von Ansgar Imme
Mit der Starterbox zur vierten Auflage von „Warhammer Fantasy“ legte Cubicle 7 beziehungsweise für deutsche Spieler der Ulisses Spiele Verlag erstmals für „Warhammer“ eine Einsteigerbox vor, mit der sowohl neue Rollenspieler als auch aus anderen Systemen wechselnde Spieler einen Start in die „Warhammer“-Welt erleben konnten. Die Stadt Übersreik stellte eine begrenzte Örtlichkeit zur Verfügung, die man nach und nach kennenlernen konnte.
Mit dem ersten Abenteuerband erhielten die Spieler und Abenteurer die Möglichkeit, größere und kompliziertere Abenteuer zu erleben, die zudem teilweise außerhalb der Stadt spielten oder in der Stadt neue Entdeckungen ermöglichten. Der vorliegende Anthologieband ermöglicht Spielern und Charakteren, ihre Übersreik-Erlebnisse und -kampagne fortzusetzen und neue Kontakte aufzubauen.
Neben den fünf Abenteuern, die zum Teil von bekannten und erfahrenen Autoren wie TS Luikart oder Dave Allen stammen, ist auch eine ausführliche Beschreibung der Grafschaft Schwarzfels enthalten.
Der Inhalt
Zum Auftakt bekommen die Abenteurer in „Tödliche Lieferung“ durch Zufall ein Paket ausgehändigt, welches eine mysteriöse Rätselkiste enthält. Der Inhalt offenbart sich nach dem Öffnen als okkulte Gegenstände nekromantischen Ursprungs. Der eigentliche Empfänger setzt verschiedene Hebel in Bewegung, um wieder an seine Lieferung zu kommen. Die Charaktere müssen nicht nur überleben, sondern auch den Nekromanten stoppen, ehe dieser eine Armee von Untoten auf die Stadt loslässt.
Im zweiten Szenario „Die Legende des Schurkenfischers“ werden die Abenteurer in eine Reihe von Überfällen auf Reisende verwickelt. Diese scheinen von einer Figur aus Legenden, dem sogenannten Schurkenfischer, ausgeübt zu werden. Eine Adelige heuert die Charaktere an, um den Täter zu fassen und seine Identität aufzudecken. Doch es warten einige Überraschungen bei der Suche und Enttarnung des Bösewichts.
„Doppelter Ärger“ steht im dritten Abenteuer ins Haus, als die Gruppe vom Sohn einer Adeligenfamilie eingeladen wird, da dieser ein Epos über ihre Heldentaten verfassen will. Es zeigt sich aber schnell, dass er die Abenteurer als Leibwache benötigt, da auf dem Anwesen seltsame Dinge vor sich gehen und einige Bewohner unter mysteriösen Umstände gestorben sind. Sollte wirklich die eigene Mutter in die Vorkommnisse verwickelt sein?
Mit mehr als zwanzig Seiten ist „Blutige Salbungen“ die längste Geschichte im Band. Der Hochtempel des Sigmar in Übersreik sucht nach Ermittlern, da einer ihrer Priester ermordet wurde. Bei den Untersuchungen stellen die Abenteurer fest, dass es sich nicht um den einzigen Mord handelt. Eine Blutspur zieht sich durch die Stadt, die verschiedene Priester oder fromme Personen zum Opfer hat, die jedoch alle nicht frei von Sünde waren. Während ihrer Ermittlungen werden die Charaktere immer wieder durch eine Katze und einen Hund beobachtet. Und gleichzeitig scheint auch eine mysteriöse Bardin immer in der Nähe der Tatorte zu sein. Die Charaktere müssen Licht in dieses Dunkel bringen.
Im letzten Szenario „Gold des Grauen Gebirges“ werden die Abenteurer gebeten, eine Expedition in eine verlorene zwergische Wehrstadt im Grauen Gebirge zu begleiten. Doch schon die Vorbereitungen in Übersreik verlaufen chaotisch. Ein Zwergen-Klan ist über den Plan der Charaktere und ihres Auftraggebers nicht erfreut. Und angebliche Verbündete scheinen etwas zu verbergen. Wenn die Gruppe nicht einen Eintrag im Buch des Grolls bekommen möchte, sollte sie einige Geheimnisse lösen.
Als letzter größerer Textabschnitt wird die Grafschaft Schwarzenfels vorgestellt. Dorthin haben sich die ehemaligen Herrscher Übersreiks, die Jungfreuds, zurückgezogen und schmieden Pläne, wie sie wieder an die Macht gelangen können. Neben einem geschichtlichen Abschnitt werden markante Orte der Grafschaft und dortige Herausforderungen oder Gefahren vorgestellt. Wichtige Protagonisten, die die Gegend bestimmen, erhalten eine Beschreibung mitsamt ihren Zielen und Plänen.
Abschließend gibt es einen kurzen Überblick zu den Auswirkungen der Abenteuer aus der „Der Innere Feind“-Kampagne auf die Region Übersreik. Ein kleiner Index und mehrere Seiten mit Handouts runden den Band ab.
