von LarsB
Social-Deduction für Paare
Sogenannte „Social-Deduction-Spiele“ gibt es mittlerweile viele. „Werwolf“ als Klassiker, das sehr gehypte „Blood on the Clocktower“ oder auch „Feed the Kraken“ sind nur die Spitze des Ableitungsberges. Den meisten dieser Spiele ist gemein, dass man sie in großen Gruppen spielt. „Vollmondnacht“ ist zwar ein Vertreter, der schon ab drei Spielern (mehr oder weniger) funktioniert. Das mit Funtails entwickelte und bei Huch im Vertrieb erschienene „Dark Romance“ ist jedoch für zwei und nur für zwei Spieler – zumindest in der mir vorliegenden Retail-Variante. In der Deluxe-Variante sind auch Drei- oder Vierecksbeziehungen vorgesehen.
Dabei platziert sich „Dark Romance“ als „Lovers’ favourite deduction game“ thematisch sowie in der Aufmachung besonders. Erwachsene (und sehr geschmackvolle) Illustrationen mit teilweise leicht auszüglichen beziehungsweise anzüglichen Motiven erklären die Altersempfehlung ab 16 Jahren. Beim gemeinsamen Musizieren wird etwas Bein gezeigt, beim (Nackt-)Bad im Mondlicht auch ein gutes Stück mehr. Das Setting ist jedenfalls knisternd dargeboten, sodass die spielerische Verführung starten kann. Das Spielmaterial ist jedenfalls bereits in der vorliegenden Retailversion sehr ordentlich. Gerade die großen Karten wissen zu gefallen.
Gemeinsames Musizieren?
Je nach Szenario treffen beide Spieler in einem anderen Setting aufeinander. Schnell intensiviert sich die Beziehung beider Spieler zueinander durch ihre Interaktion. Konkret konfrontieren sich beide Protagonisten abwechselnd mit mehr oder weniger offensiven Aktionen, die auf Szenekarten dargeboten werden. Der Partner in spe kann dann auf zwei verschiedene Arten reagieren. „Gemeinsames Musizieren“ vertieft unsere Romantik, während eine Ablehnung eines solchen Vorschlags als Zurückweisung empfunden wird. „Ein mitternächtlicher Besuch“ wiederum erhöht die Versuchung auf jeden Fall.
Der Status unserer Beziehung wird auf dem Beziehungstableau auf fünf Leisten (Verwegenheit, Zurückweisung, Versuchung, Romantik, Manipulation) festgehalten. Alle Leisten treffen sich in der Mitte. Ist der erste Beziehungsmarker dort angekommen, ist das Schicksal des Paares besiegelt. Obsiegt die Liebe? Geht man getrennte Wege? Oder saugt man den anderen aus? Waaaas?! Den anderen aussaugen?! Warum sollte man so etwas tun? Nun ja, als Vampir giere ich eben nach Menschenblut.
Es geht also nicht nur um die Liebe, sondern auch um das blanke Leben. Die Konstellation entscheidet über Sieg und Niederlage, über Tod und Leben (keine Sorge, nur im Spiel). Der Spannungsbogen bei „Dark Romance“ kann durchaus packend sein.
Graf oder Dämonenjäger?
Zu Beginn der Partie bekomme ich heimlich eine Rolle per Karte zugewiesen. In meiner Rolle präferiere ich einen Ausgang für unsere Romanze, ganz in Abhängigkeit der Rolle meines Gegenübers, die ich aber nicht kenne. Der Vampir möchte, dass der Graf der Versuchung erliegt, der Dämonenjäger möchte den Vampir ganz verwegen hinrichten und der Poet möchte Tragik – aber bitteschön auf die passende Art.
Durch die Auswahl der Situationen, mit der man seinen Mitspieler konfrontiert, verrät man (wahrscheinlich) seine Interessen genauso wie durch die Reaktion auf den Annäherungsversuch des Partners. All das wird übersichtlich und transparent mit Auswahlmarkern auf den ausgespielten Szenekarten getrackt, sodass „Dark Romance“ glücklicherweise nicht zu einem Memoryspiel-Ableger wird. So verdichtet sich sukzessive das Bild, das wir vom Gegenüber haben.
