Der wichtigste Comic der Welt – Geschichten zur Rettung des Planeten

Wie lässt sich unser Planet überhaupt noch retten? Die Antwort hierauf wurde oft zu formulieren versucht, und dennoch bleibt sie brandaktuell. Es vergeht kein Tag, an dem wir nicht mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert werden. Der Comic „Der wichtigste Comic der Welt – Geschichten zur Rettung des Planeten“ nimmt sich dieser quälenden Thematik an, wie es wohl noch kein Comic zuvor getan hat. Welche Kraft steckt in diesem „wichtigsten Comic der Welt“?

von Daniel Pabst

„Der wichtigste Comic der Welt – Geschichten zur Rettung des Planeten“, welcher jetzt bei Panini Books erschienen ist, ist ein Gesamtkunstwerk von über 300 Personen. Auf den 360 Seiten sind insgesamt über 120 Geschichten abgedruckt worden. Die Geschichten entfalten sich daher häufig innerhalb weniger Panels, die meist nur über zwei bis vier Seiten gehen. Manche stammen von Comic-Künstlerinnen und Comic-Künstlern, denen man ihre Erfahrung ansieht. Andere Comics dagegen wirken wie Mahnungen, die mit Bildern unterlegt worden sind. Darüber hinaus konnten für dieses Anthologie-Projekt Berühmtheiten aus verschiedenen Bereichen gewonnen werden (wie zum Beispiel die Schauspielerinnen Cara Delevingne oder Dame Judi Dench sowie Musiker und Musikerinnen wie Paul McCartney und Yoko Ono). Ursprünglich veröffentlicht wurde der Comic im Oktober 2021 bei Dorling Kindersley.

Je größer der Titel, desto größer die Erwartungen. Einen Comic als den „wichtigsten Comic der Welt“ zu betiteln, ist gewagt. Betrachtet man allerdings das Thema, dem sich der Comic gewidmet hat, so wirkt der Titel nicht mehr vermessen oder arg reißerisch. Bereits im Vorwort von Jane Goodall wird deutlich, worum es den Machern ging: „Alle Geschichten, die du hier liest, sind inspirierend. Und ich hoffe, dass sie dich ermutigen, deine eigene Geschichte zu erzählen und uns dabei helfen, die Welt zu verbessern“. Unterstützt wird das Vorwort durch das Motto zu diesem Comic von Paul Goodenough: „ Eine Anthologie, die sich dafür einsetzt, auf menschliche Weise so viele Arten wie möglich vor dem Aussterben zu bewahren“.

Unterteilt wird die Anthologie in die vier Kapitel: „Veränderung“, „Schützen“, „Retten“ und „Motivieren“. Die unterschiedlichen Zeichenstile der Geschichten könnten jeweils nicht größer sein. Mal hat man den Eindruck, ein Gemälde vor sich liegen zu haben, dann wiederum wirken die Panels wie ein kurzer Strip aus dem Internet, wie man ihn beispielsweise auf Instagram oder auch Facebook sehen könnte. Dann wiederum fühlt man sich inmitten eines Actionhelden-Comics oder aber in einem Kinderbuch, welches urplötzlich in den absoluten Horror abdriftet. 120 Geschichten und damit 120 Gedankenanregungen sind eine Wucht für sich. Da können sich andere Anthologie-Serien etwas von abgucken. Panini Books garantiert übrigens zusätzlich, dass mit jedem Kauf dieses Comics die Arbeit von „Rewriting Earth“ mit einem Euro unterstützt wird. Auch das ist durchaus ein guter Gedanke.

Aber nicht nur von der Umsetzung und der Menge her ist „Der wichtigste Comic der Welt – Geschichten zur Rettung des Planeten“ gelungen. Viel eindrucksvoller als die reine Seitenanzahl ist es, dass die Botschaften zur Rettung des Planeten beim Lesen der einzelnen Geschichten wehtun. Es schmerzt zu sehen, wie sich zwei Eisbären aus einer menschlichen Wohnstätte Eiswürfel holen und diese ins Wasser werfen – in der Hoffnung, dass damit die Eisschmelze zu stoppen sei. Oder ihr seht eine Möwe, die ihr Küken mit Zigarettenstummeln und Plastik füttert, da es nichts anderes gibt, wodurch das Möwen-Küken täglich schwächer wird bis schließlich der Tod auftaucht und es mitnimmt. Andere Geschichten behandeln die Frage, wie viel „Blut an den Händen klebt“, wenn ein neues Smartphone, ein neuer Lippenstift, ein Kaffee to go oder Schokolade gekauft wird.

