von Bernd Perplies
Wir erinnern uns: Bei einer diplomatischen Mission im Ochent-Sektor findet der Prospektorenraumer PALENQUE unter Captain Sharita Coho ein uraltes Generationenschiff, die NETHACK ACHTON. Bevor man das Relikt untersuchen kann, taucht ein Forschungskreuzer der Akonen auf, deren Raumgebiet an den Sektor grenzt und die sich mit Terra in einem unerklärten Kalten Krieg befinden. Doch Verstand siegt über Misstrauen und gemeinsam geht man an Bord, um dort nicht nur das menschliche Volk der Metach zu finden, sondern auch zu erfahren, dass die NETHACK ACHTON eine so genannte Sternenarche ist, ausgesandt vor 50.000 Jahren vom Planeten Lemuria, um die Urväter vieler humanoider Rassen der Galaxis, die Lemurer, zu den Sternen zu bringen.
Die NETHAK ACHTON geht an das akonische Militär verloren, doch zuvor kann Perry Rhodan einen Speicherchip bergen, der auf ein zweites Schiff, die LEMCHA OVIR, hindeutet. Die jedoch hat, wie die beiden Forschungsschiffe bald herausfinden, Bruch gemacht und ihre Besatzung ist gerade dabei, sich in ihrer neuen Zwangsheimat zurechtzufinden. Man hat einige Probleme mit den einheimischen Energielebewesen und findet unter dem ewigen Eis eine uralte akonische Station, zuletzt erhält Perry Rhodan eine Black Box der LEMCHA OVIR, die näheren Aufschluss über Mission und Ziel der Sternenarchen geben soll. Hier setzt „Exodus der Generationen“ ein.
Andreas Brandhorst ist ein Autor, der gerne die Abgründe der Zeiten überspannt. In den Romanen seines Kantaki-Universums springt er munter von Abermillionen Jahren in der Vergangenheit bis in eine ferne Zukunft der Menschheit. Daher scheint er regelrecht prädestiniert zu sein, den Leser der „Lemuria“-Reihe in die Hintergründe der Sternenarchen einzuweihen. Entsprechend ist die Handlung konsequent zweigeteilt. Einerseits wird der Fund einer zweiten akonischen Forschungsanlage in einem Asteroiden erzählt, in der sich die Besatzungen einiger Kriecher der PALENQUE sowie Sharita Coho, die Exil-Mentach Denetree und einige Akonen mit einer beschädigten KI herumschlagen müssen, die sie alle umzubringen droht. Daran gekoppelt ist das Schicksal einiger Mutanten der wracken LEMCHA OVIR, die sich aus einem Trümmerstück im All retten können und dabei in die Fänge der Station geraten.
Andererseits geht Brandhorst 50.000 Jahre zurück in das früher Raumfahrtzeitalter des Planeten Lemuria (später Terra), wo eines Tages ein Fremder namens Levian Paronn auftaucht, der verkündet, er müsse die Kinder Lemurs zu den Sternen führen, um das Überleben der Menschheit zu sichern, die durch einen furchtbaren Feind aus dem All bedroht wird, von dem sie noch gar nichts weiß. So macht er sich, stets von seinem Chronisten Deshan Apian begleitet, daran, die Bewegung der Sternensucher zu gründen und den Bau der Sternenarchen in Angriff zu nehmen. In den folgenden Jahrzehnten entpuppt er sich nicht nur als Unsterblicher, er scheint auch weit mehr über die Dinge, die da kommen, zu wissen, als jeder andere auf Lemuria. Seine tatsächliche Identität hingegen bleibt ungelüftet – und könnte Inhalt des vierten Bandes der Hexalogie sein: „Der erste Unsterbliche“.
Einmal mehr gelingt es Brandhorst auf elegante Art und Weise, Action, historische Relevanz und Techno-Esoterik miteinander zu verknüpfen. In vielerlei Hinsicht fühlt man sich hier an seinen Kantaki-Zyklus erinnert – was durchaus positiv zu verstehen ist. Allerdings kann man sich mitunter nicht ganz des Gefühls erwehren, dass die Erforschung der Asteroiden-Station nicht viel mehr als ein Seitenfüller ist, ein Handlungsstrang, der den Roman durch seinen direkt gegenwärtigen Bezug zu „Der Schläfer der Zeiten“ in die Reihe eingliedern soll. Tatsächlich vorangebracht wird die Geschichte dadurch nicht, es handelt sich eher um einen dramaturgischen Abstecher und auch eine Verzögerungstaktik, welche die Neugierde auf den eigentlich bedeutsamen Teil, nämlich den titelgebenden Exodus der Generationen in der fernen Vergangenheit, anheizt.
Diesem verdankt der Roman seine eigentliche Güte. Es ist nicht nur interessant, zu lesen, unter welchen historischen Umständen die Sternenarchen entstanden, nein, vielmehr hat man selbst als Teilzeit-Rhodaner den Eindruck, hier der Enthüllung eines wichtigen Puzzlestückes in der jahrtausendlangen, komplexen Geschichte des Perry-Rhodan-Universums an sich beizuwohnen: dem ersten Konflikt der Lemurer mit den „Bestien“, die später als Haluter bekannt werden sollten, zu denen ja auch Icho Tolot, der Freund Perry Rhodans zählt. Schon jetzt, im dritten Band der Reihe, künden die Zeichen von kommenden Erkenntnissen, die große, galaktische Zusammenhänge auf spannende Weise erhellen werden.
An Bonusmaterial wird vorne die Sternenarche ACHATI UMA samt Risszeichnung vorgestellt, im Anhang sinniert Hartmut Kasper „Über Raumreisen unter relativistischen Bedingungen, Zeitdilatation und damit zusammenhängende Gegenstände“. Das stimmungsvolle Umschlagbild, das die ersten Archen über Lemuria zeigt, stammt einmal mehr von Production Designer Oliver Scholl.
Fazit: Zwar trägt der „Exodus der Generationen“ auf der Gegenwartsebene kaum mehr zur Handlung rund um die Sternenarchen bei als der Vorgängerband „Der Schläfer der Zeiten“, dafür entfaltet er in einem parallelen Erzählstrang 50.000 Jahre in der Vergangenheit sein volles Potenzial. Kurzweilig umreißt Brandhorst den Weg der Lemurer ins All und beantwortet damit viele der zuvor aufgeworfenen Fragen, nicht ohne allerdings gleich einen ganzen Stapel neue Mysterien zu hinterlassen, an denen sich seine Folgeautoren abarbeiten dürfen. Ich bin gespannt...
Perry Rhodan: Lemuria 3 – Exodus der Generationen
Science-Fiction-Roman
Andreas Brandhorst
Heyne 2005
ISBN: 3-453-53012-8
366 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 6,95
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