Kantaki-Zyklus 1: Diamant

Meine Ignoranz mag mir jetzt ein paar Feinde bescheren, aber es ist doch so: Sieht man vom lebendigen Umfeld der Heftromane ab, sind Science-Fiction-Romane von deutschen Autoren auf dem Buchmarkt heillos unterrepräsentiert. Das mag weniger für Kleinstverlage gelten, aber sobald man in die Kataloge der Branchengrößen schaut, wird es dünn. Andreas Eschbach vermochte es ganz gut, Fuß zu fassen. Ansonsten hat man als Autor noch die besten Chancen auf Veröffentlichung, wenn man eine der namhaften Reihe bedient („Perry Rhodan“, „Shadowrun“). Umso erfreulicher ist der 590 Seiten schwere Buchkoloss von Andreas Brandhorst, der unter dem Titel „Diamant“ ein völlig neues Universum entwirft und dabei sogar als Auftakt einer ganzen Reihe geplant ist.

von Bernd Perplies

Auf den ersten Blick mag der Weltenentwurf etwas verwirrend wirken. Das liegt daran, dass der Leser gleich mitten in die Geschichte und mitten in das Universum hineingeworfen wird. Im Prolog befinden wir uns an Bord eines mit seltsamen Fremdwörtern gespickten Alienschiffes und reimen uns nur so viel zusammen, als dass es wohl gerade zum Erstkontakt mit der Menschheit kommt. Dann heißt es „3000 Jahre und einen Zeitkrieg später“. Paff! Mitten in die mentale Magengrube! Im ersten Moment ärgere ich mich immer über solch groteske Plotsprünge, im zweiten finde ich sie mutig und im dritten richtig gut.

Erzählt wird – ab diesem Moment – im Prinzip von der letzten Reise von Rungard Avar Valdorian, des Primus inter Pares des so genannten Konsortiums, eines galaktischen Wirtschaftskonglomerats, das nur noch einen einzigen Konkurrenten hat: die Allianz. Valdorian ist alt und dem Tode nahe. Zellregenerationen nutzen bei ihm nichts mehr. Seine einzige Chance sind die Kantaki, denn sie und ihre Schiffe reisen außerhalb des Zeitstroms und bieten somit relative Unsterblichkeit. Doch die Kantaki, die das Monopol auf überlichtschnelle Transporte zwischen den Sternen halten und damit unantastbar sind (die primitive Sprungtechnologie der Horgh eignet sich allenfalls für Frachtgüter), folgen einem komplexen Sakralen Kodex, der ihnen verbietet, die Zeit zugunsten „Sterblicher“ zu manipulieren – der Zeitkrieg sollte alle die furchtbaren Folgen solchen Tuns verdeutlicht haben. Doch Valdorian will unbedingt leben und so versucht er die Kantaki über eine ihrer menschlichen Piloten zu erreichen: Diamant, eine ebenso abgeklärte wie gefühlvolle junge Frau, die früher Lidia hieß und eine kurze Zeit in Valdorians Jugend seine Geliebte war, bevor sich beider Wege wieder trennten – wenngleich nie richtig.

Diese beiden Wege sind es, die in Rückblenden einen großen Teil des Buches (sicher die Hälfte) ausmachen. Kurios ist dabei, dass Brandhorst zwar das Kennenlernen und die kurze Liebe zwischen Valdorian und Lidia beschreibt, dann aber Valdorians Lebensweg völlig ausblendet und sich – in Zeitsprüngen von mitunter Jahrzehnten – allein Lidias Ausbildung zur Kantaki-Pilotin und dann ihrer Zeit in Diensten von Mutter Krir und später ihrem Sohn Grar widmet. Na ja, zugegeben, die eher weltliche Karriere eines Wirtschaftsmagnaten ist wohl vergleichsweise uninteressant und wie sich zeigt, hat sich Valdorian in den vielen Jahren vom ersten Treffen mit Lidia bis zu ihrer letzten Begegnung kaum charakterlich weiterentwickelt. Er war ein Egoist und ist nach wie vor einer – nur dass ihn der nahende Tod zusätzlich zu einem Wahnsinnigen werden lassen, der zu jedem Mittel greift, um regelrecht fanatisch seine Suche nach Diamant voranzutreiben. Dieser Plot der Gegenwart eskaliert zusehens, zunächst durch einige tödliche Intrigen, dann durch einen ausgewachsenen Krieg zwischen dem Konsortium und der Allianz, von Valdorian vom Zaun gebrochen, nur um seinen Fuß auf eine bestimmte Allianzwelt setzen zu können.

