Interview mit Annika Heller (Deep Print Games) auf dem Pegasus-Pressetag 2026

Annika stellt das Spiele-Line-up von Deep Print Games für die SPIEL 2026 vor. Wir erfahren vom sympathischen Multitalent so einige interessante Hintergrundinfos und dürfen auch ihre Illustrationskunst beim diesjährigen Deep-Print-Headliner „Rooms & Roomies“ bestaunen.

von LarsB und KaiM

Ringbote: Hi Annika, schön, dass wir hier bei dir sein können zum Deep Print Interview auf dem Pegasus Pressetag. Ihr habt hier schon ein paar Neuheiten aufgebaut. Möchtest du aber zunächst noch etwas über Deep Print sagen?

Annika: Wir sind zwar eine Pegasus-Tochter, aber wir sind Deep Print Games. Wir sind ein Brettspiel-Studio und machen etwa sechs Spiele im Jahr. Wir sind immer wieder dafür bekannt, sehr heavy Games zu machen, aber eigentlich decken wir die ganze Bandbreite an Spielen ab. Deep Print steht eher für „tiefe Entwicklung“ im Sinne von: Wir versuchen jedem Spiel die bestmögliche Bühne zu geben und uns wirklich Zeit zu nehmen. Manche Titel sind bei uns jahrelang in Arbeit, wenn es das braucht – auch wenn sie nicht super heavy sind. Wir sind ein dezentraler Verlag, sitzen in Hamburg, Berlin und noch woanders und haben kein festes Büro. Im Vertrieb sind wir hauptsächlich bei Pegasus und deswegen sind wir auch beim Pressetag.

Ringbote: Bevor wir mit den Neuheiten loslegen, kommt die Frage, die ja immer spannend ist, um jemanden kennenzulernen: Was ist denn eigentlich dein Lieblingsspiel?

Annika: Das wird man häufiger gefragt. Tatsächlich ist mein Lieblingsspiel, wenn man alles betrachtet, immer noch „Everdell“. Ich mag die Kombination aus den Illustrationen, dem Material und dem Spiel an sich. Engine Builder mag ich total gerne und das ist immer noch mein Wohlfühlspiel. Dazu gibt es meist noch einen jährlichen Favoriten, also das aktuelle Lieblingsspiel. Momentan wäre das vielleicht „Cozy Stickerville“. Aber dieses Jahr bin ich tatsächlich sehr wenig zum Spielen gekommen, ich bin nicht ganz up to date.

Ringbote: Gut, kommen wir mal zu den anderen, sehr schönen Spielen, die wir hier sehen. Magst du die Spiele vorstellen?

Annika: Wir fangen mit unserem Fokustitel dieses Jahr an: Das ist „Rooms & Roomies“. Das ist ein einfaches Kennerspiel, manche würden es eher als Familie Plus einordnen. Es ist ein typisches Gateway-Spiel, das auch Leute hinbekommen, die sich sonst vielleicht nicht an Kennerspiele trauen, was aber auch Kennern Spaß macht. Man kann den Schwierigkeitsgrad hoch- und runtertreiben, je nachdem, welche Karten man reinspielt. Wir befinden uns in einem Möbelhaus und haben ein Einrichtungsspiel. Wir wollen aber nicht die möglichst perfekte Wohnung einrichten, sondern eine eventuell chaotische WG. Wir nehmen im Möbelhaus nämlich nicht nur Möbel mit, sondern auch Mitbewohnende aus der Cafeteria. Die haben teilweise sehr spezielle Wünsche, wie sie wohnen wollen.

Im Laufe des Spiels richtet jeder individuell seine Wohnung mit den Personen ein. Es ist ein lustiges Einrichtungsspiel mit ganz viel Liebe zum Detail. Es gibt viele Charaktere zur Auswahl und man kann sich seine eigene Identifikationsfigur suchen. Es gibt kleine Transporter und man kann die Personen ins Bett legen – auf der Rückseite haben alle einen Schlafanzug an. Das Spiel ist von Yuri Alexander, sein Erstlingswerk. Es gibt einen Solomodus, man kann es aber mit bis zu fünf Personen spielen. Eine Partie dauert rund eine Stunde.

Ringbote: Ist Yuri Alexander auf euch zugekommen oder wie ist es zu der Zusammenarbeit gekommen?

Annika: Wir haben das Spiel letztes Jahr auf dem „Hippodice“ entdeckt. Der „Hippodice“ ist ein Autorenwettbewerb, bei dem Autoren ihre Spiele einreichen und sie einer Auswahl von Redaktionen gezeigt werden. Die Redakteure testen das vor Ort und es gibt eine Rangliste. Die ersten drei Plätze werden noch vor Ort angerufen und gefragt, zu welchem der interessierten Verlage sie gerne möchten. Yuri hat sich für uns entschieden, obwohl, glaube ich, sieben Verlage Interesse hatten. Das hat uns sehr gefreut. Er ist also nicht direkt auf uns zugekommen, hat sich aber für uns entschieden.

