Interview mit Markus Lehmann zum Spiel „Mission Amazonia“

Im neuen Brettspiel „Mission Amazonia“ entführt uns Spieleerfinder Markus Lehmann tief in den Amazonas. Wie er zum Spieleerfinden kam, warum Biodiversität und Artenschutz für ihn wichtige Themen sind und welche Botschaft er den Spieler*innen mit auf den Weg geben möchte, erzählt er im Interview. Außerdem gibt es einen Ausblick darauf, worauf wir uns als Nächstes freuen dürfen.

von Sabrina 

Ringbote: Hallo Markus. Vielen Dank, dass du dir Zeit für das Interview nimmst. Wie bist du überhaupt zum Spieleerfinden gekommen? Gab es einen bestimmten Moment oder ein Erlebnis, das dich inspiriert hat, eigene Spiele zu entwickeln?

Markus: Ich habe in meiner Kind- und Jugendzeit viele Brettspiele gespielt. Die Klassiker: „Spiel des Lebens“, „Hotel“, „Monopoly“, „Risiko“ usw. Dann kam „Die Siedler von Catan“, und dies hat dann wiederum die Spielfreude massiv erhöht. Mit ca. 18 Jahren habe ich mein erstes eigenes Spiel entwickelt, ein historisches Strategiespiel mit der Weltkarte des Römischen Imperiums. Mir schien, dies habe es damals auf dem (europäischen) Markt nicht gegeben.

Dann kam eine lange Durststrecke bezüglich Spieleerfinden, und zwar bis zur Corona-Zeit. Aber so um 2020 fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich konnte nicht begreifen, wieso ich nicht schon früher angefangen habe, dort weiter zu erfinden, wo ich vor rund 25 Jahren aufgehört hatte. Und wenn du nach Inspiration fragst, dann waren es meist Sachbücher aus Bibliotheken, die mich angeregt haben, ein bestimmtes Thema umzusetzen. Zum Beispiel war mein Erstlingswerk „Tanz der Bienen“ – das Bienen-Thema ist prädestiniert für ein Worker-Placement-Spiel, bei dem man seine Arbeiter (hier: Arbeiterinnen) einsetzt, um verschiedene Aktionen (Nektar sammeln, Honig produzieren, Bienenstock verteidigen etc.) auszuführen.

Weitere Spielentwicklungen, die nie veröffentlicht wurden, waren zwei Burgenspiele, ein Survivalspiel, ein Spiel zur Zeit von Karl dem Großen, ein Spiel zum Abbau von Rohstoffen und deren Verarbeitung zu einem Smartphone sowie ein Spiel zu Labradorhunden (wir hatten damals einen Welpen zur Ausbildung zum Blindenführhund). Man kann also mit Brettspielentwicklungen auch gut bestimmte Themen verarbeiten. ;-)

Ringbote: Ich bin über die Spieleschmiede auf „Mission Amazonia“ aufmerksam geworden. Dort wird Analoges Spielen & Lernen als Initiator genannt, BGG erwähnt zudem Humming Games. Kannst du uns das kurz erklären?

Markus: Die beiden Spiele „Tanz der Bienen“ und „Mission Amazonia“ wurden beide unter dem Namen unseres Vereins „Analoges Spielen & Lernen“ veröffentlicht. Weil wir aber während den Crowdfunding-Kampagnen das Feedback bekamen (insbesondere von Personen aus dem englischsprachigen Raum), dass dieser Name nicht ideal ist, haben wir nun einen Verlag mit dem Namen Humming Games gegründet. In etwa zwei Jahren soll unser nächstes Projekt lanciert werden, und da macht es Sinn, schon jetzt die Weichen in Richtung Internationalität zu stellen.

Ringbote: Vor „Mission Amazonia“ hast du „Tanz der Bienen“ auf den Markt gebracht. In beiden Spielen spielt das Thema Biodiversität und Artenschutz eine große Rolle. Sind das Themen, die dir persönlich am Herzen liegen – oder wie sind sie in deine Spiele gekommen?

