von Bernd Perplies
„Die Sternenarche“, so lautet der Titel des ersten Bandes, den Frank Borsch geschrieben hat. Dabei handelt es sich um ein riesiges, uraltes Generationenschiff, mit dem das Volk der Metach seit Tausenden von Jahren durchs Weltall reist, einem lange vergessenen Ziel entgegen. Die Lebensumstände an Bord sind geprägt von harter Arbeit, um die langsam aber stetig zur Neige gehenden Ressourcen optimal auszunutzen und um den ebenso langsamen aber stetigen Verfall des Habitats so weit wie möglich zu begrenzen (von Aufhalten ist keine Rede mehr). Träumer sind hierbei nicht gefragt, weswegen das Netz, der intelligente, aber nicht mehr ganz richtig getaktete Supercomputer der Arche, alle, die sich nach dem eigentlichen Zweck dieser Reise fragen und deren Gedanken hinaus zu den Sternen schweifen, die man jenseits der metallenen Außenhaut niemals zu sehen bekommt, als Ruhestörer, ja Verräter, brandmarkt.
Venron ist einer dieser Verräter, der beharrlich über den eingeschränkten, gebogenen Horizont seines Lebensraums hinausblicken möchte. Er versucht, von der Arche zu fliehen und muss dieses dreiste Unterfangen nicht nur mit dem Leben bezahlen, auch all die anderen „Träumer“ werden plötzlich verfolgt – als Gefahr für die Gesellschaft – und befinden sich in Todesgefahr, darunter seine Schwester Denetree, die sich auf einmal gezwungen sieht, unterzutauchen – so gut das eben in einem völlig abgeschotteten Lebensraum geht.
Was hat das alles mit Perry Rhodan zu tun? Kommt noch – wenngleich es tatsächlich im Roman eine ganze Weile dauert (bis irgendwo ab S. 120), bis sich die beiden parallelen Erzählstränge zu überkreuzen beginnen. Der Unsterbliche nämlich befindet sich als Gast in geheimer Mission an Bord des Prospektorenschiffes PALENQUE, um im Ochent-Sektor diplomatischen Kontakt zu den Akonen zu suchen, mit denen sich die Terraner im unerklärten Kalten Krieg befinden. Als einer der Kriecher – ein Beiboot – der PALENQUE verschwindet, befürchtet man das Schlimmste. Doch statt Akonen findet man das Wrack einer fremdartigen Fähre, mit der das Beiboot offenbar kollidiert war und welche Perry und die anderen zu der unglaublichen Sternenarche führt. Dann allerdings tauchen doch noch die Akonen auf – und es wird alles ein bisschen komplizierter!
„Die Sternenarche“ ist ganz eindeutig der Auftaktband einer Reihe. Im Prinzip werden nur alle Protagonisten erst einmal ein- und dann zusammengeführt: Perry Rhodan, Denetree, die Besatzung der PALENQUE, der Arche und die Akonen. Das heißt jedoch keinesfalls, dass das langweilig zu lesen wäre! Tatsächlich gefällt mir der Einstand zur neuen Reihe „Lemuria“ sogar noch besser, als der Beginn der „Odysee“-Reihe; vielleicht, weil es nicht so eine große Gruppe an Charakteren gibt (die dann erst einmal radikal dezimiert werden muss, um am Ende dennoch zu viele „Helden“ aufzuweisen, als dass jeder von ihnen hinreichend Platz im Rampenlicht zugestanden werden könnte). Diesmal steht ganz klar Perry Rhodan im Zentrum, der völlig alleine unterwegs ist – zumindest im ersten Band.
