von Jens Peter Kleinau
In dem vorliegenden Rollenspielwerk geht es um Lovecrafts kosmisches Grauen, den Cthulhu-Mythos rund um die unvorstellbaren, monströsen Götter aus den Abgründen jenseits der Sterne. Wahnsinn und Tod warten, wie üblich, oft auf die Protagonisten und wenn sie es geistig gesund überleben, sind sie meistens doch gezeichnet für den Rest ihres Lebens.
Der gebildete Rollenspieler mag nun den Finger heben und sprechen: „Halt, das kenne ich doch schon, es ist das Spiel von Pegasus oder Chaosium – es geht um „Call of Cthulhu“ “. Doch auch der gebildete Rollenspieler mag nicht jedes Werk kennen und daher stellen wir hier ein Rollenspiel vor, das in mehrerer Hinsicht ungewöhnlich ist: „De Profundis – Aus den Abgründen“.
Ungewöhnlich ist allein schon die Erzählform des Regelwerks. Statt der üblichen Einteilung in Spieler- und Spielleiterhandbuch erhalten wir Sicht auf einen erschütternden und grausigen Briefverkehr, bei dem ein Briefeschreiber an den Autor von seinen schrecklichen Erlebnissen berichtet. Diese stehen in direktem Zusammenhang mit dem Rollenspiel, denn wie das Buch selbst, so ist auch das Rollenspiel aufgebaut. Wir erhalten also automatisch ein wunderbares Beispiel für eine solche Spielrunde durch das Buch selbst präsentiert. Der Nachteil allerdings ist, dass eine praktische Zusammenfassung der Regeln und der Tipps fehlt. Das Wesentliche ist auf etliche Briefe verteilt und für das schnelle Nachschlagen nicht perfekt.
„De Profundis“ ist ein Briefrollenspiel. Was ist das nun wieder? In einem Briefrollenspiel nehmen die Spieler wie in jedem anderen Rollenspiel die Funktion je eines Charakters ein, der in einer fiktiven Welt Handlungen vollzieht. Während in Live-Rollenspielen die Spieler tatsächlich agieren, wird in so genannten Pen&Paper-Rollenspielen die Handlung in einer Spielrunde erzählt. In einem Briefrollenspiel nun berichtet der Spieler seine Handlung in Briefen an den Spielleiter, der wiederum die Handlungen zusammenfasst und zu einem Handlungsfaden gestaltet.
Doch „De Profundis“ stellt auch hier eine Besonderheit dar. Die Briefe an einen möglichen Spielleiter oder an andere Spieler sind tatsächlich welche, die an die fiktive Person gerichtet sind:
„Verehrter Freund,
ich muss dir von einem Grauen berichten, dass in letzten Tagen mein neues Zuhause erschüttert. Ich bereue inzwischen den Umzug nach Boulder Dash sehr. Zwar habe ich Ruhe und Einsamkeit gesucht und mich in dieses alte Haus verliebt. Doch inzwischen beschleicht mich schon beim Betreten des Grundstücks ein ungutes Gefühl.....“
„De Profundis“ benötigt keinen Spielleiter, jeder Spieler kann seine Geschichte selber erfinden und weiter erzählen. Dazu fertigt der Spieler die gruseligen Briefe und auch Beweise des Grauens selber an. Ein Spielleiter kann das Geschehen steuern, um verschiedene Handlungsfäden zu verbinden oder um ausuferndes Spiel zu verhindern. Um „De Profundis“ zu spielen, ist aber eine solche Funktion nicht notwendig.
Interessant ist auch die Kombination mit dem Pen&Paper-Rollenspiel „Call of Cthulhu“. So können die Charaktere auch neben den seltenen Rollenspielrunden von ihren Erlebnissen berichten. Ist ein CoC-Charakter beispielsweise aufgrund des geistigen Zustands in einem Sanatorium, kann er von dort aus „De Profundis“-Briefe schreiben. Aus den Briefen wiederum kann ein neues Abenteuer entstehen. So kann man sinnvoll die Zeit zwischen den Pen&Paper-Runden überwinden und erspart dem Spielleiter das verzweifelte Suchen nach einem neuen Plot.Ich habe zum Test die „De Profundis“-Regeln in einem Forum ausprobiert und zum erweiterten Test noch in das Fantasy-Genre übertragen. Das funktionierte ziemlich gut, auch wenn manch eingefleischte Rollenspieler erst einmal mit dem Fehlen eines vorgesetzten Handlungsstrangs überfordert waren. Doch wer „De Profundis“ wirklich genießen will, sollte sich einen Federhalter, Tusche und dickes, altes Papier kaufen und echte Briefe mit Wachs- und Blutflecken versenden. Die Atmosphäre ist bei jedem Horror-Rollenspiel ein wichtiges Kriterium.
Fazit: „De Profundis“ kann ein echtes Vergnügen sein. Die Regeln sind einfach, die Spielidee überzeugt und auch die Präsentation des Regelwerks ist bis auf den Aspekt der Übersichtlichkeit gelungen. Mit einem Hang zur Phantasie und dem Willen zur schriftlichen Niederlegung verrückter Ideen wird „De Profundis“ zu einem aufregenden Erlebnis, der den Gang zum Briefkasten zu einem spannenden Moment werden lässt.
De Profundis. Ein Erzählspiel.
Regelwerk
Michal Oracz, Ralf Sandfuchs (Übersetzer), Lutz Winter (Illustrator)
Krimsus Krimskrams Kiste 2003
ISBN: 3932932048
84 S., Softcover, deutsch
Preis: EUR 7,50
bei pegasus.de bestellen
