von Andreas Rauscher
Dass „Star Wars“ in den frühen 1990er Jahren erwachsen wurde und sich nicht auf ein nostalgisch betrachtetes Stück 80er-Retro beschränken ließ, ist in erster Linie das Verdienst eines Science-Fiction-Schriftstellers, der die Saga und ihre Charaktere auf subtile Weise weiter entwickelte und sich nicht damit zufrieden gab, wie einige seiner Kollegen die hundertste Neuauflage des Todessterns aus dem Ärmel zu schütteln.
Timothy Zahns ambitionierte Plots und deren ungewöhnliche Ambivalenzen, die 1999 im Roman „Blick in die Zukunft“ im Friedensvertrag zwischen Allianz und Imperium, sowie einer dauerhaften Beziehung zwischen Luke Skywalker und Mara Jade, der ehemaligen Auftragskillerin des Imperators, kulminierten, vollzogen für das Expanded Universe jenen Schritt in Richtung neue Komplexität, den Leigh Brackett, Lawrence Kasdan und Irvine Kershner mit „Das Imperium schlägt zurück“ für die Kinoserie leisteten. Die „Star Wars“-Romane und Comics bildeten nicht mehr nur ein weiteres amüsantes Souvenir in einer weit gefächerten Merchandising-Palette, sondern demonstrierten ihre kreative Eigenständigkeit.
Die von Zahn eingeführte Protagonistin Mara Jade bildet nicht nur die vielschichtigste Frauenfigur des Franchise, sie gelangte vor einigen Jahren sogar als einziger Charakter, der nicht in den Filmen vorkommt, bei einer Umfrage in die Top 20 der beliebtesten „Star Wars“-Charaktere. Ihre Vergangenheit als „Hand des Imperators“, eine Imperator Palpatine unmittelbar unterstellte Agentin für besondere Fälle, deutet ein vielschichtiges Charakterprofil an, wie man es bis „Erben des Imperiums“ eher in einem Italo-Western als in einer „Star Wars“-Geschichte erwartet hätte. Ihre anfängliche Hassliebe zu Luke Skywalker beförderte nicht nur dessen Charakter über die auf Dauer etwas eindimensionale Heldenrolle der Filme hinaus. Das diegetische Universum überschritt auf produktive Weise die eigenen Grenzen, indem erstmals eine früher mit der dunklen Seite assoziierte Figur nicht mehr zur Läuterung den Heldentod nach Vorbild von Darth Vader sterben musste, sondern über durchaus nachvollziehbare Motive verfügte.
Der neue Zahn-Roman „Treueschwur“ widmet sich, neben einer Comic-Miniserie Mitte der 1990er Jahre, erstmals jener Zeit, in der Mara Jade sich noch nicht auf der Seite der Allianz bewegte, sondern als ideologisch in die Irre geleitetes Good-Bad-Girl Darth Vader Konkurrenz machte. Man sollte sich jedoch nicht vorschnell über eine „Star Wars“-Noir-Variante mit Lukes zukünftiger Femme Fatale freuen, denn Timothy Zahn wählt einen Ausgangskonflikt, der nicht mehr viel mit der ursprünglichen Konfrontation zwischen demokratischer Allianz und totalitärem Imperium zu tun hat.
Die dramaturgische Lösung scheint bezeichnend für die neue relativierte Rolle des Imperiums im „Star Wars“-Universum. Nicht nur in den aktuellen Romanen, der Comicserie „Legacy“ und den neueren Videospielen erinnern die Imperialen weitaus stärker an die Klingonen der „Star Trek – Next Generation“ als an die faschistoiden, im Ornament der Masse aufmarschierenden Schießbudenfiguren der ersten Trilogie. In „Treueschwur“ findet sich sogar zur Hochphase des galaktischen Bürgerkriegs, ein Jahr nach der Zerstörung des ersten Todessterns, eine ganze Reihe von Sympathieträgern auf der Seite des Imperiums. Die moralische Courage einer als „Hand der Gerechtigkeit“ bekannten Gruppe von Sturmtrupplern, die ein Massaker an unschuldigen Zivilisten verhindert und anschließend desertiert, sowie die moralisch integre Mara Jade, die gegen einen verbrecherischen imperialen Gouverneur ermittelt, befördern jene von Lucas in „Die Rache der Sith“ selbst angedeutete Lesart, nach der das Imperium nicht für ein technokratisch-faschistoides und totalitäres System, sondern für problematische, aber korrekturfähige Perspektiven der amerikanischen Politik in den 1980er und 2000er Jahren steht.
