von Bernd Perplies
Das Auftauchen einer Reihe von Sternenarchen, uralten Generationenschiffen der Lemurer, die vor 50.000 Jahren von Terra ausgehend unsere Milchstraße besiedelten und damit zu den Vorvätern vieler menschenähnlicher Rassen wurden, hat für einigen Wirbel in der Galaxis gesorgt. Perry Rhodan, der eigentlich in diplomatischer Mission am Rande des Akonenraums unterwegs war, hat sich des Rätsels angenommen und mit dem terranischen Forschungsschiff PALENQUE und ihrem akonischen Pendant, der LAS-TOÓR, auf die Brotkrumenfährte der scheinbar zufällig und doch zeitlich und räumlich so nah beeinander auftauchenden Archen geheftet. Die Spur führt in das Blaue System, das Heimatsystem der Akonen, wo eine weitere Arche gefunden wird.
Nach einem kleinen politischen Schlagabtausch erhalten auch Perry Rhodan und seine Mitstreiter, mittlerweile verstärkt durch Perrys alten Freund, den Haluter Icho Tolot, von Raumadmiral Mechtan von Taklir Zugang zu dem Schiff. Perry hofft dort, den Unsterblichen Levian Paronn zu finden, dessen in einer Art Trance erzählte Geschichte ihn hierher gerufen hatte (siehe Bd. 3: „Exodus der Generationen“). Stattdessen treffen die Wissenschaftler und Militärs auf eine kleinwüchsige Rasse gezüchteter Lemurerabkömmlinge, von denen einer, Boryk, nicht nur bemerkenswerte PSI-Fähigkeiten aufweist, sondern auch noch mit einer tödlichen Strahlenkrankheit infiziert versehentlich das Schiff verlässt und auf eine Irrfahrt durch das Blaue System geschickt wird. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, geht der Kontakt mit der Minenkolonie Gorbas-IV verloren und eine ominöse Nachricht vom nach wie vor im Dunkeln bleibenden Paronn deutet an, dass dort entscheidende Dinge geschehen. Dinge, die den Lauf der Galaxis ändern können...
Es ist bemerkenswert, wie sehr sich doch zwei Romanreihen im Tonfall unterscheiden können. So sehr Leo Lukas‘ subversiver Humor in der „Odyssee“-Reihe funktioniert, so sehr scheint doch zu Beginn dieses Buches seine „Wiener Mundart“ Fehl am Platze zu sein. Die Flachsereien und ironischen Wortspielchen wirken seltsam bemüht angesichts der dramatischen Handlung und auch so manche nebenbei auftauchende Witzfigur hinterlässt einen eher abgeschmackten Eindruck. Zudem spielt ein nicht unbedeutender Teil in der ersten Hälfte der Geschichte auf der neuen Arche, der ACHATI UMA, auf der sich in einer Parallelhandlung das Leben des zwergenhaften Knaben Boryk entfaltet, der in einer Art frühhistorischen Gesellschaft seine Mannbarkeitsprüfung vollzieht, dabei Dutzende Frauen glücklich macht (ein siebenjähriger Junge!), schließlich sein Göttin trifft und von ihr einige Wahrheiten über seine Welt erfährt. Vielleicht liegt es daran, dass ich kein ausgemachter Fan von Fantasy-Romanen bin, aber derlei Beschreibungen archaischer Stammeskulturen haben mich aufgrund ihrer Klischees schon immer gelangweilt – und die hier ist leider keine Ausnahme.
Doch die Handlung bessert sich enorm, je stärker Perry Rhodan, seine Suche nach Levian Paronn und seine Reise ins Blaue System in den Vordergrund rücken. Geschickt erhöhen die Einschübe aus der Subjektive Paronns die Spannung, legen sie doch nahe, dass der terranische Resident sein Ziel praktisch vor Augen hat und gleichzeitig doch nicht die geringste Ahnung hat, was hier wirklich gespielt wird. Überhaupt – und dies muss man dem Roman wirklich zugute halten – wird diesmal das Geheimnis um die Archen auf ein ganz neues Level gehoben. Dass dabei Levian Paronn eine nicht unbedeutende Rolle spielt, war zwar nach „Exodus der Generationen“ abzusehen, aber die Wendungen im Plot sind dann doch atemberaubend. Und das Ende des Ganzen ist nicht nur ziemlich spannend, sondern auch ziemlich clever.
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass zu Beginn des Buches diesmal die LAS-TOÓR in Wort und Bild vorgestellt wird und am Ende Hartmut Kasper inhaltlich passend über das Konzept der Unsterblichkeit sinniert.
Fazit: Leo Lukas besitzt als Autor zwei Stärken: einmal seinen ironischen Stil, der mit subversivem Witz am Mythos Perry Rhodan kratzt, und dann sein Gespür für Spannungsaufbau und Dramatik im Finale. Die erste will in „Der erste Unsterbliche“ nicht wirklich funktionieren, sondern scheint sich gegen die Tragweite der Handlung regelrecht zu verkanten, wirkt sperrig, mitunter plump. Die zweite hingegen lässt derlei Mängel im Detail gerne vergessen, denn mehr als erfolgreich treibt Lukas die Geschichte um die Archen voran und setzt ihnen zum Schluss einen zeitweiligen ersten Höhepunkt. Wie es weitergeht? Ich lasse mich überraschen.
Perry Rhodan: Lemuria 4 – Der erste Unsterbliche
Science-Fiction-Roman
Leo Lukas
Heyne 2005
ISBN: 3-453-53015-2
334 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 6,95
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