Und auch die anderen Charaktere gefallen: der lässige Funker der PALENQUE Alemaheyu Kossa, die steife Kommandantin Sharita Coho, der ungewöhnlich unangepasste und dabei doch selbstsichere Captain des Akonenschiffes Jere von Baloy... einzig die schon wieder klischeehafte Metachgemeinschaft mit ihrem „Ich will gar nicht böse sein, es ist nur meine Pflicht“-Naahk Netwar und dem orwellschen „Netz“ und seinen Tenoy/Polizisten und der hübschen „Primitiven“ Denetree bietet leichte Reibefläche beim Lesen. Aber derlei totalitär angehauchte Gesellschaftschaftsbeschreibungen haben mich schon immer irgendwie gestört.
Sehr schön ist eigentlich, dass man am Ende der Lektüre nicht die geringste Ahnung hat, in welche Richtung sich die „Lemuria“-Reihe entwickeln wird. Während bei „Odyssee“ ziemlich klar war, dass alle einfach nach Hause wollen und dass dieser Wunsch mindestens sechs Bände bis zur Verwirklichung brauchen wird, lässt sich nicht absehen, wie sich die gespannte Lage zwischen Erdlingen und Akonen entwickeln wird, die in der Sternenarche und ihren Geheimnissen ein Objekt der gemeinsamen Begierde gefunden haben, scheint diese doch einst von den Lemurern auf die Reise geschickt worden zu sein, den entwicklungsgeschichtlichen Vorvätern beider stellarer Rassen.
Apropos „Ende“: Den Epilog finde ich völlig überflüssig. Wenn sie auf einmal alle singen und tanzen... bitte! Muss sowas sein? Dann fühle ich mich immer an die alten „Raumschiff Enterprise“-Folgen erinnert, in denen Kirk am Schluss noch einen Witz reißen muss, damit alle lachend zum Abspann überleiten können. Derlei „Happy Epilogue“ ist meines Erachtens seit mindestens 30 Jahren aus der Mode... (abgesehen davon, dass er einigen Charakteren echt nicht gerecht wird).
Die Aufmachung des Buches lässt kaum Wünsche offen: Auch wenn Heyne mittlerweile zu der Unart übergegangen ist, seinen Büchern keinen beschichteten Schutzumschlag mehr zu spendieren, sondern einfach matte Pappe zu verwenden (was diese sehr anfällig macht für Kratzer und Flecken), gefällt „Die Sternenarche“ durch sein schickes Design mit dem silbernen „Perry Rhodan“-Prägedruck und dem Umschlagbild von Oliver Scholl. Auf den ersten Seiten nimmt eine Grafik von Günter Puschman und eine Beschreibung der PALENQUE die Praxis der Heftromane auf, Geschichten mit technischen Zeichnungen zu illustrieren und aufzuwerten. Im Anhang befindet sich ein Artikel von Hartmut Kasper zum „Generationenraumschiff in der Science-Fiction“, der sich, weil ein literarischer/multimedialer Essay, auf der einen Seite natürlich kurzweiliger liest, als die wissenschaftlichen Abhandlungen von Rüdiger Vaas in den Anhängen der „Odyssee“-Reihe, auf der anderen Seite ist er jedoch zwangsläufig nicht ganz so informativ und er bricht ein bisschen mit dem Konzept, die Geschichten des Perry-Rhodan-Universums mit harten Fakten zu kombinieren und so Science und Fiction wirklich zusammenzubringen.
Fazit: „Die Sternenarche“ ist ein lesenswerter Auftakt der neuen sechsbändigen Perry-Rhodan-Reihe des Heyne-Verlags. Man benötigt vielleicht ein bisschen mehr Vorkenntnisse, als für die „Odyssee“-Reihe, aber man kann der Geschichte von Frank Borsch dennoch gut folgen und erwartet mit Spannung den Fortgang der Handlung. Für Teilzeit-Rhodaner (oder Perryisten?) ein wunderbarer Ausflug in das Perry-Rhodan-Universum.
Perry Rhodan: Lemuria 1 – Die Sternenarche
Science-Fiction-Roman
Frank Borsch
Heyne 2004
ISBN: 3-453-53003-9
318 S., Taschenbuch, deutsch
Preis. EUR 6,95
bei amazon.de bestellen
