Star Trek: Die Gesetze der Föderation

Der Weltraum, unendliche Weiten: Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das unterwegs ist, um fremde Welten zu entdecken, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen. Von dieser Prämisse kann sich der Leser in die Gesetze der Föderation verabschieden. Der Roman dringt in Bereiche vor, von denen ich dachte, man würde niemals etwas Genaues darüber erfahren. Hier kommt „Star Trek“ in einer anderen völlig anderen Dimension.

von Andreas Loos

 

 

Der Leser wird von Keith R. A. DeCandido auf eine Entdeckungsreise geschickt, diesmal ohne Raumschiff, ohne Mysterien, die die Sternenflotte direkt aufdecken muss, aber vor allem ohne die gewohnten Hauptakteure. Kein Captain Picard, kein Will Riker – und auch andere bekannte Gesichter der Sternenflotte erscheinen im Laufe der Handlung allenfalls nur mit einem kurzen Schlaglicht.

Die Handlung, wenn man von dieser als solche überhaupt reden kann, dreht sich fast ausschließlich um Politik, genauer gesagt die Politik der Vereinten Föderation der Planeten. Der Roman verfolgt das erste Jahr der Präsidentschaft von Nanietta Bacco von Cestus III, anscheinend dem einzigen Ort in der Galaxis, an dem noch Baseball gespielt wird. Der Romanhandlung läuft im Hintergrund zu den Abenteuern der U.S.S. Titan und der „Second Decade“.

Dass auch in der vielseitigen und multikulturellen Regierung der Föderation nicht alles nach Wunsch verläuft, dürfte klar sein. Und so wird der Leser Zeuge von Besprechungen, öffentlichen Debatten und Ränkespielen zwischen einer Vielzahl von Personen. Da bisher über die innerhalb des etablierten Franchises immer nur nebulös beschriebene Regierung der Föderation nur sehr wenig zu lesen und zu sehen war, betritt DeCandido absolutes Neuland. Aus diesem Grund muss er auch eine Menge neuer Personen einführen, die nötig sind, um den Apparat am Laufen zu halten. Dummerweise wird das alles inflationär betrieben, und ich hatte meine Liebe Mühe, damit nicht durcheinanderzukommen.

Die Präsidentin und ihr persönlicher Stab sind noch halbwegs gut ausgearbeitet, der Rest der Akteure verkommt teilweise zu einer Ansammlung kaum aussprechbarer Namen, die oftmals bestenfalls stereotype Züge annehmen. Zu viele davon kann man dann gleich wieder vergessen, weil sie im Verlauf der Handlung nicht mehr auftauchen, da keine übergeordnete Handlung vorhanden ist, sondern ausschnittsweise das Krisenmanagement und die reguläre Regierungsarbeit von Präsidentin Bacco im Verlauf eines Jahres verfolgt wird. Dabei geht es um einen unglücklich verlaufenen Erstkontakt oder erneute Konflikte zwischen Klingonen, Romulanern und Remanern oder aber interne Streitigkeiten um die Besetzung wichtiger Posten in der Regierung. In letzterem Fall wird geschachert was das Zeug hält. Zu guter Letzt bekommt die Präsidentin auch die Folgen der dunklen Machenschaften ihres Vorgängers Min Zife zu spüren. Von den Dingen, die außerhalb des Regierungsumfelds geschehen, erhält man dabei selten einen direkten Eindruck. Vielmehr werden die Ereignisse für den Leser dergestalt präsentiert, dass diese der Präsidentin dargelegt oder in Berichten zusammengefasst werden oder ausgiebig von den Akteuren darüber debattiert wird.

Bekannte Personen aus dem Franchise sind relativ rar gesät und beschränken sich fast völlig auf kurze Cameo-Auftritte. Janeway, Spock und Admiral Ross bekommen unter anderem einen kurzen Moment im Rampenlicht, das war es in Großen und Ganzen dann auch.

Was dem Roman in meinen Augen fehlt, ist ein echter Höhepunkt. Das ist weitestgehend dadurch bedingt, dass quasi ein Zeitraum unter die Lupe genommen wird und gleichzeitig verschiedene kleine Handlungsstränge auf den Weg gebracht und teilweise kurz darauf schon gelöst werden. Das ergab bei mir den Effekt, dass ich bei den kleinen Dingen zum Weiterlesen animiert wurde. Aber einen Spannungsbogen als solchen, der sich durch die ganze Länge des Romans zieht, konnte ich nicht ausmachen.

