Aventurische Regionen 2: Unter dem Westwind

Endlich! Die wilden Westwinde haben uns an die Küste des rauen Nordens getrieben, in die Heimat der Thorwaler. Der jetzt vorliegende, umfangreiche Hardcover-Band „Unter dem Westwind“ (UDW) ist bereits der zweite aus der neuen Reihe „Aventurische Regionen“. Seinen Ursprung hatte er bereits vor nunmehr 15 Jahren in der ersten Regionalbox „Thorwal und die Seefahrt des Schwarzen Auges“. UDW beschreibt den aventurischen Nordwesten im Jahre 1027 BF und enthält eine Farbkarte Nordwest-Aventuriens und zwei vierseitige, sepiafarbene Faltblätter, auf denen der Plan eines Grassodenhauses und eines Langhauses abgebildet sind. Weiterhin finden sich darauf Stadtpläne für Spieler von den Städten Andergast, Enqui, Nostria, Prem, Thorwal und Olport.

von Jorge C. Kafka

 

Die Region selbst war in den bisherigen Abenteuern eher unterrepräsentiert, auch die damalige Box widmete sich mit dem knapp über 60 Seiten dicken Heft nicht ganz so ausführlich dem Volk der Thorwaler. Das Heft „Die Seefahrt des Schwarzen Auges“, das zur Box dazugehörte, behandelte nur marginal die Thorwaler und vor allem die anderen seefahrenden Völker Aventuriens. Nun hat das stiefmütterliche Dasein – vor allem der Kleinstaaten Nostria und Andergast – ein Ende!

Ein übersichtliches Inhaltsverzeichnis und ein kurzes, informatives Vorwort geleiten in den Band hinein und ein fünfseitiger, klein gedruckter Index runden ihn ab. UDW ist eine umfangreiche Spielhilfe zur Geographie, Geschichte und Kultur des aventurischen Nordwestens. Man erfährt auf zehn Seiten allerlei über das Volk der Hjaldinger, die Besiedlung Nordaventuriens vor über 2000 Jahren und auch das berühmte Jurga-Lied. Auch der Ursprung der Norbarden und die große Pest werden nicht ausgelassen. Über die Rolle der Thorwaler im Orkkrieg wird ebenfalls berichtet und natürlich den Thorwal-Horas-Konflikt. Vom Land und seinen Leuten erzählen einige Auszüge aus Berichten, die gesammelt wurden, ebenso beleuchtet werden die gesellschaftlichen Aspekte der Thorwaler: ihre Sippen, die Ottajaskos, das Erwachsenwerden und auch Handel und Wandel in ihrer Kultur.

Eines der spannendsten Unterkapitel ist jenes über die Sitten und Gebräuche des Volkes. Darin erfährt der Leser nicht nur einiges über Ehre, Mut und Treue unter den Thorwalern, sondern auch über deren Übermut, ihre Spottlust und den Jähzorn, der sie auszeichnet. Die Thorwalsche Sprache findet sich genauso behandelt wie das Ereignis der Geburt und der Namensgebung, die in der Gesellschaft der Thorwaler eine wichtige Bedeutung einnehmen. Ergänzt werden diese Kapitel durch ein großes Namensverzeichnis, das auch die Monats- und die Tagesnamen aufführt. Außerdem einige ausgewählte thorwalsche Begriffe für den täglichen Gebrauch.

Eine sehr schmucke Ergänzung sind die profanen Hjaldingard-Runen und einige ausgewählte Arkane Runen, die mit in den Band aufgenommen wurden. Apropos Zeichnungen und Runen: Das Thema Hautbilder ist natürlich auch vertreten. Wer sich für die Feste und Spiele interessiert, wird ebenso wenig enttäuscht wie derjenige, der schon immer mal wissen wollte, wie und wo der Thorwaler mit seiner Sippe lebt, schläft, isst und arbeitet. Natürlich darf ein Überblick über die Waffen und Kleidung nicht fehlen. Auch, in was für einer Staatsform der Thorwaler lebt und wie er Recht spricht.