Kritik
Über den äußeren Eindruck kann man sich erneut nicht beschweren. Hier haben sowohl Cubicle 7 als Originalverlag als auch Ulisses Spiele als Übersetzer eine sehr gute Arbeit geleistet. Das Layout ist wie immer übersichtlich und klar in der Struktur. Die Lesbarkeit ist angenehm, und die Textmengen werden ausreichend durch kleinere Handouts, Textboxen mit weiteren Informationen oder Spielwerte „gebrochen“, ohne dass aber die Übersichtlichkeit leidet. Wesentliche Fehler fallen nicht auf, einzig in der Übersetzung wird gefühlt einige Male zu oft der Konjunktiv verwendet. Die Illustrationen sind in der Menge ausreichend und geben die Welt und Stimmung passend wieder. Durch viele Porträts von NSC hat man einen Mehrwert, um den Spieler einen Eindruck ihrer Gegenüber zu geben. Einzig die Farbgebung mancher Illustrationen scheint etwas zu dunkel zu sein und einzelne Feinheiten zu verdecken.
Die fünf Abenteuer fangen die Stimmung von „Warhammer“ wieder gut ein. Die Geschichten sind teilweise düster, vor allem aber meist tragisch und bieten skurrile Gegner oder Situationen. Bis auf eines der Abenteuer hat man es durchgängig mit menschlichen Gegnern zu tun und auch dort nur in zweiter Reihe mit unnatürlichen Widersachern. Vielleicht bedingt durch die Stadt als Haupthandlungsort geht es immer um eine Art von Ermittlungen, die die Spieler führen müssen. Die Geschichten sind dabei für ihre Kürze meist so abwechslungsreich wie möglich gestaltet und ziehen ihre Spannung aus unterschiedlichen Ausgangslagen und Folgen: mal ist es die Bedrohung der Stadt durch Untote, mal die Ergreifung eines Räubers oder die Aufdeckung des Verschwindens von Bediensteten.
Dass drei der fünf Abenteuer aber die Suche und das Ergreifen eines Mörders oder Räubers behandeln, obwohl die Handlung jeweils ganz anders läuft und verschiedene Schwerpunkte setzt, kann dem Leser schon als gewisse Dopplung auffallen. Hier bot der erste Band zu Abenteuern in Übersreik eine etwas breitere Auffächerung an Themen und Plots. Zudem erfordern vier der fünf Abenteuer schlussendlich eine kampflastige Lösung, was man allerdings nicht nur diesem Band vorwerfen könnte, sondern vielen Rollenspielpublikationen. Ein ordentlicher Endkampf gegen den Übeltäter gehört für die Spieler eben doch dazu. Was mehrfach im Band nicht so gut gefällt, ist eine gewisse Gängelung der Spieler und das Vorschreiben, was den Charakteren passieren oder wie man Würfel fälschen sollte. Das haben die Abenteuer und ihre Handlung gar nicht nötig.
Natürlich kann man bei kurzen Abenteuern von zehn bis zwanzig Seiten nicht immer eine total offene Handlung erwarten. Dass zwei der Szenarien aber letztlich nur von einer Szene zur nächsten hüpfen, bei der die Spieler dann jeweils etwas agieren können (und manchmal auch nur zuschauen), ist unbefriedigend. Für Anfänger mag dies noch passen, bei erfahrenen Spielern sollte der Spielleiter ein paar Änderungen vornehmen. Die anderen Abenteuer sind ansonsten recht variabel und haben teils recht freie Handlungen für die Spieler. Obwohl die Szenarien an die Stadt Übersreik angepasst sind, kann man sie mit verhältnismäßig wenig Aufwand auch in andere Gegenden und Städte des Imperiums versetzen. Natürlich gewinnen sie durch die Bindung der Spieler und Charaktere an die Stadt und die immer tiefere Kenntnis der Straßen, Örtlichkeiten und Personen. Aber eine Versetzung der Handlung scheint nicht zu problematisch.
Sehr gut gelungen ist die kleine Spielhilfe zur Region und Grafschaft Schwarzfels. Neben den Hintergründen sind die wichtigsten Orte und Gefahren skizziert, sodass man schnell eine kleine Kampagne oder Abenteuerserie erstellen kann. Zudem werden für die wenigen Seiten sehr viele Abenteueraufhänger gegeben, die man für einen kurzen Spielabend ausschmücken kann. Mit verschiedenen Antagonisten finden sich dazu ausreichend Gegner, auf die man (auch mehrmals) treffen und sich mit diesen rumschlagen kann.
Fazit: Natürlich kann nicht jeder Abenteuerband ein neuer Höhepunkt sein. Aber der Leser erhält größtenteils gut ausgearbeitete Abenteuer, die mit wenig Aufwand für viele Spielabende in Übersreik und der Umgebung sorgen können. Durch die gute Gestaltung, NSC-Porträts, Handouts und Karten wird auch der Spielleiter gut unterstützt. Wen der Schwerpunkt auf Ermittlungen in den Abenteuern nicht stört, kann mit Abstrichen aufgrund zweier Szenarien mit Anpassungsbedarf zugreifen.
Abenteuer in Übersreik II
Abenteuerband
TS Luikart, Clive Oldfield, Dave Allen u. a.
Ulisses Spiele 2025
ISBN: 978-3-96331-911-2
128 S., Hardcover, deutsch
Preis: 39,95 EUR
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