von Jorge C. Kafka
Was ist das bloß für ein Gefühl: weit über 300 Jahre gelebt zu haben, steinreich und mit einer Elfe von Frau verheiratet gewesen zu sein – und auf einmal ist man tot. Der Kopf von einem Energiestrahler durchschossen. Beerdigung? Hunderte von Trauergästen? Gierige Erben? Von wegen. Man lässt den letzten gespeicherten Bewusstseinszustand in einen auf Eis gelegten Sleeve downloaden und erholt sich von den Nachwirkungen des Needlecast am Pool auf der eigenen Südseeinsel.
400 Jahre in der Zukunft sind Privatschnüffler noch immer gefragt. So sehr sogar, dass der Milliardär Laurens Bancroft keine Kosten und Mühen scheut, den ehemaligen Soldaten einer Sondereinheit Takeshi Kovacs nicht nur von dem 186 Lichtjahre entfernten Planeten Harlans Welt auf die Erde einfliegen zu lassen, sondern diesem auch noch ein Resleeving in einen leistungsfähigen Körper ermöglicht. In einer Welt, in einem Universum, in dem die vollkommene Kontrolle über Informationen Realität geworden ist, in der der Mensch, sein Geist, das Leben, ja auch Materie reine Information bedeuten, ist die Wahrheit nur noch eine Frage der Informationsmenge und deren Interpretation. Und dennoch oder gerade deshalb will Bancroft die Wahrheit über die Umstände seines eigenen Todes erfahren, den die Polizei als simplen Selbstmord eines alterslosen Lebensmüden abtut.
Kovacs, der einst in seinem eigenen Körper eine Eliteausbildung beim so genannten Envoy Corp, einer Spezialeinheit der UN, durchlief, hat weit über die Grenzen seiner Heimatwelt hinaus einen mindestens ebenso schlechten Ruf wie seine Einsatztruppe. Als Spezialist auf von Rebellionen geprägten Kolonialplaneten ist Kovacs trainiert in Spionage, Manipulation oder gezielter Säuberung. Hoch konditioniert, immunisiert gegen brutalste Verhörmethoden, ausgestattet mit übermenschlicher Beobachtungsgabe und photographischer Gedächtnisleistung ‚surft‘ der Envoy Kovacs mit der Gleichmut eines Buddha auf dem Meer der Informationen.
Auf der Mutter aller Welten ist Kovacs ein Fremder. Die Erde kennt er nur aus Erzählungen. Sicher, seine implementierte Bioware, sein konditionierter Geist und seine durch Hormone verbesserten Reflexe machen Kovacs zu einem besonderen, gar überlegenen Menschen, doch soll auch ihm nur die Rolle als Spielball zugedacht sein in einem hochkomplexen Gewebe aus Macht, Eifersucht und Intrigen. Da erleichtert es die Situation wenig, wenn man plötzlich auch Kovacs nach dem Leben trachtet, wenn er hinabsteigen muss in einen Sumpf aus Lügen, Gewalt und Rache. Kein Wunder, gehört der Sleeve, den er derzeit nutzt, einem Ex-Polizisten, dessen Geist im Cybergefängnis schmort und der sowohl unter Cops wie unter Gangstern Feinde hat. Und Bancroft ist dem Privatdetektiv nicht wirklich eine Hilfe, ebenso wenig dessen attraktive Frau Miriam Bancroft. Das Ehepaar, das zu den wenigen ‚Unsterblichen‘, den Meths (abgeleitet von Methusalem) zählt, hat beinahe mehr Feinde als Jahre auf dem Buckel. Die Zahl ihrer Freunde hingegen ist geringer als die Zahl ihrer auf Vorrat gelagerten Sleeves.
Ein Science Fiction-Roman, der durchgängig in der Ich-Perspektive erzählt wird, mag so ungewöhnlich nicht sein, doch Morgans Debüt-Roman umschifft nicht nur glänzend die erzähltechnischen Probleme, die damit auftreten können, sondern nutzt versiert und ab und an auch mit schwarzhumorigem Augenzwinkern die Vorteile dieser Erzählweise. Takeshi Kovacs erwacht ja nicht nur in einem fremden Körper, den er nach und nach kennen lernt und mit dessen Vorteilen und Unzulänglichkeiten – wie zum Beispiel der Nikotinsucht – er zu kämpfen hat. Kovacs hat auch im Wortsinne zu kämpfen mit den Problemen, die sein Gastkörper, sein Sleeve mit sich bringen, denn wer in dem Körper des Ex-Cops herumläuft, könnte ja auch der Ex-Cop selbst sein, der sich einfach eine Geschichte ausgedacht hat… Auch die Welt, die Stadt Bay City, in der Kovacs aufwacht, ist eine Fremde und der Leser entdeckt mit ihm die seltsamen Gebräuche, Stätten, Gruppierungen und Sensationen, die die Erde und ihre Bewohner zu bieten haben. Die kulturellen und gesellschaftlichen Gepflogenheiten nur zu beobachten, ist eine Sache, sie zu verstehen oder gar in sie verstrickt zu sein, ist eine völlig andere.