Ringbote: Das Spielmaterial sieht total interessant aus mit den kleinen Lieferwagen. War das eine Herausforderung in der Entwicklung und in der Produktion?

Annika: In der Produktion tatsächlich nicht, aber in der Entwicklung. Unser Chefredakteur Viktor [Kobilke, Anmerkung der Redaktion] ist zum Glück sehr gut darin, aus Pappe verrückte dreidimensionale Sachen zu bauen. Er bastelt das selbst, zerlegt es wieder und erstellt daraus die Stanzbögen. Für den Produzenten ist es ein ganz normaler Stanzbogen. Man baut sich die Transporter selbst zusammen, das geht aber relativ schnell. Ich habe das Spiel illustriert, aber die 3D-Konstruktion ist Viktors Spezialgebiet.

Ringbote: Und das passt dann alles so wieder in die Box?

Annika: Ja. Wir werden noch ein Video veröffentlichen, wie man die Box richtig packt, aber es gibt auch eine Anleitung auf der Schachtelseite. Hier haben wir unser Ziel „Keine Luft in der Box“ sehr ernst genommen – es gibt nur eine Art, wie alles reinpasst!

Ringbote: Sieht auf jeden Fall sehr ansprechend aus. Wollen wir noch zu den anderen Titeln schauen?

Annika: Genau, wir machen mit dem anderen großen Titel weiter: Das ist „Cubaneo“. Wer schon länger Brettspiele spielt, kennt vielleicht noch „Cuba“. Das hätte nächstes Jahr seinen 20. Geburtstag. Es ist eine Wirtschaftssimulation vor der Revolution in Kuba. Wir haben verschiedene Bereiche, in denen wir uns austoben können. Über Handkarten bestimmen wir unsere Aktionen: Man kann in die Politik gehen, in den Handel investieren oder seine eigene Plantage ausbauen. Das Besondere an der Neuauflage ist, dass die Erweiterung „El Presidente“, die es damals nur in kleiner Auflage gab, jetzt fest auf dem Spielplan integriert ist. Die Gebäude wurden überarbeitet und wir haben das Feedback von BoardGameGeek aus 19 Jahren einfließen lassen. Die Regeln wurden überarbeitet und alles greift flüssiger ineinander, wodurch es sich schneller spielt. Das Spielmaterial orientiert sich optisch am alten „Cuba“, aber mit neuem Cover und kleinen Zigarrenschachteln für das Material.

Ringbote: Wann entstand die Idee, eine Neuauflage von „Cuba“ zu machen?

Annika: Peter [Eggert, Anmerkung der Redaktion] hat das generell als seine Mission. Es gab viele tolle Spiele zu einer Zeit, als der Spielemarkt noch nicht so groß war. Viele Leute, die heute spielen, kommen an die alten Titel gar nicht mehr ran, weil Brettspiele meist nur in begrenzter Stückzahl produziert werden. Peter ist da hinterher, alten Titeln noch mal eine Bühne zu geben, damit sie nicht in der Versenkung verschwinden. Bei dem Tempo an Neuheiten auf den Messen kann man Kenner- und Expertenspiele gar nicht so schnell neu entwickeln. Wir haben ein bis zwei Jahre darüber geredet und gemerkt, dass das Interesse – auch international – da ist.

Ringbote: Ihr habt aber auch noch zwei etwas kleinere Boxen hier stehen.

Annika: Das eine ist „Familiar Feat“. Der findige Brettspieler wird bemerken, dass es sehr grün ist und zwei „F“s im Titel hat. Das hängt damit zusammen, dass Friedemann Friese der Autor ist. Es ist ein Friedemann-Spiel, das bei uns erscheint! Wir hatten den Prototypen schon eine Weile auf dem Tisch und Matthias [Nagi, Anmerkung der Redaktion] und Friedemann haben viel daran weiterentwickelt. Wir befinden uns in einem Märchenland, dessen Schloss von Monstern besetzt ist. Wir wollen diese Monster für uns gewinnen, indem wir mit unseren Familiars – unseren freundlichen Begleitern – durch das Königreich reisen und unterwegs immer mehr Begleiter dazu gewinnen, indem wir knuddeln. Es ist eben auch ein Matthias-Spiel. „Familiar Feat“ ist ein bisschen „brainy“ am Anfang und man muss erstmal hineinfinden. Es ist ein Solospiel mit Deckbuilding-Mechanismus. Die für sich gewonnenen Familiar kommen alle in das Deck mit rein. Sobald man nicht mehr genug Leute hat, die knuddeln können, ist das Spiel sehr schnell vorbei. Ich bin sonst gar keine Solospielerin, aber ich liebe es – es macht total süchtig! Man kann den Schwierigkeitsgrad extrem hochskalieren. Es hat acht Level und steht aus gutem Grund unter dem Label „Kenner“. Es ist total knobelig. Wer Kenner und solo mag, sollte es sich auf jeden Fall angucken. Es hat nur zwei Kartenreihen, man kann es also auch gut unterwegs im Zug oder Café spielen. Wenn man meinen Chef Peter in den letzten Tagen irgendwo gesucht hat, hat man ihn meistens beim Versuch erwischt, das zweite Level zu schaffen.