Abwechslung zu Hofe
Jede Szenenkarte bietet nicht nur eine Wahl für das Gegenüber, sondern auch noch eine Szenenkategorie. Je nach Szenario können wir durch Abdecken der Symbole der bereits ausgespielten Karten einen Höfling besuchen, der uns unterschiedliche Benefits verspricht. Über die Änderung dieser Randbedingungen soll das Spiel auch mechanisch frisch bleiben über viele Partien. Immerhin elf Szenariokarten wurden beigelegt.
In den ersten Szenarien sind die Effekte noch einfach: Bewege dich zum Beispiel bei der „Heilerin“ auf der Verwegenheitsleiste oder der Zurückweisungsleiste nach oben. Die „Kammerdienerin“ erlaubt dir wiederum, die abgelegten Karten deines Mitspielers anzuschauen. In späteren Szenarien verursacht der „Hypnotiseur“ beispielsweise einen Rollentausch. Die „Musikerin“ gewährt einem gleich zwei Spielzüge hintereinander, was ein Killer sein kann im Endgame.
Dabei spielen die Besuche bei den Höflingen oft nur das Zünglein an der Waage. Wenn es gut läuft, kommt man in einer Partie auf 2 bis 3 Besuche. Manchmal ist die Partie so schnell vorbei, dass man die Höflinge hat links liegen lassen. Doch sind die Höflinge mehr als nur der Puderzucker auf dem Deduktionskuchen. Die Dynamik der einzelnen Szenarien unterscheidet sich spürbar.
Rollenspiel ein, schräge Situationen vorprogrammiert
„Dark Romance“ lebt auch ein Stück von der Stimmung. Die Anleitung animiert zum Rollenspiel und zum Ausschmücken der Spielsituationen. Das „Rendezvous unter den Sternen“ schmücke ich aus: „Die Grillen zirpen und die Luft ist noch warm vom langen Sommertag. Ich berühre dich fast zufällig an deiner weichen Wange.“ Wie reagierst du? Mein Kumpel: „Ich find’s geil.“
Gut, jaja. Es steht schon auf der Packung. Das Spiel ist für Verliebte. Mit einem guten Kumpel sind solche Dialoge schon schräg. Aber auch irgendwie bromance-mäßig schön, weil sie gute Laune machen. Mit der Kollegin würde ich das Spiel in der Mittagspause aber nicht spielen. Ich hätte Angst, falsch verstanden zu werden. Auch über Generationengrenzen hinweg sehe ich da keine Chance auf eine Partie „Dark Romance“. Weird! „Cringe“ sagt man heute nicht mehr.
Erklärungsbedürftig
Besonders viel Mühe hat man sich im Regelheft gegeben, die einzelnen Spielausgänge thematisch zu erklären. Warum gewinnt der Graf eigentlich gegen den Dämonenjäger, wenn die Romantik-Münze im Zentrum oben liegt? Der Graf sieht halt einen Seelenverwandten im Jäger. Wieso siegt der Dämonenjäger gegen den Schwindler, wenn der Verwegenheitsmarker on top liegt? Nur ein hingerichteter Schwindler ist ein guter Schwindler. All das ist auch auf das Übersichtstableau in aller Kürze aufgedruckt worden. Thematisch gut, aber nicht sonderlich übersichtlich. Dabei heißt es doch ÜBERSICHTstableau …
Den Tableauschieber über dem Übersichtstableau in die richtige Position gebracht, kann ich direkt ablesen, wann ich gegen wen gewinne. Das wäre ein schönes Vorgehen, wenn ich das im Geheimen machen könnte. Ohne Sichtschirm kann man sich den Schieber eigentlich auch sparen, weil ich mit dessen Platzierung auf dem Tableau alles über meine Identität verrate. Also ab damit unter den Tisch. Das ist nicht so elegant, wie der Rest des Spiels daherkommt.