Kovacs ist jedoch nicht der einzige gut ausgearbeitete Charakter in dieser gelungenen Melange aus Cyber-, Polit- und Wirtschaftskrimi. Die anderen wichtigen Protagonisten des Romans sind ebenfalls gut identifizierbar ausgearbeitet und charakterisiert. Auch wenn die Figuren eher nach den Folien der Film Noir-Personage gezeichnet sind, gleiten sie niemals ins lächerliche Klischee ab; im Gegenteil, in ihren bizarren Bezügen zur Gegenwart der 1930er und -40er Jahre, wirken die Figuren in dieser aberwitzig-futuristischen Dystopie trotz der hoch entwickelten Technik und Wissenschaft menschlicher, nackter, ja gar verletzlicher als man annehmen kann. Das liegt nicht zuletzt an Richard Morgans cineastischer Erzähltechnik. Der Leser schmeckt nicht nur mit dem Hauptprotagonisten das eigene Blut auf den Lippen, er entspannt sich auch gemeinsam mit Kovacs zwischen den duftenden Brüsten einer Geliebten. Heißer Sex und drastische Gewalt sind bei Morgan zwar intensiv und deutlich, doch damit ebenfalls nur allzu menschlich und nachvollziehbar. Da kann Morgan ein wahres Feuerwerk an SF-Elementen abbrennen und muss die Rakete auch nicht neu erfinden, kombiniert Morgan doch gekonnt vieles, was dem erfahrenen SF-Leser schon lange lieb und wert ist. Entscheidend im „Unsterblichkeitsprogramm“ ist die von Seite eins spannende Geschichte, die im Grunde mehr eine verzwickte Detektivgeschichte der klassischen britischen Kriminalliteratur ist denn ein Hardboiled Science-Fiction-Roman.
Die einzige Schwäche des Romans scheint zu sein, dass er so manche Nebenhandlung nicht wirklich bis an ihr Erzählende führt, ihr nicht genug Räumlichkeit verleiht und dem Leser so nur das flache Profil einer möglicherweise tiefen Handlung vorenthält. Vielleicht wollte Morgan damit die Dramaturgie seiner Geschichte nicht zusätzlich beschweren oder er rechnete von Anfang an mit der Chance auf eine Fortsetzung des Romans.
Tatsächlich hat „Das Unsterblichkeitsprogramm“ (bereits 2002 unter dem Originaltitel „Altered Carbon“ erschienen) bislang zwei Fortsetzungen erfahren. Die lose Fortsetzung „Broken Angels“ aus dem Jahre 2003 erschien im Juni diesen Jahres in der deutschen Übersetzung mit dem Titel „Gefallene Engel“. Anfang diesen Jahres erschien auf Englisch dann der Roman „Profit“, der unter dem deutschen Titel „Heiliger Zorn“ im Januar 2006 auf Deutsch erhältlich sein.
Dass die Filmrechte von Morgans Debüt-Roman bereits nach Hollywood gingen – namentlich Joel Silver (unter anderem Produzent der „The Matrix“-Trilogie und der im nächsten und übernächsten Jahr sehnlich erwarteten Filme „V for Vendetta“, „Logan’s Run“ und „Wonder Woman“) –, ist kaum erwähnenswert. Wichtiger erscheint mir die Ehrung durch den Philip K. Dick-Award als Buch des Jahres 2004, die dem 1965 geborenen und in einem Kaff nahe Norwich (UK) aufgewachsenen Englischlehrer Morgan zuteil wurde. Wer mehr über den Erfolgsautor und seine Bücher wissen möchte, dem sei unbedingt www.richardkmorgan.com ans Herz gelegt.
Fazit: Die knapp 10,- Euro sind in diesen Roman sehr gut angelegt! Nicht nur der belesene SF-Fan wird daran seine Freude haben, sondern auch die Leser gut erzählter kriminalistischer Romane, die mal vor einem anderen Hintergrund als dem gegenwärtigen oder vergangener Zeiten spielen. Gewarnt sei jedoch vor den expliziten Gewalt- und Sexszenen, die den zart besaiteten oder zu jungen Leser (unter 14) eher verstören als unterhalten können. Schwarz im Humor, zynisch in der Action, hart im Sex und gnadenlos in der Erzählweise: Das ist „Das Unsterblichkeitsprogramm“.
Das Unsterblichkeitsprogramm
Science-Fiction-Roman
Richard Morgan
Heyne 2004
ISBN: 3-453-87951-1
606 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 9,95
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