Auf einer Ebene jenseits dieser sehr menschlichen Irrungen und Wirrungen deutet Brandhorst einen noch größeren und ungleich komplexeren Konflikt an. Im Null, einer Art Kerkerdimension jenseits von Raum und Zeit, hocken die so genannten Temporalen, die seinerzeit für den furchtbaren Zeitkrieg verantwortlich waren und am Ende durch die vereinten Anstrengungen der Kantaki und der Feyn besiegt werden konnten. Sie haben keinen direkten Zugriff mehr auf das Universum, wie wir es kennen, doch mithilfe von Suggestoren und subtilen Einmischungen in den Zeitstrom arbeiten sie geduldig an ihrer Rückkehr.

Das Universum, das Brandhorst entwirft, ist einerseits sehr gut ausgearbeitet und bleibt andererseits relativ vage. Auf der Habenseite stehen eine Fülle interessanter, neuer Konzepte, so etwa das überlichtschnelle Reisen der Kantaki mithilfe von besonders begabten Piloten, welche die Schiffe im Transraum mit den „Fäden“, die das Universum verbinden, verknüpfen, um sicher an ein bestimmtes Ziel zu kommen. Selten hatte ein derart brachial-physikalisches Phänomen wie die Überlichtgeschwindigkeit ein so metaphyisches Gerüst. Auch Begriffe wie Ambientalblasen, Levitatoren und Hefoks zeugen von der Fantasie des Autors wie auch von seinem Bestreben, ausgetretene sprachliche Wege zu verlassen. Nichtsdestoweniger bleibt die Kulisse seltsam entrückt und bei den zahlreichen Sprüngen von Welt zu Welt und von Zeit zu Zeit will sich das Gefühl eines „dichten“ Universums irgendwie nicht einstellen. Man merkt deutlich, dass das Innenleben der Figuren Brandhorst wichtiger war – und es ist natürlich einzugestehen, dass ein ganzes Universum, wie es hier entworfen wird, schwerlich in einem Buch ausformuliert werden kann. Dennoch: Bereits direkt nach der Lektüre fällt es mir schwer, mich auch nur an mehr als ein oder zwei Planetennamen und deren Eigenheiten zu erinnern...

Die Figuren wirken dafür umso stärker. Die Selbstverliebtheit Valdorians, die sich mit der Zeit in Fanatismus wandelt und dabei nur selten von Reue unterbrochen wird, springt einen geradezu an. Ebenso eindringlich ist die Mischung aus Einsamkeit und quasi-religiöser Transzendenz im Wesen Lidias/Diamants gezeichnet. Das gibt ihnen beiden recht deutliche Konturen, macht sie aber kaum zu Lieblingen des Lesers. Entsprechend schleppend gestaltet sich auch der Einstieg in „Diamant“, als die Geschichte sich noch allein aus der Charakterentwicklung seiner beiden Protagonisten, die einem eigentlich egal (Lidia) bis lästig (Valdorian) sind, speist. Erst nach etwa 200 Seiten beginnt das Buch, einen so langsam zu fesseln, denn dann dreht Brandhorst zunehmend an der Spannungsschraube und zudem gewinnen ein paar Nebencharaktere an Bedeutung, die – wie so oft – eigentlich die viel spannenderen Gestalten sind. Cordoban, der Stratege des Konsortiums, Jonathan, Valdorians Privatsekretär, und ganz am Ende Esmeralda, die uralte Kantakipilotin im Körper einer jungen Frau – sie alle haben etwas an sich, das sie für den Leser interessant werden lässt. Vor allem Jonathan, der stille, unscheinbare Mann, dessen unbedingte Fürsorge dem Primus inter Pares gilt, ganz gleich, welche furchtbaren Fehler dieser macht, ist meines Erachtens die eigentliche Identifikationsfigur der Geschichte, auch wenn uns Brandhorst mit keinem einzigen Satz in dessen Inneres blicken lassen. Er ist so ein bisschen die treue Sam-Figur für Valdorians verderbten Frodo, der die Bürde des Alters zu tragen hat, die er – ganz egoistisch – vernichten will, ganz gleich, ob er dadurch nun einen Krieg auslöst oder sich mit dem Bösen verbünden muss.

