von Bernd Perplies
Kerberos, eine Dschungelwelt am Rande der von Menschen besiedelten Galaxis. Bislang erlangte der Planet bestenfalls zweifelhafte Berühmtheit durch sein Hauptexportgut: potente Biodrogen, so genannte falsche Träume. Doch unter der Fassade aus Mittelmäßigkeit und Elend, der auch die Mönche der Aufgeklärten Gemeinschaft mit ihrer speziellen Verbindung zur Weltseele nicht beizukommen vermögen, ticken gleich zwei Zeitbomben.
So treibt die Firma „New Human Design“ im Auftrag Cordobans, des früheren Meisterstrategen des ebenso früheren Primus Inter Pares Valdorian, das Projekt „Doppel-M“ voran: Die Entwicklung eines hoch anpassungsfähigen Metamorphen, der in wandelbarer Menschengestalt und mit unglaublichen Fähigkeiten versehen als Instrument für schändliche Taten missbraucht werden soll. Doch bei einem Laborunfall geht der Metamorph verloren und die Verantwortlichen, Direktor Rubens Lorgard und Sicherheitschef Ewald Emmerson, sehen schon einen fast unbesiegbaren Killer durch die Straßen der Millionenstadt Chiron schleichen.
Den Autokraten Alexander Stokkart von Kerberos, den nominellen Herrscher des Planeten, der aber NHD verpflichtet ist, interessiert indes weit weniger, was in der Stadt an der Küste des Meeres geschieht, als vielmehr was auf dem Meeresgrund verborgen liegt. Seine Wissenschaftler haben zwei seltsame Artefakte gefunden und auch wenn Stokkard nicht die geringste Ahnung hat, mit welcher Art Feuer er da spielt, glaubt er doch sicher zu wissen, dass er hier einen äußerst lukrativen Fund gemacht hat, der seine Position im Machtgefüge nicht nur seiner kleinen Welt, sondern sogar in intergalaktischen Dimensionen gesehen deutlich ändern könnte.
Die dritte große Handlungslinie folgt Bruder Eklund von der Aufgeklärten Gemeinschaft, der in den Slums von Chiron den Jungen Raimon findet und im Laufe der Zeit feststellen muss, dass dieser Junge nicht nur bemerkenswerte Kräfte hat, sondern auch ein dunkles Geheimnis hegt, das sich allerdings für Eklund zur religiösen Queste wandelt. Wie genau Raimon, die Artefakte, NHD, Valdorian, die Kantaki und die Temporalen zusammenhängen, vermag am Ende wohl nur der Leser zu erkennen.
Wie schon „Diamant“ ist auch „Der Metamorph“ ein äußerst vielsträngig und komplex verflochten komponierter Roman, eingebettet in einen fantastischen Universenentwurf und eine trotz 575 Seiten Handlung fast perfekten Spannungsdramaturgie. Litt der erste Roman noch ein wenig an dem Erzählkonzept zahlreicher großer Zeitsprünge, mangelte es ihm ein wenig an Identifikationsfiguren und überforderte er den Leser möglicherweise durch sein ausgesprochen dichtes und doch kaum erklärtes Universum, erntet „Der Metamorph“ hier nicht nur die Früchte der Vorarbeit seines Vorgängers, sondern funktioniert auch auf allen anderen Ebenen einfach besser.
So bekommt man als Leser nach gut 1000 Seiten Kantaki-Universum so langsam ein Gefühl für das Setting, für seine Figuren und sein Geschichtenpotential (das, ganz nebenbei, noch nicht einmal im Ansatz ausgereizt ist). Außerdem erlaubt sich Brandhorst diesmal den Spaß, die Handlung ultrahoch zu verdichten. Eine ganze Weile erwartet man mit ungläubigem Grinsen im Gesicht regelrecht, dass der ganze dicke Roman seine Ereignisse innerhalb von 24 Stunden erzählen würde – was letztlich dann doch nicht ganz der Fall ist. Und schließlich finden sich in der einmal mehr enormen Riege an Charakteren – die faszinierenderweise trotzdem fast alle an Kontur gewinnen (wobei dies witzigerweise bei „Normalbürgern“ besser klappt als bei hohen Tieren wie Rubens Lorgard oder dem neuen Koordinator des Konsortiums Lukert Turannen) – durchaus etliche Gestalten, denen man seine Anteilnahme schenken kann und deren Schicksal einen streckenweise durch den Roman mitzieht. Obwohl es Brandhorst gar nicht so sehr darauf anlegt, erzeugt er doch diesmal vielmehr genügend äußere Spannung, sodass sich das Buch eher wie ein Katastrophenszenario liest, bei dem ja auch eher die dramatischen Ereignisse an sich fesseln als die daran beteiligten Personen.
Das schöne Cover zeigt erneut ein deltaförmiges Raumschiff, das nicht wirklich zur Geschichte zu gehören scheint, es sei denn, es sollte einen mittelgroßen Jäger der Panther-Klasse darstellen – der allerdings keine exponierte Rolle innerhalb der Handlung spielt. Als „Bonusmaterial“ finden sich die Risszeichnung eines Kampfschiffes der Tiger-Klasse und eine Weltkarte des Planeten Kerberos vorne sowie ein Glossar und eine Chronik des Kantaki-Universum im hinteren Teil des Buches – nicht wirklich nötig diesmal, aber sehr schön.
Fazit: Mit „Der Metamorph“ ist Andreas Brandhorst ein durchweg qualitativer Triumph über seinen bereits schon ziemlich lesenswerten Roman „Diamant“ gelungen. Die Anlagen seines Kantaki-Universums werden auf spannende Art und Weise ausgebaut im Rahmen einer Handlung, die wundervoll polyphon komponiert ist, sprachlich niemals langweilig wird und alles in allem einfach gute, episch angehauchte Science-Fiction-Unterhaltung darstellt.
Der Metamorph (Kantaki-Zyklus 2)
Science-Fiction-Roman
Andreas Brandhorst
Heyne 2005
ISBN: 3-453-52009-2
606 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 9,95
bei amazon.de bestellen