Markus: Ich bin gerne in der Natur, und der Schutz dieser Umwelt und Tierwelt ist mir ein Anliegen. Daneben bin ich hauptberuflich Geografielehrer, und da ist Nachhaltigkeit ein wichtiges Grundprinzip, das immer wieder zum Unterrichtsthema wird. Für „Mission Amazonia“ habe ich auch ein Lehrpersonen-Begleitheft entwickelt (kostenlos zum Download, inklusive PowerPoint und Erklärvideo). Es bietet Vorschläge zur Einbettung des Spiels im Unterricht und vor allem eine passende Aufgabensammlung zum Thema Regenwald im Vergleich zu unserem Mischwald (für verschiedene Schulstufen von 10 bis 18 Jahren).

Ringbote: Wer ist die Zielgruppe für „Mission Amazonia“? Familien, Vielspieler, Schulklassen …?

Markus: Es ist vom Niveau her ein gehobenes Familienspiel, aber die Testspiele haben gezeigt, dass auch Vielspieler Spaß daran finden. Ich selber bin ein Vielspieler, und so sind meine Spielgruppen und die Personen, die getestet haben, auch mehrheitlich Vielspieler. Daneben testet meine Familie so einiges, aber deren Feedback ist weniger fundiert, sondern mehrheitlich: „Ja, passt, macht Spaß, kannst weiterentwickeln.“ Oder dann auch so: Als sie bei „Mission Amazonia“ das eine Kapitel haushoch verloren haben, haben sie gewettert, was für ein saublödes Spiel das ist!
In erster Linie ist es für Familien gedacht, doch ich habe es auch schon im Unterricht mit Spezialkursen und Halbklassen eingesetzt. Für volle/ganze Klassen scheint es mir nicht ideal, weil es doch einiges an Regeln und Material hat und nur für 2 bis 4 Spieler*innen konzipiert ist.

Ringbote: Kannst du kurz erklären, wie „Mission Amazonia“ funktioniert, was die Spieler*innen erwartet und was das Spiel besonders macht?

Markus: In „Mission Amazonia“ ist man ein Team aus Regenwaldbeschützer*innen und muss auf verschiedenen Missionen gut zusammenarbeiten, um den Amazonas-Regenwald und die bedrohten Tiere darin zu schützen. Der Kernmechanismus ist Deckbuilding, das heißt man hat ein Startdeck an Aktionskarten und kann für Geld weitere Karten dazukaufen (Budgetaufstockung, Nachtsichtgerät, Funkgerät, Helikopterflug, bessere Fahrzeuge etc.). Daneben hat jede Person eine Spezialfähigkeit und kann diese bei bestimmten Missionen einsetzen. Mit den eigenen Basis-Aktionskarten kann man sich auf der Karte fortbewegen, wo es viele mögliche Wege gibt (auf Wasser- oder Landwegen), um möglichst effizient an die Missionsorte zu kommen.

Fazit: Man sucht sich den idealen Weg und spricht sich gut ab, wer wohin geht und wen bei den Missionen unterstützt, denn die Zeit ist knapp. Wenn man zuerst 12 Missionen erfüllt hat, bevor man 12 Misserfolgsmarker erhalten hat, gewinnt man gemeinsam das Kapitel. Dann geht es zum nächsten Kapitel im Kapitelbuch, mit neuen Missionen, neuer Karte und teilweise erweiterten Spielregeln. (Hinweis: Es ist kein Legacy Game, man klebt also nichts ein oder vernichtet auch keine Karten.)

Das letzte Kapitel, Kapitel 10, spielt in der Zukunft, und da ist der Regenwald ein Bioreservat, und wir sind nun Forscher, die sich an der Erforschung unentdeckter Tierarten beteiligen. Dieses letzte Kapitel spielt sich kompetitiv, das bedeutet, es siegt, wer am meisten Forschungspunkte sammelt.

Ringbote: Wie viel Realismus steckt in „Mission Amazonia“? Inwiefern hast du dich mit tatsächlichen Situationen im Amazonasgebiet beschäftigt – und wie fließt das ins Gameplay ein?

