Star Trek – Die neue Zeit 3

Die neuen Abenteuer von James T. Kirk und der Besatzung der Enterprise im alternativen Abramsverse gehen weiter. Auch im dritten Band der fortlaufenden US-Comic-Reihe „Star Trek – Die neue Zeit“, die auf Deutsch von Cross Cult veröffentlicht wird, werden zwei Geschichten erzählt, die mehr oder weniger von klassischen TV-Episoden inspiriert sind. Das Ergebnis ist höchst unterhaltsam – zeigt aber einmal mehr, dass Abrams & Co mit ihrer erzwungenen Anknüpfung an das Prime Universe sich einen Bärendienst erwiesen haben.

von Frank Stein

Erneut stehen zwei von Mike Johnson unter Mithilfe von „Star Trek“-Autor und -Produzent Roberto Orci verfasste Adaptionen bekannter TV-Episoden der Serie „Raumschiff Enterprise“ auf dem Programm: „Landru und die Ewigkeit“ (Staffel 1, Episode 22, engl. „The Return of the Archons“) bleibt vergleichsweise nah am Original, „Die Wahrheit über die Tribbles“ basiert stattdessen nur sehr lose auf „Kennen Sie Tribbles?“ (Staffel 2, Episode 13, engl. „The Trouble With Tribbles“). An beiden Geschichten ist schön zu erkennen, welche Aspekte das Abramsverse im Vergleich zum klassischen „Star Trek“ ausmachen. Und sie zeigen die Grenzen von J. J. Abrams Konzept.

In „Landru und die Ewigkeit“ forschen Kirk und seine Besatzung einer alten Geschichte nach. Vor hundert Jahren soll ein frühes Sternenflottenschiff, die Archon, auf dem Planeten Beta III gestrandet sein. Eigentümlicherweise existieren darüber keinerlei Aufzeichnungen; ein alter, besoffener Professor an der Sternenflottenakademie setzte dem jungen Kirk damals den Floh von der verschollenen Archon ins Ohr. Zur Überraschung der Mannschaft existiert auf dem Planeten eine mittelalterliche Gesellschaft, in der sich die Menschen wie Roboter benehmen. Fremde verfolgen sie mit hartnäckiger Unerbittlichkeit. Der Schlüssel zu all dem scheint Landru zu sein, nur wer oder was das ist, muss sich erst noch herausstellen.

Abgesehen davon, dass die Gesellschaft auf Beta III von einem seltsamen 19. Jahrhundert ins Mittelalter versetzt wurde, was besser zu Stock schwingenden Kuttenträgern passt, wurden auch einige andere Logiklöcher der TV-Episode sehr schön gestopft. Von der Story her wirkt die Geschichte – die Ähnlichkeit der Kultur mit der der Erde, das Geheimnis um Landru – deutlich runder und eleganter erzählt, als ihr Vorbild. Verloren gegangen ist dagegen die gesellschaftskritische Komponente. In der TV-Episode stehen erst das Mysterium um Landru, danach die Frage nach Frieden zum Preis der persönlichen Freiheit im Mittelpunkt. Das Comic-Abenteuer baut stattdessen einmal mehr auf Action und schnelle Lösungen. Verhandelt wird nicht.

Bei all dem unterläuft den Machern jedoch ein phänomenaler Continuity-Fehler. Laut „Star Trek“ wurde das Abramsverse im Jahr 2233 „begründet“, als Nero in die Vergangenheit eintrat und die USS Kelvin auslöschte. Alle Ereignisse davor müssten eigentlich denen im Prime Universe entsprechen. Und doch hat sich die Gesellschaft auf Beta III völlig anders entwickelt und auch die Herkunft Landrus wird gänzlich anders erklärt. Das ist streng genommen schlichtweg falsch und zeigt sehr deutlich die Grenzen von Abrams Paralleluniversum. Denn viele Dinge, die im Prime Universe von Kirk und Co erlebt wurden, haben nun mal deutlich ältere Ursprünge als das Jahr 2233. Sinnvoll ist es wohl, sich im Kopf von dem mangelhaften Paralleluniversumskonzept zu trennen. Das Abramsverse interpretiert das Prime Universe neu und völlig unabhängig davon. Es nimmt klassische Motive und spielt mit ihnen. Eine tiefere Verbindung darf man dahinter nicht suchen, sonst findet man bloß überall Fehler und Macken im Konzept.

Die zweite Hälfte des Comics widmet sich den unvermeidlichen Tribbles. Die Enterprise stößt im Iota-Geminorum-System auf einen einzelnen klingonischen Bird-of-Prey. Die Klingonen fliehen, aber es scheint, als hätten sie irgendetwas auf dem Planeten unter ihnen zerstören wollen. Als Kirk, Spock und ein paar andere herunterbeamen, finden sie eine exotische Welt vor, auf der unter anderem pelzige, braune Flauschknäuel leben, die unfassbar niedlich sind, aber sich, wenn sie bedroht werden, zwecks Gattungserhaltung absurd stark vermehren. Das Ganze wäre nur halb so schlimm, hätte sich beim Zurückbeamen aufs Schiff nicht eines der Wesen beim Außenteam versteckt …

Der Comic-Adaption der berühmten „Kennen Sie Tribbles?“-Episode kommt nicht ganz so humorvoll daher, wie die TV-Folge, aber sie bietet ein paar schöne Erklärungen zum Verhalten der außerirdischen Fellbälle. Außerdem hat auch sie ein paar echt absurde Momente zu bieten. Und, sehr nett, sie beginnt mit einem Verweis auf „Star Trek“ und endet mit einem auf „Star Trek: Into Darkness“. Eine perfekte Tie-In-Episode, möchte man sagen, die übrigens in ihrer Eigenständigkeit wieder recht gut mit dem Konzept des Paralleluniversums vereinbar ist.

Optisch wird die bekannte Kost geboten. Stephen Molnar zeichnet etwas kräftiger, Neuling Claudia Balboni mit feinerem Strich. Beide halten sich in den Details zurück und bauen auf die lebendigen Farbverläufe und Effekte des Farben-Teams. Keine visuelle Meisterleistung, aber völlig in Ordnung für einen „Star Trek“-Comic. Als kleinen Bonus bietet der Sammelband einen Einleitungstext von „Tribbles“-Autor David Gerrold. Am Ende findet sich ein kurzes Interview mit Zeichnerin Claudia Balboni, die sich durch die Arbeit an diesem Comic zum, wie sie selbst sagt, „richtigen kleinen Trekkie“ entwickelt hat.

Fazit: Beide Geschichten, die in „Die neue Zeit 3“ erzählt werden, haben ihren Reiz und fügen sich gut ins Abramsverse ein. Das „Landru“-Abenteuer ist von den Hintergründen deutlich besser durchdacht – wenn es auch völlig am Paralleluniversumskonzept scheitert –, ersetzt aber Spannung einmal mehr durch Action. Die „Tribbles“-Geschichte bietet Exotik und ein paar hübsche, absurde Momente und bietet keinen Grund zur Kritik, wenngleich sie praktisch als Aufhänger für einen extrem fragwürdigen Moment in „Star Trek: Into Darkness“ dient – aber das ist dem Kinofilm zur Last zu legen. Unterm Strich schöner neuer Lesestoff mit der alternativen Enterprise-Crew.


Star Trek – Die neue Zeit 3
Comic
Mike Johnson, Stephen Molnar, Claudia Balboni
Cross Cult 2013
ISBN: 978-3-86425-193-1
112 S., Softcover, deutsch
Preis: EUR 14,80

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