von Frank Stein
Die neue Welle an Helden erscheint, wie schon „Dice Throne“ zuvor, bei Grimspire und ist in zwei Boxen geteilt, die jeweils vier Figuren enthalten. In der vorliegenden Box findet der geneigte Brettspiel-Freund und Comic-Nerd Cyclops, Gambit, Rogue und Jean Grey, also durchaus namhafte Protagonisten des ausufernden „X-Men“-Franchises. Seltsamerweise fehlt aber Professor X und auch den Oberschurken Magneto sucht man vergeblich. Hätte ich die Boxen zusammenstellen dürfen, hätte ich diese zwei wahrscheinlich Psylocke und Gambit vorgezogen (wobei Gambit einen abgefahrenen Spielmechanismus hat, aber dazu gleich mehr).
Zum Spielmaterial und dem Spielprinzip möchte ich nach wie vor nichts weiter sagen. Alles entspricht zu hundert Prozent den vorherigen Produkten, ist doch auch alles zu hundert Prozent damit kompatibel. Wer neugierig ist, dem empfehle ich meine Rezension der Box „Marvel Dice Throne: Captain Marvel, Black Panther, Doctor Strange & Black Widow“ hier beim Ringboten. Stattdessen möchte ich mich erneut auf eine Betrachtung der vier Figuren konzentrieren.
Cyclops, das alte Laserauge, besticht vor allem durch Flexibilität. Sowohl sein Statuseffekt „Schlachtplan“ als auch „Unterstützung“ sind gleich auf drei verschiedene Weisen nutzbar. „Unterstützung“ liefert beispielsweise Kampfpunkte (KP), die Währung, die man braucht, um Karten von der Hand spielen zu können. Das will Cyclops gern und häufig, denn auf vielen seiner Karten verstärken sich die Effekte, wenn zuvor bereits eine Karte mit dem Schlüsselwort „Führung“ gespielt wurde. Außerdem gestattet „Unterstützung“, einen Würfel neu zu werfen. „Schlachtplan“ dagegen ermöglicht einem, die obersten 3 Karten des Zugstapels durchzusehen und eine „Führung“-Karte auf die Hand zu nehmen. Außerdem kann man so dem Gegner einen „Zielgenau“-Marker verpassen, sprich, ihm ein Fadenkreuz auf die Stirn pinseln, das so lange jeden Angriff um +1 (oder +2) erhöht, bis der oder die Marker durch einen Spieleffekt entfernt worden ist beziehungsweise sind. Sprich: KP sammeln und Karten raushauen, was das Zeug hält: So spielt man mit Cyclops am effektivsten.
Eine Hausnummer komplexer verhält sich dagegen Gambit. Der Kartentrickser trumpft mit gleich vier Assen auf. Das sind Sonderkarten, die man mit den Spielmarkern „Molekulare Beschleunigung“ aufladen kann, bis sie voll sind. Dann kann man die Asse bei einem Angriff explodieren lassen und fügt zusätzlichen Schaden und gegebenenfalls weitere Effekte hinzu. Es dreht sich also viel um besagtes Beschleunigen, denn so werden aus soliden Angriffen krasse Angriffe. Für den Selbstschutz verwendet Gambit den Marker „Zerfall“, der Heilung erlaubt. Gegner ärgert er zudem mit „Störung“. Wer den Marker auf sich liegen hat, muss entweder 1 KP opfern oder erleidet 2 Schaden. Gambit ist ein gefährlicher Gegner, der schwer zu bremsen ist, denn die „Beschleunigung“-Marker sind gefeit vor Entfernen, und Dank seiner Heilfähigkeiten hält er auch mit etwas Glück genau die Kampfrunde länger durch als sein Gegner.