Scott Snyder schreibt in seinem Beitrag zu diesem Comic über die Faszination und Kraft von Comics. Zunächst deutet er an, dass man mit Comics „Bilderheftchen“ mit Helden mit Umhängen oder Personen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, die Kämpfe austragen verbinden würde – was grundsätzlich auch stimmt. Aber, so Snyder: „Jeder Comic ist ein Akt des Ausdrucks, ein Versuch, Distanzen zu überwinden (…). Die Erschaffung eines Comics hat etwas Verbindendes“. Bei „Der wichtigste Comic der Welt – Geschichten zur Rettung des Planeten“ gehe es laut Snyder gerade darum, sich zur Abwechslung mal nicht in eine Welt von Aliens und Superhelden locken zu lassen, sondern selbst zum Superhelden oder zur Superheldin zu werden. Herausforderung angenommen?

Durch die Aufteilung in vier Kapitel erhalten die Leserinnen und Leser eine gute Möglichkeit, beim Lesen Pausen einzulegen und sich über die Impulse Gedanken zu machen. Es gibt einfach zu viele Berührungspunkte im Alltag, die einem so zuvor möglicherweise noch gar nicht bewusst waren oder vor denen man die Augen verschlossen hat. Auch wenn die deutsche Version des Comics nun zweieinhalb Jahre hat auf sich warten lassen, so bleiben die Fragen (erschreckend) aktuell. Manchmal sieht man noch die zeitlichen Unterschiede, wenn beispielsweise die Corona-Masken in einer Geschichte getragen werden oder „Fridays for Future“ im Jahre 2021 populärer war als heute. Andere Themen sind dagegen zeitlos und haben nichts an ihrer Relevanz verloren. Als Bonus für das verspätete Erscheinen gibt es noch eine Zusatzstory des deutschen Comic-Künstlers Timo Wuerz.

Wer ein Fan der Serie „Black Mirror“ ist, der bekommt hier eine Anthologie-Serie im Comic-Format, die man vielleicht als „Green Mirror“ bezeichnen könnte. Die Comic-Geschichten sind zwar viel kürzer als die berühmte Serie, besitzen jedoch einen vergleichbaren „Wow-Effekt“. Lehrreich ist „Der wichtigste Comic der Welt – Geschichten zur Rettung des Planeten“ auch ein wenig, da es Seiten gibt, die über einzelne Probleme informieren (zum Beispiel über „Fast Fashion“). Wie es beim Medium des Comics zwingend notwendig ist, die Seiten selbst umzublättern, so haben es die Lesenden am Ende dieses Comics selbst in den Händen, ihr Handeln zu überdenken.

Leseprobe

Fazit: Nicht immer müssen Comics der puren Unterhaltung dienen. Wie Scott Snyder geschrieben hat, bietet das Medium so viel mehr. Ist das der „wichtigste Comic der Welt“? Bei über 120 Geschichten ist für jede und jeden etwas dabei. Wer sich mit den Themen Klimawandel, Artensterben und Konsumverhalten nur sporadisch beschäftigt hat, bekommt auf einen Schlag viel Material zum Nachschlagen und Verarbeiten. Zudem eröffnet dieser Comic die Möglichkeit, aktiv zu werden. Um eine lebenswerte Zukunft auf unserem Planeten zu bewahren, reicht es nicht aus, abzuwarten, dass sich die Probleme von selbst auflösen. Im echten Leben kommt leider kein Superheld angeflogen, um in letzter Not die Rettung zu finden – das bleibt vielmehr jedem Einzelnen überlassen.

Der wichtigste Comic der Welt – Geschichten zur Rettung des Planeten
Comic
Diverse
Panini Comics 2024
ISBN: 978-3-7416-3825-1
360 S., Hardcover, deutsch
Preis: 39,00 EUR

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