Bei der Charakterzeichnung der wichtigsten Akteurin – so gut der Charakter von Nanietta Bacco auch ausgearbeitet ist – stört mich etwas ungemein: Sie ist einfach zu perfekt dargestellt, denn sie trifft nur wohlüberlegte Entscheidungen mit einem messerscharfen politischen Kalkül. Moralisch und rhetorisch stellt sie alle anderen Politikern in den Schatten. Kurz: Sie wird hier einfach zur perfekten Übermutter der gesamten Föderation stilisiert. In meinen Augen wirkt sie dadurch unrealistisch im Sinne von „zu gut um wahr zu sein“. Klar hat Nan Bacco auch ein paar liebenswerte Schwächen – wie zum Beispiel ihr Faible für Baseball. Aber das fällt zurück hinter den unübersehbaren persönlichen Stärken, die der Autor der Person der Präsidentin gegeben hat. Es werden eine Menge Intrigen gesponnen, aber bei all den politischen Schlammschlachten schafft es die Präsidentin moralisch integer zu bleiben.

Daneben gibt es naturgemäß noch eine über das ganze Buch verteilte Lehrstunde über den politischen Aufbau der Föderation im 24. Jahrhundert. Auch zum Thema Journalismus im 24. Jahrhundert bekommt der Leser einige Einblicke. Der Roman nimmt massiv Bezug auf die Ereignisse, die in den „A time to…“-Romanen stattfinden, die bisher nicht ins Deutsche übersetzt wurden, außerdem auf einige Ereignisse des DS9-Relaunches und den ersten Band der „Titan“-Reihe um William Rikers neues Kommando. Es ist zwar für das Verständnis des Romans nicht zwingend notwendig, trotzdem hatte ich das unbestimmte Gefühl, dass mir wichtige Details fehlen. Der lockere Schreibstil, den DeCandido an den Tag legt, trägt viel dazu bei, dass der Roman nicht langweilig wird.

Der Verlag bezeichnet den Roman als den perfekten Auftakt für die Trilogie „Star Trek – Destiny“. Dem kann ich persönlich nicht zustimmen. Die besagte Trilogie befasst sich mit der größten Bedrohung durch die Borg, die es bisher im „Star Trek“-Universum gab. Hier aber finden die Borg keine Erwähnung, auch nicht die bedrohlichen Ereignisse, die sich im Rahmen der Handlung des Romans „Heldentod“ im unmittelbaren Umfeld der Erde am Ende des vom vorliegenden Roman abgedeckten Zeitraums abspielen – was natürlich nicht möglich ist, da der hier präsentierte Roman bereits 2005 auf Englisch erschien. Damit wurde er zwei Jahre vor der englischsprachigen Ausgabe von „Heldentod“ veröffentlicht, die 2007 stattfand.

Genau das hat mich allerdings erheblich gestört. In der Chronologie des „Star Trek TNG“-Relaunches wäre es ein Leichtes gewesen, die Ereignisse des Relaunches in die Zeit nach der Romanhandlung von „Die Gesetze der Föderation“ zu verlagern. Dies ist aber leider nicht passiert, was dazu führt, dass sich deutsche Leser, die jetzt in den Genuss kommen, die zeitnah erschienenen Übersetzungen der Romane von Cross Cult lesen zu können, über diese Diskrepanzen in der Zeitlinie wundern. Da aber die Handlung mit der Geschichte der „Destiny“-Reihe nichts zu tun hat und auch nicht Bezug darauf nimmt, ist der Roman kaum als der „perfekte Auftakt“ zu bezeichnen. Der Roman „Mehr als die Summe“, dessen Handlung sich unmittelbar vor dem Beginn der „Destiny“-Bücher abspielt und auch direkt eine Überleitung dazu bietet, hätte dieses Prädikat eher verdient.

Im Anhang findet sich neben einer Auflistung bekannter Präsidenten der Föderation das bei Cross Cult bereits obligatorische Bonusmaterial in Form von eines Essays von Julian Wangler. Diesmal geht es (natürlich) um die Regierung der Vereinten Föderation der Planeten. Der Artikel fasst noch einmal die wichtigsten Fakten zur Föderationsregierung und der Prinzipen zusammen, auf welchen diese aufbaut. Dazu setzt er noch ein paar Akzente in Bezug auf das gesamte Franchise, das diese Thematik bisher bewusst nur nebulös behandelt hat. Den Abschluss macht dann noch eine Zeitlinie, welche die verschiedenen Romane, die in der Zeit nach der Handlung des zehnten Kinofilms „Nemesis“ spielen, in Relation setzt.

Fazit: „Die Gesetze der Föderation“ ist alles andere als ein Actionkracher. Hier wird mit Worten gekämpft und nicht mit Phasern. Ein Jahr im Leben der Präsidentin der Vereinten Föderation der Planeten wird hier so gut serviert, wie man es – angesichts des gewählten Themas – nur machen kann. Wer Raumkämpfe, fremde Planeten in typischer „Star Trek“-Manier sucht, sollte die Finger davon lassen. Für alle, die sich schon immer dafür interessiert haben, wie die Vereinte Föderation der Planeten auf der politischen Ebene funktioniert, ist der Roman ein absolutes Muss.


Star Trek. Die Gesetze der Föderation
Film/Serien-Roman
Keith R. A. DeCandido
Cross Cult 2010
ISBN: 978-3-941248-50-2
450 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 14,00

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