Pendragon 5th Edition

Uther Pendragon, der Namensgeber dieses Rollenspiels, ist kein geringerer als der Vater von König Artus, dem legendären König der Briten, Herrn über Camelot und Begründer der Tafelrunde. Somit ist auch sofort klar, worum es bei „Pendragon“ geht: um das Rittertum in der Blüte seiner Legenden...

von Reinhard Kotz

 

Aufmachung

„Pendragon“ kommt in einem stabilen Hardcover daher. Das Papier ist hochwertig und auch der Druck lässt nichts zu wünschen übrig, sodass bereits das erste Blättern Freude bereitet. Die Aufmachung ist klar und übersichtlich gestaltet. Einzig die eingefügten „Kästen“, die Zusatzinformationen am Rande bieten, missfallen mir von ihrer optischen Aufmachung her, weil sie nur oben und abwechselnd links oder recht einen künstlerisch angehauchten Rand haben und sich somit nicht deutlich genug vom restlichen Text abgrenzen. Einfache, grau unterlegte Kästen wären da meiner Meinung nach zweckdienlicher gewesen.

Das Buch ist in acht Kapitel und fünf Anhänge aufgeteilt. Der Text ist gut gegliedert und mit zahlreichen Überschriften versehen, welche die Orientierung stark vereinfachen. Die schwarz-weißen Illustrationen sind vom Stil her sehr unterschiedlich, weil sie von mehreren Künstler stammen, qualitativ jedoch durchgängig gut. Besonderst die Bilder von Eric Hotz treffen meine persönliche Vorstellung von der Zeit von Königs Artus sehr genau. Sehr schön sind auch die farbigen Innendeckel, auf denen sowohl die Wappen der bekanntesten Ritter als auch eine Karte der Reiche in GB zu der damaligen Zeit zu finden sind. Unterm Strich eine qualitativ hochwertige Aufmachung, an der es nur wenig zu bemängeln gibt.

Worum es geht

Bei „Pendragon“ schlüpfen die Spieler in die Rolle des ältesten Sohnes eines angesehenen Rittergeschlechts, der kurz vor seinem Ritterschlag steht. Nach den ersten Abenteuern dürfte er genügend Ruhm angesammelt haben, um zum Ritter geschlagen zu werden. Anschließend wird er immer wieder gefährliche Questen für den König oder seinen Lehnsherrn übernehmen, bei denen er seinen Mut und seine Loyalität unter Beweis stellen kann. Dies alles hört sich für den geübten Fantasy-Rollenspieler zunächst sehr vertraut an, jedoch gibt es bei „Pendragon“ einige Besonderheiten.

Der Charakter erlebt nicht ein Abenteuer nach dem anderen, sondern wird meist nur mit ein oder zwei Questen pro Jahr betraut. Die restliche Zeit verbringt er mit alltäglichen Dingen, wie dem Verwalten seines Ritterguts oder den ihm auferlegten Pflichten gegenüber seinen Lehnsherrn oder seiner Familie. Diese Aufgaben werden rollenspieltechnisch nicht ausgespielt, sondern mit wenigen Sätzen übersprungen. Dadurch altert und reift ein Charakter bei „Pendragon“ schneller als bei anderen Rollenspielsystemen üblich, was viele interessante Aspekte ins Spiel bringt.

Die anfänglichen Ritterjahre werden vermutlich sehr abenteuerlich sein und viel Ähnlichkeit mit klassischen Fantasy-Rollenspielen haben. Ist der Ritter aber erst einmal an Reife gewachsen, dann wird er danach streben, die richtige Frau zu finden, deren Herz zu erobern und mit ihr eine Familie zu gründen. Möglicherweise folgen auch bald schon Nachkommen, was natürlich eine neue, bei Rollenspielen bisher unübliche Verantwortung mit sich bringt. Im Laufe der Zeit wird der Ritter auch das Erbe seines Vaters antreten. Nunmehr muss er sein Rittergut selbst verwalten und sich um die Belange seiner Untertanen kümmern.

Viel Zeit für Abenteuer bleibt da nicht mehr, aber wie gut, dass die eigenen Nachkommen mittlerweile schon so alt sind, dass sie selbst danach streben, in die Fußstapfen ihres tapferen Vaters zu treten und in die große weite Welt ziehen. Der Spieler übernimmt nun zusätzlich zu seinem ersten Charakter noch die Rolle seines ältesten Nachkommens, der zum Teil Charakterzüge von seinem Vater übernimmt. Auch diese steht kurz vor seinem Ritterschlag und das Abenteuer beginnt von vorne...

Spielmaterial

Zeitlich gesehen beginnt „Pendragon“ im Jahre 485 A.D., wo Uther Pendragon (Pendragon ist übrigens kein Name sondern ein Titel) noch an der Macht ist. Doch schon wenige Jahre später wird er in der Schlacht von St. Albans fallen und eine Periode der Anarchie auslösen, da er keinen offiziellen Erben zurücklässt. Erst Jahre später wird dann sein Sohn Artus auftauchen und das klassische Zeitalter einleiten, das vielen aus Buch und Fernsehen bekannt ist. Und mit ihm betreten auch solche Berühmtheiten wie Sir Gawain oder Sir Lancelot die Bühne.

