von Daniel Pabst
„Am liebsten mag ich Monster“ brachte der Autorin Emil Ferris internationale Bekanntheit, Preise und viel Anerkennung. In der Graphic Novel aus dem Jahre 2017 ließ die Künstlerin uns daran teilhaben, wie die zehnjährige Karen Reyes, ihr (fiktives) Tagebuch mit Zeichnungen und Dialogen füllte und damit ihre Erlebnisse im Chicago der späten 1960er Jahre festhielt. Noch immer träumt Karen davon, ein Werwolf zu werden. In einen langen Mantel gehüllt und mit einem großen Hut bekleidet, sucht sie weiterhin auf eigene Faust nach Antworten auf die Frage, wie ihre Nachbarin Mrs. Silverberg ums Leben gekommen ist und was die Welt der Erwachsenen verheimlichen will?
Diese Comic-Fortsetzung setzt an dem ersten Band nahtlos an und besticht ein weiteres Mal bereits durch die virtuosen Kugelschreiberzeichnungen. Die Striche und Kreise lassen die Bilder und Personen immer wieder sehr realistisch aussehen. Der Wechsel zwischen Schwarz-Weiß-Zeichnungen und bunten Seiten ist abwechslungsreich und spielt mit den Erwartungen sowie Gefühlen der Leserinnen und Leser. Das Cover von „Am liebsten mag ich Monster – Band Zwei“ lässt wie bereits beim Cover des Vorgängers tief blicken. Zu sehen ist diesmal ein junges Werwolfgesicht, welches – so viel kann verraten werden – dem Gesicht der jungen Protagonistin ähnelt. Ist sie nun tatsächlich zu einem Werwolf geworden? Selbstbewusst starrt sie geradeaus und ihre zwei spitzen Zähne deuten an, wozu sie imstande wäre.
„Am liebsten mag ich Monster – Band Zwei“ jedoch sperrt sich gegen eine eindeutige Genre-Kategorisierung. Es ist kein reiner Fantasy-Comic, aber auch kein reiner Geschichts-Comic, geschweige denn ein reiner Krimi-Comic. Die verschiedenen Facetten geben vielmehr Raum für eigene Deutungen. Hinter dem Vorhang des Übernatürlichen schwebt zudem ein Familien-Drama und eine Comic-of-Age-Geschichte. Ist also der Werwolf am Ende nur ein Symbol für die vielen inneren Fragezeichen von Karen Reyes? Während ihrer Investigation hinsichtlich des Todes ihrer Nachbarin ist die Staubschicht mittlerweile derart dick, dass Karen aufpassen muss, nicht am Staub der Vergangenheit zu ersticken. Denn die Staubschichten verdecken Grausames und Unaussprechliches. Zudem gibt es Personen (oder sind es in Wahrheit Monster?), die kein Interesse daran haben, dass vergangene Ereignisse an die Oberfläche gezerrt werden.
Wie schon bei „Am liebsten mag ich Monster“ bietet dieser Comic eine Tiefe, die wenig andere Graphic Novels erreicht haben. Dies wird insbesondere durch die zwei unterschiedlichen Erzählstränge erreicht, die immer dann wechseln, wenn Karen die alten Tonbandkassetten von Mrs. Silverberg anhört und wir diese Erlebnisse in zahlreichen Bildern zu Gesicht bekommen. Dabei kommt aber nicht nur das Erlebte zum Vorschein, sondern auch die innere Gedankenwelt von Mrs. Silverberg, die sich selbst mit der Frage konfrontiert sah, ob sie ein Monster unter Monstern war? Karen nimmt das Gehörte derart mit, dass sie sich mit ihrer Freundin darüber unterhalten muss, um nicht in Albträumen gefangen zu geraten. Hilfe bietet ihr der Satz: „Ich weiß! Es tut weh! Und es fühlt sich nicht an, als würde es aufhören, bis wir herausfinden, wie wir dazu gebracht werden, einander zu hassen“.
Wieder zurück in der Gegenwart, fragt sich Karen beim Anblick mehrerer Gemälde von „Judith und Holofernes“ (das womöglich Berühmteste gezeichnet von Artemisia Gentileschi, um 1612-1613), was Mut bedeutet. Hierauf erhält sie von ihrem Bruder Deeze die nachdenklich stimmende Antwort: „Mut heißt nicht, keine Angst zu haben, sondern seine Angst in die Schlacht zu tragen“. Karen lernt von Deeze aber nicht nur, was Mut bedeutet, sondern auch, was es bedeuten kann, wenn man sein wahres Inneres nach Außen trägt. Dass man hierbei enttäuscht werden kann und mit Rückschlägen umzugehen hat, kostet Karen Kraft und gleichzeitig lässt sie sich von äußeren Normen und religiösen Dogmen nicht unterkriegen, die nicht die individuelle Freiheit tolerieren, sondern vorschreiben, wen man zu lieben hat.