Ringbote: Das ist tatsächlich spannend, dass ein Spiel mit zwei „F“s nicht bei 2F-Spiele erscheint!

Annika: Wir sind dem Grünen und dem Titel aber natürlich treu geblieben. Die letzte Schachtel ist die Erweiterung für „Deckers“. In „Deckers“ befinden wir uns in einem Cyberpunk-Setting und spielen Hacker, die sich in einem System bewegen und sich kooperativ gegen Viren und Supercomputer wehren. Das Spiel ist in der Expertenspiel-Community und bei Solospielern sehr gut angekommen. Ricky [der Autor Richard Wilkins, Anmerkung der Redaktion] ist auf BoardGameGeek wahnsinnig aktiv. Für uns gab es das bisher noch nicht, dass es auf Posts eine so krasse Community-Reaktion gegeben hat – die Reaktionen waren sogar noch größer als auf „Civolution“. Das macht natürlich Spaß mitzubekommen, dass die Fanszene sich so sehr über das Projekt freut. In der „Duplicity“-Erweiterung geht es genau um Duplizität: Alles hat zwei Seiten. Es gibt neue Bosse, Supercomputer, die „Janos“ und „Jana“ heißen und inspiriert sind von der Janus-Sage mit den zwei Köpfen, neue Regeln und zwei neue Decker, die sich im Spielverlauf zu einer zweiten Persönlichkeit weiterentwickeln können. Wer „Deckers“ mag, sollte sich das auf jeden Fall anschauen. Man kann das neue Material nacheinander in die Partien mit hineinnehmen, um für viele weitere Partien frischen Wind zu haben. Die Erweiterung kostet zehn Euro. Alle Materialien passen in das Grundspiel mit hinein.

Ringbote: Ist das damit der Abschluss im „Deckers“-Universum oder habt ihr weitere Ideen?

Annika: Wir hoffen nicht, dass es der Abschluss ist. Der Autor Ricky ist sehr engagiert. Ob eine weitere Erweiterung kommt, hängt natürlich vom Interesse ab, denn die Entwicklung eines Expertenspiels braucht viel Entwicklungsarbeit, um nicht etwas zu zerstören, was vorher schon da war. Manchmal bringt man dann kleine Neuerungen einfach in Promo-Form. Wir haben dieses Jahr aber auch für alle Spiele Promos auf der Messe dabei.

Ringbote: Jetzt ist ja „Deckers“ schon eine Weiterentwicklung von „Renegade“. Hat das einen ähnlichen Werdegang genommen wie „Cubaneo“?

Annika: „Renegade“ ist, soweit ich weiß, damals nur in den USA erschienen. Aber das Spiel hat eine riesige Fan-Community. Es haben sich alle immer eine Neuauflage gewünscht, weil dort einige Sachen nicht ganz fertig entwickelt waren oder nicht so gut funktioniert haben und die Regeln vor allen Dingen sehr schwer zugänglich waren. Da ist sehr viel Arbeit hineingeflossen. Das hat der Sebastian Wenzlaff als Redakteur betreut, der hinter sehr vielen echten Schwergewichten steckt wie zum Beispiel „Ein Fest für Odin“. Er hat sehr viel Herzblut hineingesteckt, die Anleitung neu zu überarbeiten und zu streamlinen. Wenn man jetzt die Anleitung liest, schafft man es, direkt loszuspielen. Insofern gibt es die Parallele zu „Cuboneo“.

Ringbote: Können wir uns zur SPIEL in Essen auf alle Titel freuen?

Annika: Ja, der Großteil ist schon hier im Lager bei Pegasus! Man kann über unsere App vorbestellen und die Promos sind dann automatisch dabei. Für „Rooms & Roomies“ gibt es zum Beispiel fünf neue Roomies, die auf unseren alten Spielen basieren. Es gibt auch einen „Deckers“-Charakter.

Ringbote: Nach der SPIEL ist vor der SPIEL: Können wir uns schon auf irgendetwas freuen, wovon du ein kleines bisschen verraten kannst?

Annika: Zur nächsten SPIEL kommt auf jeden Fall ein größeres Spiel, an dem unser Chefredakteur gerade sehr aufblüht. Und unsere Zweipersonenspiel-Reihe wird fortgesetzt!

Ringbote: Annika, vielen lieben Dank! Wir freuen uns auf Essen und die kalte Jahreszeit zum Spielen!

Annika: Sehr gerne, vielen Dank!