Das Ende ist leider sehr offen gehalten. Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen, kann ich doch sagen, dass praktisch keine der Handlungslinien abgeschlossen wird. Tatsächlich wird der Leser sogar mit einem ziemlichen Cliffhanger sitzen gelassen. Die Kauf des Folgebandes der Reihe scheint obligatorisch. Fairerweise hätte man meiner Meinung nach auf dem Umschlag darauf hinweisen sollen, dass es sich nicht um einen Einzelband handelt, sondern um eine explizite Reihe. Es steht zwar innen im Rahmen einer Kurzbiographie des Autors vermerkt, dass „Diamant“ „der Erste in einer Reihe von Romanen, die im Kantaki-Universum angesiedelt sind“ ist, aber das hätte ja auch eine Reihe abgeschlossener Geschichten bedeuten können.

Auf dem Cover ist ein Raumschiff zu sehen, das an ein gleichschenkliges Dreieck erinnert und auf einen Planeten zufliegt. Es sieht ganz hübsch aus, wenngleich etwas unscharf, allerdings scheint es mit dem Inhalt nichts zu tun zu haben. Auf den ersten Seiten befindet sich weiterhin die Abbildung eines Kantaki-Raumschiffes, sowie eine (allerdings recht grobe) Übersichtskarte der Galaxis. Den Abschluss des Buches bilden ein 10-seitiger Glossar sowie eine Chronologie, welche einen Abriss zur Geschichte der Kantaki sowie der Entwicklung der Menschheit von 2021 bis 421 SN (ca. 4500) bietet. Die Detailfreude, mit der Andreas Brandhorst an das Projekt herangeht, lässt erahnen, dass uns noch einige Bücher ins Haus stehen – wenn der Heyne-Verlag den Autor lässt...

Fazit: Obwohl der Einstieg ein bisschen schwer fällt und obwohl es die beiden Protagonisten Valdorian und Diamant dem Leser schwer machen, ihnen Sympathie entgegen zu bringen, ist Andreas Brandhorst mit „Diamant“ ein höchst lesenswerter Einstieg in ein neues Universum gelungen. Vor allem der gnadenlose Niedergang Valdorians sowie einige nette Nebencharaktere ziehen einen in der zweiten Hälfte des Buches mit sich, und die Komplexität der zugrunde liegenden Mythologie wie auch die Detailfreude in alltäglichen Belangen verweisen auf eine Realität, die größer ist als nur ein Roman. Mitunter etwas anstrengend ist der sehr farbenprächtige, dabei aber relativ langsame und sich inhaltlich (nicht sprachlich!) wiederholende Stil von Brandhorst. Gerade die Einsamkeit von Diamant und die ständige Todesnähe von Valdorian, ja überhaupt die Innenwelten der Protagonisten, werden fast quälend breit getreten. Nichtsdestoweniger blicke ich gespannt dem zweiten Band der Reihe mit dem Titel „Der Metamorph“ entgegen.

Übrigens: Wer mit dem Autor direkt in Kontakt treten will, sollte mal auf der Website zum Roman/der Romanreihe www.kantaki.de vorbeischauen. Im dortigen Forum ist Andreas Brandhorst sehr aktiv und antwortet auf wirklich jeden Thread! (Ebenso bemerkens- wie lobenswert.)


Diamant (Kantaki-Zyklus 1)
Science-Fiction-Roman
Andreas Brandhorst
Heyne 2004
ISBN: 3-453-87901-5
590 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 8,95

bei amazon.de bestellen