Insgesamt spannt sich die Geschichte über 80 Jahre, in der sich natürlich vieles tut. Im Buch werden nicht nur die wichtigsten historischen Ereignisse angesprochen, sondern auch die Entwicklung der Wissenschaft und der Kampftechniken ausführlich erörtert, sodass der Spieleiter diese Aspekte gut ins Spiel einbringen kann.

Die Welt von „Pedragon“ ist eine geglückte Mischung aus historischer Korrektheit und den zahlreichen Sagen und Legenden über König Artus. Neben den spielrelevanten Informationen über beispielsweise Ausrüstung und Waffen, wird auch umfangreiches Hintergrundmaterial über die damalige Zeit geboten. Gleich ob man Informationen über die Reiche, deren Bewohner oder die Gesellschaft allgemein sucht, es finden sich immer entsprechende Ausführungen im Buch. Lobenswert ist in dieser Hinsicht auch ein Kapitel, welches das Allgemeinwissen eines typischen Ritters wiedergibt. Dieses kann der Spielleiter gut kopieren und im Vorfeld an seine Spieler austeilen, um den Einstieg zu erleichtern. Natürlich gibt es auch ein Einstiegsabenteuer, auch wenn dies meiner Meinung nach etwas kurz ausgefallen ist.

Kurz: das Buch beinhaltet reichliche Informationen über das Rittertum an sich und ist daher auch für Leser interessant, die sich weniger für das Rollenspiel „Pendragon“, sondern mehr für universell verwendbares Hintergrundwissen interessieren, das sie in ihre Systeme einbringen können.

Die Regeln

Die Regeln von „Pendragon“ sind einfach gehalten. Es gibt fünf Eigenschaften (Größe, Geschicklichkeit, Stärke, Ausdauer und Charisma), auf die der Spieler 60 Punkte verteilen kann. Von diesen leiten sich dann einige weitere Attribute ab, die vor allem für den Kampf relevant sind. Eine Liste mit Fähigkeiten gibt es natürlich auch. Alle Attribute haben Werte zwischen 1 und 20.

Die Proben erfolgen mit einem W20. Dementsprechend schnell geht auch die Charakterschaffung von der Hand, was aber natürlich auch daran liegt, dass jeder Spieler einen Ritter spielt und daher vom Hintergrund sehr eingeschränkt ist. Es gibt aber auch einige Ratschläge für abweichende Charaktergestaltungen, beispielsweise für weibliche Charaktere. Damit die Charaktere nicht zu stereotypisch sind und wie ein Ei dem anderen gleichen, wurden Tugenden und Laster sowie Passionen eingeführt, mit denen ein Charakter seine besonderen Charakterzüge betonen kann.

Insgesamt gibt es 13 Tugend-Laster-Paare, die sich gegenüberstehen (etwa Tapferkeit und Feigheit oder Milde und Grausamkeit) und die zusammen immer den Wert von 20 haben. Wer also in Tapferkeit einen Wert 15 hat, hat automatisch in Feigheit einen von 5. Passionen hingegen sind besondere Charakterzüge, die tief im Herzen des Ritters verwurzelt sind, wie beispielsweise Loyalität seinem Lehnsherrn gegenüber oder Hass auf alle Sachsen. In kritischen Situation kann der Spielleiter einen Wurf auf die Tugenden/Laster oder Passion verlangen und bei Gelingen eine angemessene Handlung vom Spieler fordern. Ein tapferer Ritter wird beispielsweise auch bei klarer Unterlegenheit nicht fliehen (so gerne es der Spieler auch möchte). Durch diesen Aspekt ist die Generierung vielschichtiger und abwechslungsreicher Ritter gewährleistet.

Auch die Kampfregeln bestechen durch ihre Schlichtheit. Jeder würfelt auf seine Kampffertigkeit und die beiden Würfe werden verglichen. Ist der eine besser als der andere, dann trifft er ihn und würfelt den Schaden aus. Natürlich gibt es noch einige Sonderregeln oder Modifikatoren durch den Einsatz bestimmter Waffen, doch kann man allgemein festhalten, dass bei „Pendragon“ die Atmosphäre wichtiger ist als die Kenntnis aller Sonderregeln, wodurch „Pendragon“ auch ein einsteigerfreundliches Rollenspiel ist..

Fazit: Das Konzept von „Pendragon“ weiß zu überzeugen. Die Atmosphäre von und um König Artus wird hervorragend eingefangen und um interessante Aspekte ergänzt. Gerade die Generationen übergreifende Grundidee ist sehr originell und bereichert das Spiel ungemein. Die Regeln sind gut gewählt und unterstützen das besondere Flair von „Pendragon“. Zudem werden sowohl Regeln als auch Hintergrund umfassend dargestellt, sodass man ohne weitere Werke sofort losspielen kann. Ich kann das Regelwerk daher ohne Einschränkungen jedem empfehlen, der schon immer einmal in der Welt von König Artus spielen wollte oder sich einfach nur über das Rittertum allgemein informieren möchte.


Pendragon 5th Edition
Grundregelwerk
Arthausgames 2005
ISBN: 1-58846-947-6
230 S., Hardcover, englisch
Preis: $ 34,99

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