von Lars Jeske
Der Australier Sam Bowring ist überaus vielseitig. In der Heimat vor allem als Stand-Up-Comedian bekannt, ist er dennoch auch dem Schreiben verbunden. Drehbücher, Theaterstücke und ein paar (Kinder-)Bücher gibt es bereits. Nun wagte er sich an Fantasy für Erwachsene und legt mit „The Legacy of Lord Regret“ ein spannendes Werk vor. Wie auf der Rückseite vermerkt, ist dies der Auftakt einer Duologie.
Anfänglich begegnet man dem „kampfesmüden Krieger“ Rostigan und seiner Begleiterin, der Bardin Tarzi. Durch die beiden bekommt man einen ersten Blick auf die Welt. Schnell wird dem Leser klar, dass nicht alles zum Guten steht und den alten Krieger zudem auch seine Geheimnisse belasten. Rostigan ist zwar nicht mehr der Jüngste, aber dass er noch immer schlagkräftig ist, beweist er, als er in die Lage kommt, eine Legende zu stellen. Denn einer der Wächter ist zurück, die „Diebin“.
Nach und nach erfährt man die Geschichte von den Wächtern, die da einst den bösen Lord Regret („Der Herr der Tränen“) besiegten und somit die Welt von einem Übel befreiten. Möglich war ihnen dies, da auch sie Fadenwirker waren, also Magiebegabte. Wenngleich nicht so gut wie er, hatten sie doch zusammen als Gemeinschaft Erfolg darin, den Lord zu stürzen. Dass jedoch jeder Sieg auch seinen Preis hat, stellte sich alsbald heraus. Die Magiefäden lösten sich nicht auf, um wieder der Großen Magie zuzuströmen, sondern gingen in die Wächter über und veränderten diese. Und zwar größtenteils zum Schlechteren, sodass es nun untereinander zu Zwist kam. Dann waren sie irgendwann alle verschwunden aus Aorn. Die Guten wie die Bösen. Aber wenn die Diebin zurückkehren konnte, so vielleicht auch die anderen?
Sam Bowring erzählt eine richtig tolle Geschichte, die rundum gelungen und in sich schlüssig ist. Es wirkt, als wenn der Autor ein paar der einschlägigen Comics oder Filme sah, denn etwas platt ausgedrückt werden seine Helden vom Status der „X-Men“ (der Fantasy), über den der „Watchmen“ zu den „Vergessenen“, gewürzt mit dem „Highlander“-Mythos. Jeder der Wächter hat seine eigene Spezialkraft, die er nach Gutdünken mehr oder weniger zielsicher einsetzt. Einige zum Wohl der Normalsterblichen, andere für eigene, hinterlistige Zwecke. Sie ähneln somit irgendwie Magnetos Schergen. Schmerzverstärkung, Wahrheitsfindung, Zeitanhalten kann nicht jeder, jedoch beherrschen alle zumindest rudimentär den Fadengang, was einen Teleport durch die Welt von Aorn darstellt.
Allen gemein ist, dass sie mitbekommen, dass es so nicht weitergehen kann. Ihnen ist jedoch nicht klar, was sie tun können, um die Welt vor dem drohenden Untergang zu retten. Durch die Streitigkeiten untereinander ist zusätzlich ein Spannungspotenzial gegeben, was einem schon vor dem zu erwartenden Cliffhanger am Ende des Romans ungeduldig weiterblättern lässt. Den zweiten und damit abschließenden Teil „Wächter der Lüge“ muss man auf alle Fälle zur Hand nehmen, um zu wissen, wie diese Geschichte ausgeht und ob es eine Lösung für alle Konflikte und Bedrohungen gibt. Vielleicht kann es in einer Welt ohne Nachnamen auch nur einen Wächter geben.
Fazit: „Der Herr der Tränen“ ist ein tolles Fantasybuch. Eine interessante Lektüre mit ein paar Überraschungen und einer spannenden, noch nicht abgegriffenen Geschichte. Alles lädt den Leser ein, gern in Aorn zu verweilen. Andreas Helweg und Michaela Link ist eine sehr gute Übersetzung gelungen und auch das Lektorat war hervorragend. Der Roman liest sich sehr schnell weg und man ist durch den (zu erwartenden) finalen Cliffhanger gespannt, wie die Geschichte um Rostigan und die Wächter endet. Wird es gelingen, die Große Magie endgültig zu heilen? Die Charaktere sind zudem vielschichtig und nicht nur schwarz-weiß, sodass sogar philosophische Existenzfragen, für Fantasy in der Regel eher untypisch, angeschnitten werden. Ein empfehlenswertes Buch und eine angenehme Mischung aus Motiven der High Fantasy & Low Fantasy.
Der Herr der Tränen
Fantasy-Roman
Sam Bowring
Blanvalet 2013
ISBN: 9783442269433
436 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 9,99
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