Ganz im Gegensatz zu den rassistischen Machenschaften des Imperators und der Zerstörung ganzer Planeten in anderen Filmen und Romanen stellt sich in „Treueschwur“ die Frage, ob nicht im Sinne der Fan-Film-Parodie „Troops“ und der moralphilosophischen Reflexionen aus „Clerks“ über Facharbeiter auf dem Todesstern die imperialen Handlanger einfach nur missverstanden wurden. Zeitweise arbeiten die abtrünnigen, auf eigene Faust gegen Unrecht und Unterdrückung, wenn nicht sogar anti-imperialistisch engagierten Sturmtruppler der „Hand der Gerechtigkeit“ sogar mit Han, Luke und Chewie zusammen. Selbst Darth Vader, der um die Gunst des Imperators bangt, erinnert in seinen mitleidserregenden Wutausbrüchen gegenüber Mara Jade eher an seinen sympathischen Verwandten, den notorischen Loser und Supermarktangestellten Chad Vader aus der gleichnamigen brillanten Fan-Film-Serie, als an den imposanten Superschurken der ersten Trilogie.
Angesichts dieser das Pulp-Moralraster der ersten Trilogie sprengenden Perspektive erweist es sich als geschickte Entscheidung, dass „Treueschwur“ gar nicht erst Parallelhandlungen zu bekannten Ereignissen aus den Filmen entwirft. Stattdessen konzentriert sich der knapp vierhundert Seiten starke Roman ganz auf eine kleine Episode zwischen „Eine neue Hoffnung“ und „Imperium“, die in der für Zahn typischen Weise aus einer ganzen Reihe von konträren Perspektiven geschildert wird. Das dramaturgische Spielfeld bleibt im Vergleich zu den komplizierten Intrigennetzen der zeitlich später angesiedelten Romane überschaubar und die Handlung gestaltet sich geradlinig. Han, Luke, Leia und Chewie begeben sich auf eine diplomatische Mission in den von Imperium und Piratenbanden umkämpften Shelsha-Sektor, um neue Verbündete für die Allianz zu gewinnen. Zur gleichen Zeit trifft auch Mara Jade im Auftrag des Imperators in dem politisch instabilen Gebiet ein, um eine Korruptionsaffäre aufzudecken. Das Bindeglied zwischen diesen beiden separaten Handlungssträngen bilden die auf eigene Faust operierenden Sturmtruppler, die das optimale Rollenmodell für Fan-Organisationen wie die 501st abgeben. Letztere absolvieren natürlich gemeinsam mit Darth Vader einen kurzen Gastauftritt.
Als Genrefolie für die leicht nostalgische und dennoch in ihren Brüchen ausgesprochen zeitgemäße Geschichte dienen diverse Standardsituationen des klassischen Spionagefilms. Wie in dessen avancierteren Vertretern gibt es auf eine für die Zeit der klassischen Trilogie eher ungewöhnliche, für Zahn jedoch typische Weise keine klaren Trennlinien zwischen Gut und Böse, sondern eine Vielzahl von Graustufen, die sich in Bezug auf das zentrale Thema Solidarität und Zivilcourage herausbilden.
Fazit: Nach der gelungenen Ausarbeitung der dramatischen Ereignisse um eine zum Scheitern verurteilte Jedi-Expedition in „Die Kundschafter“ und deren Auswirkungen Jahrzehnte später in „Die Verschollenen“ überträgt Timothy Zahn in „Treueschwur“ die für ihn charakteristische ambivalente Auslegung des „Star Wars“-Universums auf die Zeit der ersten Trilogie. Darin bietet er nicht nur einen spannenden Einblick in die Vergangenheit Mara Jades als Agentin des Imperiums, sondern entwirft seine eigene Variante eines neoklassischen „Star Wars“-Abenteuers mit deutlich ausformulierter Thematik und einer ganzen Reihe von unterhaltsamen Standardsituationen.
Star Wars: Treueschwur
Film/Serien-Roman
Timothy Zahn
Blanvalet 2008
ISBN: 978-3442369805
432 S., Paperback, deutsch
Preis: EUR 13,00
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