten Schlüssel für fast alle bislang ungeklärten und mitunter seltsam isoliert wirkenden Ereignisse der vorherigen Romane vor. Ein echtes Kernstück und Highlight der Serie.


Perry Rhodan: Lemuria 5 – Die letzten Tage Lemurias
Science-Fiction-Roman
Thomas Ziegler
Heyne 2005
ISBN: 3-453-53017-9
318 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 6,95

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