Markus: Ich habe versucht, das Spiel sehr realitätsnah zu gestalten. Es spielt in den drei brasilianischen Bundesstaaten Rondônia, Pará und Amazonia, mit Hauptstraßen, Staudämmen und Flussläufen, die ziemlich genau so in echt vorkommen (Nebenstraßen und -flüsse sind frei erfunden). Die Geschichte beginnt in den 1980er-Jahren, und jedes Kapitel spielt etwa 4 bis 5 Jahre später, in einem der erwähnten Bundesstaaten im brasilianischen Regenwald. Auch die Ereignisse und Missionen sowie die Geschichte, in der das Spiel eingebettet ist, basieren auf den historischen Gegebenheiten. Ich habe mir bei „Tanz der Bienen“ und „Mission Amazonia“ Mühe gegeben, ein sehr thematisches Spiel zu entwickeln.

Ringbote: Welche Botschaft oder welches Gefühl sollen die Spieler*innen mitnehmen, wenn sie „Mission Amazonia“ spielen?

Markus: Für Kinder und Jugendliche würde ich mir wünschen, dass das Spiel ihr Interesse an diesem außergewöhnlichen Lebensraum weckt, und vielleicht führt es auch in der Spielgruppe zu Diskussionen über unseren Beitrag oder unsere Verantwortung in diesem Zusammenhang. Dies ist nicht selbstverständlich, denn der Regenwald ist für viele aus Mitteleuropa doch sehr weit entfernt. Im besten Fall regt es zu nachhaltigerem Konsum an oder zu einem Lebensstil nach dem Suffizienz-Prinzip, wobei dies nun schon etwas naiv ist. ;-) Mein Sohn würde sagen: „Hoff nid!“
Und vom Gefühl her ist es klar: Spaß, Freude am kooperativen Spiel, Zeit zusammen am Tisch ohne digitale Geräte verbringen. Für Familien mit Jugendlichen keine Selbstverständlichkeit, ich spreche aus Erfahrung!

Ringbote: Wo kann man „Mission Amazonia“ erwerben? Und wird es eine Neuauflage von „Tanz der Bienen“ geben? Es ist ja bereits vergriffen.

Markus: Eine Neuauflage von „Tanz der Bienen“ ist momentan nicht geplant. Obwohl schon einige nachgefragt haben, wollen wir uns vorerst darauf konzentrieren, die Lagerbestände von „Mission Amazonia“ zu reduzieren. Bestellen kann man über die Homepage: https://analoges-spielen-and-lernen.jimdosite.com/ oder über die Mailadresse: verein.analoges.spielen@gmail.com (Hinweis: Die Homepage zum neuen Verlag Humming Games ist noch in Bearbeitung.)

Ringbote: Die letzte Frage muss wie immer gestellt werden: Auf was dürfen wir uns als Nächstes freuen?

Markus: Eigentlich wollte ich mal etwas Pause machen, doch ich habe vor einiger Zeit einem befreundeten Spielentwickler gesagt, wir könnten mal zusammen ein Spiel entwickeln, und zwar zu den PC-Spielen, die wir so gerne in unserer Jugendzeit gespielt haben: „Siedler“, „Age of Empires“ und Co. Nun ist er im letzten Sommer mit einem ersten Entwurf auf mich zugekommen, und seitdem sind wir intensiv an der Adaption dran. Weil wir momentan mitten in den IP-Verhandlungen mit einem dieser Videospielhersteller sind, möchte ich den Titel noch nicht nennen, doch es wird ein Eurogame im Kenner- bis Expertenbereich sein. Also weniger pädagogisch, aber immer noch sehr thematisch.

Ringbote: Vielen Dank, Markus, für das nette Interview und natürlich weiterhin viel Erfolg!

Markus: Danke dir und viel Spaß beim Spielen!

Mission Amazonia
Brettspiel für 2 bis 4 Spielende ab 10 Jahren
Markus Lehmann, Victor Sales
Verein Analoges Spielen & Lernen 2025
Sprache: Deutsch
Preis: 49,00 EUR