von Henning Mützlitz
Inhalt
Während Colonel Kira, ihr erster Offizier Elias Vaughn und der neue Stationschief Nog damit beschäftigt sind, eine Reaktorkerntransplantation zwischen zwei Raumstationen vorzunehmen, bereitet sich Julian Bashir auf seine heikle Mission vor. Sektion 31 hat ausgerechnet ihn ausgewählt, weil er selbst in seiner Kindheit durch Genmanipulationen aufgewertet worden war, eine Praxis, die in der Föderation nach den Massakern der Eugenischen Kriege im 21. Jahrhundert verboten ist.
Sektion 31 glaubt, dass er deshalb am besten dafür geeignet ist, den Abtrünnigen Dr. Ethan Locken, selbst einst Mitglied in der skrupellosen Organisation, zur Strecke zu bringen. Dafür soll Bashir zum Planeten Sindorin in die Badlands aufbrechen, wo Locken eine ehemalige Produktionsstätte des Dominions in Besitz genommen hat und nun eigene Jem’Hadar züchtet, mit denen er die Föderation, vielleicht den ganzen Quadranten, bedrohen könnte. Bashir wittert bei diesem Auftrag die Chance, nicht nur diese Bedrohung zu beseitigen, sondern gleichzeitig mehr über Sektion 31 herauszufinden, um gegen sie vorgehen zu können.
Zusammen mit Ezri Dax, der ehemaligen Maquis und neuen Sicherheitschefin Ro Laren sowie dem von Odo nach DS9 gesandten Jem’Hadar-Botschafter Taran’atar bricht Bashir in die von Plasmastürmen heimgesuchten Badlands auf. Dort finden sie das Wrack eines romulanischen Schiffes, dessen Besatzung von Lockens Jem’Hadar massakriert und als eine Warnung für alle Besucher zur Schau gestellt wurde. Im Anflug auf Sindorin wird ihr Runabout angegriffen, und als es Ro mit letzter Mühe gelingt, das Schiff auf dem Planeten notzulanden, wird allen Beteiligten klar, dass die Mission weit schwieriger wird, als sie ohnehin angenommen hatten.
Meinung
Der dritte Band der neuen „DS9“-Buchreihe, die die Fernsehserie aus den 1990ern mit einer achten Staffel in Buchform fortführt, setzt die mit den beiden „Offenbarung“-Bänden begonnene Handlung rund um die ehemalige cardassianische Erzaufbereitungsstation gelungen fort. Es kehrt zwar noch keine wirkliche Normalität auf der Station ein, doch das Leben nach dem Dominon-Krieg und Ben Siskos Verschwinden schwenkt allmählich wieder in geordnetere Bahnen ein – soweit die sich entspinnenden Ereignisse eine Neuordnung zulassen.
Während in den ersten beiden Bänden vor allem Kira, Ro und die neuen Crewmitglieder sowie die Reorganisation der Station im Fokus standen, wird in „Der Abgrund“ erstmals ein anderer Schwerpunkt gelegt: Mit dem Auftrag für Julian Bashir durch Sektion 31 knüpft man an einen wichtigen Handlungsstrang aus der TV-Serie an. Dort hatte die Geheimorganisation, die inoffiziell hinter den Kulissen der Föderation an den Fäden der interstellaren Politik zieht, bereits versucht, die Gründer per Genozid durch einen tödlichen Virus auszuschalten. Bashir und Miles O’Brien war es damals gelungen, diesen ruchlosen Plan eines Sieges über den Feind mit jeglichen Mitteln aufzuhalten.
Nun sieht sich Sektion 31 seinerseits einem Problem gegenüber: Der genetisch manipulierte Dr. Locken trachtet danach, die Föderation zu reformieren, indem er eine neue Klasse von genetisch aufgewerteten „Übermenschen“ erschafft, für die es in ihrem Streben nach Verbesserung und Fortschritt weder moralische noch technologische Grenzen geben soll. Bashir als ebenfalls aufgewerteter Mensch bringt den Vorhaben des Wissenschaftlers zwar einige Sympathien entgegen, erkennt jedoch die Gefahr, die von Locken ausgeht – weisen dessen Schlussfolgerungen und Zukunftsvisionen doch eklatante Ähnlichkeiten mit denen eines Adolf Hitler oder Khan Noonien Singh, dem Verursacher der Eugenischen Kriege, auf.
Vor allem hier offenbart sich die Stärke des Romans von Jeffrey Lang und David Weddle: Der moralische Konflikt Bashirs als ehemals ausgegrenzter, illegal aufgewerteter Mensch selbst die Initiative zu ergreifen, um die Föderation von der Schwäche der natürlichen Beschränkung der menschlichen Fähigkeiten zu befreien, wird glaubhaft entwickelt und aufgelöst. Sie machen deutlich, wie schwierig sich die Gratwanderung zwischen dem Nutzen und Missbrauch derartiger Manipulationen darstellt – eine Frage, die auch in der Realität unseres 21. Jahrhunderts immer brisanter wird.
Anmerkung: Der Roman war in anderem Zusammenhang im Jahr 2002 in der damaligen Romanreihe zu „DS9“ von Heyne bereits auf Deutsch veröffentlicht worden, allerdings macht erst die Einbettung in die neue Reihe bei Cross Cult wirklich Sinn, da man dadurch erst den Gesamtzusammenhang innerhalb der sich weiter entspinnenden Ereignisse nach dem Dominon-Krieg verstehen kann.
Zur Ausstattung
Die Aufmachung lässt wie bei den ersten beiden Bänden ebenfalls, nichts zu wünschen übrig: Ein wunderbar zur Atmosphäre des Romans passendes Cover-Artwork von Martin Frei, als nettes Gimmick die wechselnden Charakterdarstellungen auf dem Buchrücken für eine schöne Galerie im Buchregal sowie das kompetente Nachwort von Julian Wangler zur politischen Einordnung der Romanhandlung in den „Star Trek“-Kosmos lassen die Herzen aller DS9-Fans höher schlagen.
Fazit: Nachdem die neue Reihe um die Raumstation DS9 schon hervorragend begonnen hat, setzt sich dies in „Sektion 31 – Der Abgrund“ nahtlos fort. Dabei wissen vor allem die gelungene Adaption der Serienatmosphäre in die Romanform und die spannende Handlung rund um den Auftrag des „Geheimagenten“ Julian Bashir sowie dessen moralisches Dilemma zu gefallen. Für alle Science-Fiction-Fans eine Empfehlung ohne Einschränkung, für alle „DS9“-Fans ein absoluter Pflichtkauf!
Star Trek – Deep Space Nine 8.03: Sektion 31 – Der Abgrund
Film/Serien-Roman
Jeffrey Lang, David Weddle
Cross Cult 2010
ISBN: 9783941248533
280 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 12,80
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