Gepaart mit diesen kritischen Tönen inmitten der Frage, wie und ob man Monster lieben kann, sowie wer oder was überhaupt unter die Definition eines Monsters fällt, steht die drohende Katastrophe des Vietnamkriegs, die auch Deeze zum Wehrdienst verpflichten könnte. Hier werden die Leserinnen und Leser, an das berühmte Musical „Hair“ von Gerome Ragni und James Rado aus dem Jahre 1968 erinnert. Und auch wenn es hierbei, zum Glück, um einen längst vergangenen Krieg geht, ist das Thema der Wehrpflicht weitaus aktueller, als man glauben möchte. Aber auch die inneren Dämonen von Deeze werden in diesem Band zugespitzt und erreichen ihren Höhepunkt in der Enthüllung über seinen Bruder! Insgesamt fühlt sich das Lesen dieser Fortsetzung – insbesondere durch die deutlichen Szenen und die Andeutungen in den Berichten von Mrs. Silverberg in der Zeit ihrer Internierung in einem Konzentrationslager – noch intensiver an und man muss sich die ein oder andere Träne beim Lesen verdrücken (oder lässt sie einfach laufen).
Stellte man sich beim ersten Band die Frage: „Wer oder was also ist dieses Monster, welches man am liebsten mögen sollte?“, so wird diese durch die Fortsetzung dahingehend erweitert, dass es nicht nur ein Monster ist, welches man am liebsten mögen sollte, sondern es ganz verschiedene Monster geben könnte! Emil Ferris lässt Karen zu uns mit dem vielsagenden Satz sprechen: „Ich glaube, dass Kunst und Geschichten das Beste sind, was Menschen erdacht haben. Der beste Weg, ein starkes Monster zu sein, das gegen das Böse kämpft, ist es, Kunst und Geschichten zu erfinden.“
Selbstverständlich gibt es erneut zu Beginn eines jeden Kapitels eine ganzseitige Zeichnung, die an ein Cover einer Gruselgeschichte oder eines alten Horrorfilms erinnern lässt. Die Liebe und Detailtreue der Kugelschreiberzeichnungen suchen in dieser Form weiterhin ihresgleichen. Auch wenn es sich bei diesem Band um den Abschluss der Geschichte handelt, so möchte man Emil Ferris zurufen, dass sie die Geschichte um Karen und die anderen Personen weiter fortsetzt. Die von ihr – mal sehr versteckt und dann wiederum sehr deutlich zu erkennenden – behandelten Themen und Fragen, werden nämlich leider nicht so schnell verschwunden sein, auch wenn man ja immer wieder betont, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.
Fazit: Diese Graphic Novel ist eine grandiose Fortsetzung. Die Kugelschreiber-Zeichnungen lassen das Fürchterliche, aber auch das Liebenswerte sehr plastisch erscheinen. Aus dem Sog des Ungeheuerlichen gibt es erneut kein Entkommen. Mehrere – sehr intensive – Lesestunden folgt man in zwei Zeitebenen der zehnjährigen Karen und der auf mysteriöse Weise ums Leben gekommenen Mrs. Silverberg. Himmel und Hölle scheinen sich plötzlich so nah zu sein, dass man sie kaum noch zu unterscheiden vermag. Bildlich gesprochen werden einem nach dem Lesen dieses Bandes die Hände derart kitzeln, als hätte man sie in einen Ameisenhügel gesteckt und dann vergessen, sie wieder herauszuziehen. Die beiden bei Panini Comics veröffentlichten Comic-Bände von Emil Ferris über „Am liebsten mag ich Monster“ bieten mit ihren insgesamt mehr als 800 Seiten ein Leseerlebnis, das bewegt, staunen lässt und gleichzeitig sprachlos macht.
Am liebsten mag ich Monster – Band Zwei
Comic
Emil Ferris
Panini Comics 2024
ISBN: 978-3-7416-3823-7
420 S., Hardcover, deutsch
Preis: 39,00 EUR
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