Rogue wirkt auf den ersten Blick fast schwächlich, aber man darf sie auf keinen Fall unterschätzen. Sie ist unablässig dabei, „Ionische Energie“-Marker zu sammeln, die dann bei einem Angriff als Extraschaden entladen werden dürfen. Das sorgt – ganz ohne ultimativen Angriff – durchaus für Schläge, die 10 und mehr Schaden verursachen. Das kracht ordentlich, wie auch eines unserer Testspiele zeigte, wo Rogue Cyclops – eher untypisch deutlich – mit 23 zu 0 Lebenspunkte besiegte! Fies ist zudem ihr „Einfluss“-Effekt, der Gegnern Würfelversuche in der Angriffsphase raubt. Eher nutzlos – beziehungsweise arg vom Würfelglück abhängig – ist der Defensiveffekt „Himmelwärts“, der Schaden verhindert – aber nur, wenn Angreifer und Rogue bei einem vergleichenden Würfelwurf exakt die gleiche Zahl werfen. Stark ist dagegen ihre normale Defensivfähigkeit. Anders als alle anderen X-Men darf sie mit 4 Würfeln verteidigen. So sind schnell mal zumindest 2 Schadenspunkte abgewehrt.
Zwei Persönlichkeiten wetteifern um die Vorherrschaft in Jean Grey: ihre eigene und die des Dark Phoenix. Entsprechend – und das macht diese Heldin zur wohl am schwersten zu spielenden – wechselt sie jede Kampfrunde von der einen zur anderen. Knifflig dabei: Dark Phoenix schlägt zwar heftiger zu – etwa mit dem Statuseffekt „Flammenexplosion“ oder ihrer Charakterfähigkeit –, dafür muss sie jedoch die Einkommensphase überspringen, bekommt also keinen KP und keine Handkarte. Wer effektiv spielen will, muss also darauf achten, sich in der Jean-Grey-Runde auf einen möglichen Angriff vorzubereiten und dann in der Dark-Phoenix-Runde so heftig wie möglich zuzuschlagen. Das ist nicht immer perfekt zu machen, dafür entschädigen einige starke Statuseffekte. „Kraftfeld“ verhindert beispielsweise die Hälfte eines eingehenden Schadens. Und „Sinnesschärfe“ gestattet vielseitig sowohl einen Reroll, gewährt einen KP oder fügt einem Gegner den schmerzhaften Effekt „Phoenixfeuer“ zu, der jede Runde 2 Schaden anrichtet, es sei denn man befreit sich davon mit einem Rettungswurf von 5 oder 6. Eine ebenso komplexe wie spannende Heldin.
Erneut liegen hier vier sehr unterschiedliche Helden vor. Insbesondere Gambit und Jean Grey mit ihren speziellen Spielmechanismen verlocken. Aber auch die überraschend starke Rogue weiß zu gefallen. Am unspektakulärsten spielt sich Cyclops, vielleicht haben wir seine Kartensynergien aber auch einfach noch nicht richtig genutzt. So oder so erweitert die Box die Möglichkeiten an Duellen erneut deutlich – und ich finde sie auch einen Ticken interessanter als die Schwesterbox mit Iceman, Psylocke, Storm & Wolverine.
Fazit: „Marvel Dice Throne: X-Men – Cyclops, Gambit, Rogue, Jean Grey“ bringt vier neue Comic-Helden an den Spieltisch, die sich nur perfekt mit den „Marvel Dice Throne“-Boxen kombinieren lassen, sondern im Prinzip auch mit dem „Dice Throne“-Grundspiel, obwohl das vom Personal her nicht so ganz passt. Die Figuren – vom Kartentrickser Gambit bis zur wandelfreudigen Persönlichkeit Jean Grey – spielen sich erfreulich divers, und es macht viel Spaß, sie in verschiedenen Duellkombinationen gegeneinander antreten zu lassen. Der Preis ist unverändert etwas zu hoch in meinen Augen, doch das Suchtpotenzial des Spielprinzips rechtfertigt die Investition irgendwie schon. Davon abgesehen fallen einem auf Anhieb noch diverse weitere X-Men (und Widersacher) ein, die man gern gesehen hätte – Professor X, Colossus, Nightcrawler, Beast oder Magneto. Da ist tatsächlich noch Luft für kommende Erweiterungen.
Marvel Dice Throne: X-Men – Cyclops, Gambit, Rogue, Jean Grey
Brettspiel für 2 bis 6 Spieler ab 8 Jahren
Nate Chatellier, Manny Trembley, Gavan Brown
Grimspire 2026
EAN: 4255682706061
Sprache: Deutsch
Preis: 64,99 EUR
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