von Lars Jeske
Eine neue Kampfrunde für Hexenmeister und Pirat. Knapp ein Jahr ist nach dem Großen Brand von London 1666 (beschrieben in Band 11 „Glut und Asche“) vergangen – aber was ist schon ein Jahr, wenn man unsterblich ist? Nichtsdestotrotz möchte Andrej lieber früher als später seinen schon tot geglaubten Sohn Markus wiedersehen. Mulmig wird ihm, als er mit Abu Dun beim vereinbarten Treffpunkt eintrifft, aber keine Spur von Markus und Meruhe zu finden ist.
Völlig verstört sieht er ihn dann in einem abgeschotteten und zwielichtigen Hospital in Venedig wieder. Er ist ein Schatten seiner selbst und scheint nichts um sich herum wahrzunehmen. Dies wirft mehr Fragen auf, als es Antworten gibt. Auch die Bewohner der Stadt verhalten sich seltsam feindlich gegenüber Abu Dun. Und da ist noch die junge Corinna, ein scheinbar leichtes Mädchen, das irgendwie ins Herz von Andrej schauen kann und so (unbewusst) einen Keil zwischen die beiden Vampyre treibt.
„Der schwarze Tod“ – ein neues Kapitel der schier unendlichen Geschichte von Andrej und Abu Dun. Während zwischen den Romanen öfter größere zeitliche Sprünge sind, werden die Geschehnisse in der aktuellen Episode mitunter minutiös wiedergegeben. Dadurch wirkt die Geschichte von außen betrachtet etwas behäbig oder langatmig, lässt jedoch den Autor und dessen Schreibstil glänzen, da eben doch Spannung aufgebaut wird und man gern weiterliest. Per se also nichts Schlechtes, ist es doch zudem eine gute belletristische Entspannung. „Der schwarze Tod“ ist somit vom Schreibstil her ein typischer Roman der „Chronik der Unsterblichen“-Reihe, die Story hingegen variiert. Da Andrej und Abu Dun unterschiedliche Ziele verfolgen, gibt es zusätzliche Spannung zwischen den beiden, deren Konfliktlösung der Fan gern entgegenliest.
Ein kleiner Kritikpunkt sind die witzelnden Frotzeleien zwischen Andrej und Corinna. Diese sind anfänglich unterhaltsam und wirken auflockernd, verkehren sich durch die Permanenz jedoch zusehends ins Gegenteil und tendieren in Richtung von Nervereien für den Leser.
Ob absichtlich oder nicht kokettiert Hohlbein mit dem Titel. Vornämlich als Synonym für die Pestseuchen in Europa des ausgehenden Mittelalters im 14. Jahrhundert, wird hier „Der schwarze Tod“ im personengebundenen Zusammenhang mit Nubiern verwendet und nicht als Pandemie. Der schöne Einband tut sein Übriges, eine Umdeutung zu vermuten.
Günstigerweise wird der langjährige Leser der Reihe nicht mit vielen Wiederholungen überschüttet. Man muss schon um den Hintergrund von Andrej und Abu Dun wissen, sonst versteht man einige Anspielungen nicht. Aber bei einem zwölften Band einer schier unendlichen Reihe darf man das als Autor getrost voraussetzen. Dummerweise könnte genau dieser Fakt zu Verstimmungen bei Neulesern führen, denn dass es ein weiter Teil einer Romanserie ist, ist so nicht explizit auf dem Buchcover vermerkt.
Heuer gibt es wenig Übernatürliches, erst nach 175 Seiten erfolgen erste Andeutungen, dass an den beiden Protagonisten womöglich mehr dran ist, als es auf dem ersten Blick scheint. Vor allem dies ist Wolfgang Hohlbein nicht hoch genug anzurechnen. Er hat es nicht nötig, beim aktuell noch immer grassierenden Vampirhype im Jahre 2010 mitzuhecheln. Er schreibt in gewohnter Manier weiter, und es wird wenig über Vampire und spezielle Details erzählt, sodass dem interessierten Neuleser nicht sofort ins Auge springt, dass es sich bei den beiden Protagonisten um Vampyre handeln könnte. Knapp 150 Seiten vor dem Ende wird erstmalig das Wort Vampyr erwähnt.
Fazit: „Der schwarze Tod“ ist ein typisches Werk aus dem Hause Hohlbein und wohlfällige Kost für den begeisterten Anhänger der Reihe „Die Chronik der Unsterblichen“. In Ansätzen ist der aktuelle Roman sogar herausstechend, ist es doch das vom Handlungsverlauf bisher unvorhersagbarste Werk aus der Reihe. Neben der Story setzt Hohlbein auf starke Gegenspieler. Der zwielichtige Dottore Scalsi und Schwester Innozenz sorgen beispielsweise bei jedem ihrer Auftritte für Unbehagen. Rezzori als ausführendes Organ der Obrigkeit hat nicht nur aufgrund seiner Zugehörigkeit zur Polizei das ein oder andere Ass im Ärmel. Während „Glut und Asche“ das Highlandermotiv exzessiv aufgriff, hat „Der schwarze Tod“ nicht großartig mit Vampyren zu tun. Eher ist der aktuelle Roman eine venezianische Posse am Vorabend des jährlichen Karnevals. Aufgrund überraschender Wendungen ein Highlight der Reihe.
Die Chronik der Unsterblichen 12 – Der schwarze Tod
Fantasy-Roman
Wolfgang Hohlbein
Egmont-Lyx 2010
ISBN: 978-3-8025-8395-7
580 S., Hardcover, deutsch
Preis: EUR 19,95
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