Ein besonderes Augenmerk wirft der Band auf die Religion und den (Aber)Glauben, es wird vom Verhältnis zu den Zwölfgöttern berichtet, auch zum Namenlosen. Nicht zu vergessen die vielen Fabelwesen, die die Thorwaler auf ihren Fahrten und Reisen erblickt (zu) haben (glauben). Neben den Wesen aus Sagen und Legenden klärt UDW auch über die artenreiche Tier- und Pflanzenwelt in der Region auf. Richtig spannend aber wird es, wenn die Magie „ins Spiel“ kommt. Das Verhältnis der Thorwaler zur Magie ist nämlich ein ganz eigenes. Es wird von Magiedilettanten und Wetterzauberern berichtet und von der bekannten Runajasko zu Olport, die 1025 BF aus der Großen Grauen Gilde des Geistes ausgeschlossen wurde.

Angenehm ausführlich widmet man sich den diversen thorwalschen Regionen, nennt unter anderem deren geographischen Grenzen, Landschaften, wichtige Städte und Dörfer und die dortige Bevölkerung. Auf die wichtigsten Städte wie zum Beispiel Thorwal, Prem und Olport wird gesondert auf knapp über 20 Seiten eingegangen. Leider nur sehr kurz wird die Schifffahrt der Thorwaler behandelt. Wenn auch mit detaillierten Erklärungen und mit wunderbaren Zeichnungen diverser Schiffstypen versehen, kommt mir das Kapitel über das seefahrende Volk leider nicht umfassend genug vor.

Wie im Untertitel von UDW angekündigt, befasst sich der Hardcoverband auch mit den Gjalskerländern. Auf 25 Seiten erfährt der Leser – gewohnt klar illustriert von Caryads Zeichnungen – endlich mehr über die Geschichte, das Land und das Volk aber auch ihren Kalender, die Riten und Bräuche. Besonders aufschlussreich ist das Unterkapitel über die Glaubenswelt der Gjalsker.

Das letzte Drittel des Buches ist den beiden verfeindeten Kleinstaaten Nostria und Andergast gewidmet. „Es waren zwei Königreiche, die konnten einander nicht riechen...“ Faktenreich wird die 2.000 Jahre währende Geschichte der „Streitenden Königreiche“ dokumentiert. Wie es sich in den beiden Ländern trotz dieser Fehde leben lässt, wie beschwerlich die Reisen dorthin und wie groß tatsächlich das Misstrauen und die Vorurteile sind, all das erfährt der neugierige Leser. Zudem wird von den Raubrittern der Gegend, den Geistern, Gespenstern und Goblins erzählt, die ihr Unwesen mit den Reisenden treiben. Geographische und politische Informationen zu Nostria und Andergast dürfen natürlich nicht fehlen, auch die Städte selbst werden ausführlich vorgestellt. Ein wirklich sehr brauchbares Unterkapitel ist „Die Streitenden Königreiche im Spiel“. Es fällt Spielleitern wie Spielern ja manchmal schwer, sich in ausgefeilten, vorgegebenen Situationen zu bewegen, das wird hiermit erleichtert. Ebenfalls von großem Nutzen sind nicht nur die vorgestellten Persönlichkeiten aus Nostria, Andergast, Gjalsker und Thorwal, sondern auch die „Mysteria Arkana“ der vier Regionen.

Abgerundet wird der Band UDW von vielerlei Medienhinweisen, die neben stimmungsvollen Musikvorschlägen auch Belletristik, Sachbücher und Filme auflistet, die der Spielergruppe helfen kann, Abenteuerszenarien oder Heldenfiguren besser auszugestalten.

Fazit: Auch das zweite Buch der Reihe „Aventurische Regionen“ ist eine positive Empfehlung wert. Nicht nur Spielleiter, sondern auch Spieler haben mit dem Buch über den aventurischen Nordwesten die Gelegenheit, mehr über das raue Land, die rauen Sitten und die dort lebenden Menschen zu erfahren. Der Hardcoverband ist eine wahre Bereicherung nicht nur für das Bücherregal, sondern vor allem für die Spielrunden. Das lässt mich auf meinen persönlichen Favoriten 2005 – „Angroschs Kinder: Die Zwerge Aventuriens“ – hoffen!


Aventurische Regionen 2: Unter dem Westwind – Thorwal, das Gjalskerland und die streitenden Königreiche Nostria und Andergast
Quellenbuch
Ragnar Schwefel (Hrsg.)
Fantasy Productions 2004
ISBN: 3-89064-295-0
200 S., Hardcover, deutsch
Preis: EUR 25,00

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