Häh?!?
„Dark Romance“ muss man zugutehalten, dass es versucht, die Spieler mitzunehmen. Damit wendet es die Vollkatastrophe ab. Szenario 1 ist stark vereinfacht. Nur drei von fünf Rollen sind in der Auswahl dabei und eine Beziehungs-Leiste wird vollkommen ignoriert. Und trotzdem ist er da, dieser „Häh?!?“-Moment. Welche Karte soll ich spielen? Welche Wahl soll ich treffen? Und woher, zum Kuckuck, soll ich wissen, wer du sein könntest? Und wenn es beiden Spielern so geht, verläuft die erste Partie weitestgehend beliebig oder gar im Chaos. Hab’ ich jetzt gewonnen oder du? Ich fühlte mich verloren. „Ich raff’ das nicht“, schüttelt meine Frau den Kopf. Die fest vorgenommene stimmungsvolle Theaterdarbietung ist jedenfalls grandios ins Wasser gefallen und überbetoniert worden von steinerner Ratlosigkeit. Trotz Einführungsszenario ist also die Starthürde so hoch, dass sie bei zu vielen Spiele-Pärchen zum nachhaltigen Abbruch der Beziehung mit „Dark Romance“ führen wird.
Lust auf eine zweite Partie hatte ich jedenfalls nicht direkt und hätte das Spiel wohl auch beiseitegelegt, wenn ich nicht diese Rezension hätte schreiben dürfen. Also: Partie zwei. Und siehe da, die ersten Schubladen im Kopf sind gezimmert worden. Alles ließ sich etwas besser einordnen. In Partie drei fingen wir an, taktisch zu spielen und damit wurde auch das Spiel atmosphärisch. Wir hatten also das Grundprinzip verstanden und konnten die stimmungsvolle Würze in die Partie hineinbringen.
Steigerung der Komplexität
Szenario 2 erhöht die Komplexität merklich durch die vierte Rolle und die fünfte Leiste. Das Spiel ist das Fortgeschrittenen-Spiel. Doch Achtung! Selbst erfahrene Expertenspieler waren mit dem Direkteinstieg in Szenario zwei überfordert. Dieser Spielmodus hat uns ebenso einige Partien beschäftigt, bis wir den Kopf darum gewickelt bekommen haben. Glücklicherweise gibt es dann die Szenarien 3 bis 11, die allesamt den endausgebauten Profimodus mit fünf Rollen bieten. Witzig: Der nun dazugekommene Poet möchte einen tragischen Ausgang, aber auf die passende Art: ein Vampirbiss, ein Armbrustbolzen vom Dämonenjäger oder betrogen vom Schwindler. Den finalen Ausgang muss allerdings das Gegenüber bewirken. Sonst wäre es nicht tragisch, sondern lächerlich. Und wir wollen ja kein lächerlicher Poet sein …
Fazit: „Dark Romance“ ist ein stimmungsvoll gestaltetes, erwachsenes Spiel. Es ist durch seinen Fokus auf zwei Spieler ein seltenes Exemplar der Gattung „Social-Deduction“. Eine Runde ist schnell aufgebaut und schnell gespielt. Nur ist die Einstiegshürde trotz des An-die-Hand-nehmens hoch. Weil die Erstpartie nicht zündet, droht der vorschnelle Beziehungsabbruch zu „Dark Romance“. Dabei lohnt es sich dranzubleiben. Durch das Thema spricht es in der Hauptsache Paare an oder welche, die es werden wollen. Generationenübergreifend kann ich mir „Dark Romance“ gar nicht vorstellen. „Dark Romance“ besetzt eine Nische und genau das gibt ihm seine Daseinsberechtigung.
Dark Romance (Retail)
Brettspiel für 2 Spieler ab 16 Jahren
Christoph Schilling, Dr. Hans Joachim Höh
Funtails / Vertrieb Huch 2025
EAN: 0710497279376
Sprache: Deutsch
Preis: 39,99 €
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