von Andreas Loos
Darum geht es: Das Raumschiff Rhea ist der Quelle von seltsamen Quantenenergien auf der Spur, die einen Teil des Weltalls durchfluten. Ein Außenteam, dem die Halbvulkanierin Lieutenant T’Ryssa Chen angehört, findet sehr seltsame Lebensformen. Zwar gelingt es T’Ryssa Chen einen schwachen telepathischen Kontakt zu den Lebewesen herzustellen, aber bevor man nähere Untersuchungen anstellen kann, taucht die Einstein, ein von den Borg in „Heldentod“ assimiliertes Sternenflottenschiff auf und greift die Rhea an. Kurz bevor der Landetrupp auch assimiliert wird, versetzen die Lebewesen die Halbvulkanierin mittels eines Quanten-Slipstreams binnen Sekundenbruchteilen auf einen 2000 Lichtjahre entfernten Planeten. Dass die Borg gerade von einer solch mächtigen Technologie besser nicht Besitz ergreifen sollten, dürfte klar sein. Ebenso steht fest, wer auch diesmal die Kartoffeln aus dem Warpkern holen darf. Es wird Zeit, dass die Enterprise und Captain Picard auf den Plan treten, um den Borg Einhalt zu gebieten. Diesmal hat Jean-Luc sogar eine Blankovollmacht der Föderation im Rücken: Er darf tun, was immer nötig ist, um die Borg aufzuhalten.
Das Thema scheint nach diesem Intro, das ich, leicht abgewandelt, der Inhaltsangabe auf der Rückseite des Umschlages entnommen habe, vorgegeben zu sein. Tatsächlich ist der Kampf gegen die Borg aber nur ein Handlungsstrang, der teilweise völlig in den Hintergrund tritt. Bennet stattet seine Charaktere mit einer Menge familiärer Facetten aus. Familienbeziehungen werden im Verlauf der Handlung extra großgeschrieben. Fast jeder der Akteure bekommt die Gelegenheit, seine Erfahrungen und Meinungen zu diesem Thema preiszugeben. Sei es das gestörte Mutter-Tochter-Verhältnis, das T’Ryssa Chen geprägt hat, Beverly Crushers Erfahrungen, einen Wunderknaben wie Wesley großzuziehen, oder die zweite Offizierin Kadohata, die Mann und Kinder daheim gelassen hat, um zwischen den Sternen zu reisen. Auch Worf darf über seine Erfahrungen sprechen. Picard hingegen trägt sich in diesem Zusammenhang mit dem Gedanken, mit seiner neuen Lebensgefährtin Beverly Crusher eine Familie zu gründen.
Dazu passt dann auch, dass der abtrünnige Borg Hugh zur Enterprise stößt und diese um Hilfe bittet, ihm und seiner ebenfalls durch die Assimilierung sterilisierten Anhängerschaft aus ehemaligen Borgdrohnen die Möglichkeit zu , sich normal fortzupflanzen. Die Borg auf der Einstein haben damit keine Probleme. Als Antithese zu dem Familienkonzept steht hier die Assimilation in das Kollektiv. Dadurch ist eine umständliche Reproduktion nicht notwendig – benötigter Nachwuchs wird einfach für das Kollektiv zwangsrekrutiert. Zum guten Schluss empfand ich das ständig wiederkehrende Familienthema als zu viel des Guten. Das bleibende Fazit, dass es ohne Familie nicht geht, hätte man auch weniger umständlich verpacken können.
Der eigentliche Star des Romans war für mich die völlig untypische Halbvulkanierin T’Ryssa. Sie ist undiszipliniert und vorlaut. Damit ist sie das krasse Gegenstück zu den typisch stoischen Vulkaniern, die man zu Genüge kennt. Ihre besonderen Fähigkeiten, besonders die, die es ihr ermöglicht, mit den fremden Lebewesen Kontakt aufzunehmen, schaffen erst die besondere Bühne, auf der T’Ryssa überhaupt auftreten kann. Die Auftritte des quirligen Lieutenants haben die Story erheblich aufgelockert. Die Einstellung der rätselhaften Aliens, die über enorme Fähigkeiten verfügen, aber Gewalt ablehnen, stellt die Besatzung des Raumschiffs vor neue ungeahnte Herausforderungen. Diesmal bringen Waffen Picard nicht weiter, wenn er die Borg besiegen will. Diesmal muss er sich auf seine diplomatischen Fertigkeiten verlassen – und auf die oben genannte Halbvulkanierin.
Als besonderes Bonbon macht sich Julian Wangler in einem kleinen Essay mit dem Titel „Abenteuer im großen Abteuer“ Gedanken um die Familienbande im „Star Trek“-Franchise.
Fazit: „Mehr als die Summe“ bietet als fünfter Band der Reihe eine neuerliche Version des Borg-Themas, diesmal kombiniert mit einem heiklen Erstkontakt mit einer fremden und sehr mächtigen, wenn auch extrem friedfertigen Spezies. Die Einstellung der Lebewesen stellt eine große und auch die wichtigste Herausforderung für die Enterprise-Besatzung dar. Die Borg geraten im Gegensatz dazu Staffage. Picard und Co. sinnieren dabei immer wieder über die Bedeutung von Familie und Kindern, während Picard darüber nachdenkt, endlich selber eine Familie mit Dr. Chrusher zu gründen – was mit etwa 75 Jahren höchste Zeit ist. Das Familienthema dominiert den Roman in zahlreichen Facetten und lässt den Kampf gegen die Borg Stellenweise zur Nebenhandlung verkommen. Schön fand ich vor allem die liebevoll in Szene gesetzten Charaktere. Ein Blick auf das Borg-Schiff und deren Ansichten zu dem Thema hätten mich gefreut. So blieben die feindlichen Borg im Großen und Ganzen nur gesichtslose Feinde. Der Roman ist weit weniger spektakulär ausgefallen als der Vorgängerband „Heldentod“. Statt endloser Materialschlachten und zigtausenden Toten, werden hier vor allem persönliche Veränderungen im Gefüge der Besatzung der U.S.S. Enterprise präsentiert. Der Roman leitet am Ende direkt in das Szenario der „Destiny“- Reihe über, die sich inhaltlich nahtlos anschließen. Wer sich auf „Destiny“ einstimmen will, kommt an „Mehr als die Summe“ nur schwer vorbei.
Star Trek TNG: Mehr als die Summe
Film/Serien-Roman
Christopher L. Bennett
Cross Cult 2010
ISBN: 978-3941248-65-6
329 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 12,80
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