Star Trek TNG: Im Bann der Schatten

Hätte Jean-Luc Picard die Wahl gehabt, so wäre er wohl lieber Deck für Deck durch einen Borg-Kubus gerannt. Stattdessen steht er in weißen, traditionellen Pluderhosen unbeholfen auf einer Bühne herum, um als Ehrengast in einem antiken Historienspiel mitzuwirken. Als sich die Ereignisse auf Betazed überschlagen, kämpft ein Außenteam der U.S.S. Enterprise mit ganz anderen Problemen.

von Oli Clemens

Eigentlich sollte die Enterprise nur als diplomatisches Großraumtaxi diverse Ehrengäste auf den Planeten Betazed fliegen. Dort findet eine kulturelle Großveranstaltung statt, um der legendären Betazoidin Xiomara zu gedenken. Als aber ein Ehrengast für die Feierlichkeiten absagen muss, sucht Lwaxana Troi nach Ersatz und nötigt auf ihre besondere Art und Weise Captain Jean-Luc Picard dazu, einzuspringen. Von Worf und Deanna Troi begleitet, fügt sich der Captain in sein Schicksal ein.

Währenddessen bereitet sich Dr. Beverly Crusher vor, um mit Will Riker und Data eine Außenmission auf den Klasse-M-Planeten Kota durchzuführen. Für sie soll die Aufgabe auf dem naturbelassenen Planeten eher eine Auszeit von einer stressigen Arbeitsphase an Bord der Enterprise sein, die hinter der Schiffsärztin liegt. Die bisher unbesiedelte Welt Kota soll in einer wissenschaftlichen Routine-Mission für die potenzielle Aufnahme von Flüchtlingen untersucht werden.

Schon nach sieben Seiten teilt sich die Handlung des Romans in zwei Erzählstränge, zwischen denen kapitelweise gewechselt wird. Schnell stellt sich heraus, dass weder Picard noch Crusher entspannte Tage haben werden. Während Jean-Luc Picard gezwungenermaßen auf Betazed an den Feierlichkeiten teilnimmt, verschwinden drei kulturelle Artefakte quasi unbemerkt von der Bühne. Als Captain der Enterprise wird Picard um seine Unterstützung bei der Aufklärung des spektakulären Diebstahls gebeten. Eine erste Spur führt zur Betazoidin Aviana Virox. Doch es steckt weit mehr hinter dem Diebstahl als vermutet. Da Picard den Planeten nicht verlassen kann, nehmen Troi und Worf  mit der Enterprise die Spur auf.

Währenddessen muss sich das Außenteam auf Kota mit ganz anderen Problemen herumschlagen. Zuerst kollabieren einzelne Mitglieder bei ihren wissenschaftlichen Untersuchungen an einem Strand und werden ohnmächtig. Doch die medizinischen Tests von Dr. Crusher führen zu keiner Diagnose. Als dann auf der Forschungsstation auch die Computer seltsame Dinge tun und Data offensichtlich nicht mehr fehlerfrei funktioniert, spitzt sich die Lage für das Außenteam dramatisch zu. Eine Rettung durch die Enterprise rückt jedoch in weite Ferne, denn sie verfolgt eine erste heiße Spur, um den Diebstahl auf Betazed aufzuklären.

„Im Bann der Schatten“ ist der erste „Star Trek“-Roman der amerikanischen Schriftstellerin Cassandra Rose Clarke. Chronologisch platziert die Schriftstellerin ihn in der siebten Staffel von „The Next Generation“. Tatsächlich spielt das für die beiden Handlungsstränge meiner Meinung nach keine Rolle. Die beiden Geschichten, die sich parallel voneinander abspielen, knüpfen nicht tiefergehend an bisherige Erlebnisse der Enterprise-Crew an. Als Autorin schenkt Clarke den beiden Frauen der Enterprise-Führungsriege mehr Beachtung. Während Jean-Luc Picard während der Festlichkeiten mehr oder weniger zur Marionette degradiert wird, entpuppt sich Schiffs-Councelor Troi als wichtiger Teil eines dynamischen Ermittler-Duos mit Lieutenant Worf. Und Beverly Crusher, die sonst Unmögliches nur auf der Krankenstation vollbringt, löst das Geheimnis um den Planeten Kora. Das gefällt.

Insgesamt lässt sich „Im Bann der Schatten“ 35 Kapitel lang Zeit, um seine Handlungen zu entfalten. Wir erfahren zum einen viel über betazoidisches Brauchtum und die komplizierten gesellschaftlichen Verstrickungen dieser Spezies. Zum anderen bietet uns die Kora-Handlung Raum, das wissenschaftliche Team, das Crusher, Riker und Data auf den Planeten begleitet, ein wenig besser kennenzulernen. Vor allem die junge, unerfahrene Ensign Josefina Rikkili steht hier im Fokus.

Letztlich ist das vielleicht aber auch die größte Schwierigkeit, die ich mit dem Roman habe. So richtig Fahrt kommt erst ab der Hälfte des Romans auf, und das sind etwa 180 Seiten. Dann finden wir viele Aspekte, welche uns immer wieder Lust auf die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise machen: Reisen durch den Weltraum, die archetypischen guten und bösen Jungs, grimmige Romulaner und gierig-einfältige Ferengi, Verfolgungsjagden, unerforschte, intelligente Lebewesen und ein klitzekleines bisschen Konflikt mit den Vorgaben der Obersten Direktive. Wogegen sich der Roman in der Hinführung viel Zeit ließ, enden beide Handlungsstränge fast schon abrupt – und dadurch irgendwie auch ein bisschen unbefriedigend.  

Leseprobe

Fazit: „Star Trek – The Next Generation: Im Bann der Schatten“ ist fast ein „2-in-1-Roman. Wir haben einen interstellaren Krimifall rund um den Diebstahl wertvoller Artefakte und einige fast surreale Erlebnisse auf einer neuen Welt. Dabei rücken die beiden weiblichen Führungsoffiziere der Enterprise stärker in den Vordergrund. Die Handlung der beiden Plots springt zwischen den Kapiteln hin und her. Das sorgt dafür, dass die Handlungsbögen der einzelnen Storys immer wieder unterbrochen werden. Dass die beiden Erzähllinien thematisch aber nie zusammengeführt werden, ist für mich zum Ende des Romans ein bisschen enttäuschend gewesen.

Star Trek TNG: Im Bann der Schatten
Film/Serien-Roman
Cassandra Rose Clarke
Cross Cult 2022
ISBN: 978-3966586726
368 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 15,00

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