The Walking Dead 15: Dein Wille geschehe

Der Alltagstrott hat auch Alexandria erreicht. Das tägliche Überleben wird nahezu langweilig, also muss man selber für Abwechslung und Spannung sorgen. Hier ein kleiner Streit, da eine Revolte und ein Aufruf zum Mord. All dies sind zwischenmenschlichen Unzulänglichkeiten, die einmal mehr belegen, dass der Mensch es sich selber doch immer am schwersten machen kann, um zu überleben.

von Lars Jeske

In Alexandria lässt es sich gut leben – in Anbetracht der Tatsachen. Mittlerweile sind die Fronten zwischen den „Neuen“ und den „Ureinwohnern“ nicht mehr so verhärtet – auch dank der guten Zusammenarbeit nach der letzten großen Angriffswelle der Untoten, welche wiederum zahlreiche Opfer forderte und nur knapp mit einem Sieg der Menschen endete. Der Zusammenhalt ist nun wichtiger denn je, da die Reihen der Menschen stark ausgedünnt wurden. Somit ist umsichtige Planung, eine starke Führung und kollaborative Arbeit entscheidend, um sich effizient in Alexandria festzusetzen und über die nächste Woche hinaus ein lebenswertes Leben zu leben. Somit gibt es viele Gespräche und weniger Action in „Dein Wille geschehe“, dem nunmehr 15. Band der Reihe.

Einmal mehr erweist sich Rick als ein sinnvoller Anführer, auch wenn er sich diese Rolle nicht ausgesucht hat. Glücklicherweise hilft es ihm auch, seine Schübe zu kontrollieren, die ihn immer wieder mit seiner toten Frau Lori telefonieren lassen. Etwas, was der gesamten Gemeinschaft hilft. Unterdessen hat sich Abraham in seinem Liebesleben verzockt, während sich Andrea nach dem Tod von Dale nun immer besser mit Rick versteht. Dieses vollkommen fügsame Gehorchen, Ricks Planung und die Strategien passen selbstverständlich nicht jedem in den Kram. Dies führt nicht zuletzt bei den ersten Bewohnern von Alexandra zu einer interessanten Gruppendynamik, die die Psychologie in dieser Zeit sehr gut widerspiegelt und auch den Leser sich selbst reflektierend mit den Optionen und Ansichten identifizieren lässt.

„Dein Wille geschehe“ hat dabei wahrlich nichts mit Gott zu tun. Der Originaltitel „We find ourselves“ ist da viel passender. Denn erneut geht es weniger um die Action, als um das Zusammenleben von Menschen auf engstem Raum mit den anderen, die noch übrig sind. (Der deutsche Titel lässt allerdings einen interessanten Spielraum offen, wer mit „dein“ gemeint ist.) Ähnlich dem Sprichwort „seine Freunde kann man sich aussuchen, seine Familie nicht“, muss man sich mit den restlichen Überlebenden arrangieren, um zu überleben. Dass das nicht immer einfach ist, zeigt auch die aktuelle Konstellation der Charaktere. Aber wer waren diese doch gleich? Darum ist es vielleicht nicht so verkehrt, auch einmal dem Beginn eines Bandes erstmalig ein Who-Is-Who der (aktuell) wichtigsten Charaktere voranzustellen. Selbstverständlich braucht dies niemand, der die Reihe bislang las, jedoch fasst es gut die jeweiligen Lebenswege knapp zusammen und schafft noch einmal einen raschen Überblick nach über einem Dutzend Heften.

Das Thema der Beziehungsprobleme kann indes im Prinzip immer wieder aufgegriffen werden, kommen doch neue Personen dazu, während andere vom Schicksal auf die eine oder andere Art und Weise gestellt wurden. Dadurch ist der aktuelle Band auch etwas beliebiger als die bisherigen. Klar, es gibt wieder neu aufgeworfene Konflikte und das eine oder andere klärende Gespräch, dennoch wirkt der Band dieses Mal blasser als sonst. Es beschleicht einen das Gefühl, das meiste davon bereits schon einmal in der „The Walking Dead“-Reihe gelesen zu haben. Wären da nicht zwei überraschende Szenen, man hätte diesen Band sofort wieder vergessen. Aber es ist eben so eine Art Soap Opera in einer postapokalyptischen Dystopie, die das tägliche Leben widerspiegelt. Wie in jedem Alltag gibt es somit Wiederholungen. Schon wieder ist ein Jahr vergangen, der Winter naht und die Nahrung wird knapp. Alles ist karg und unmenschlich. Dazu passt es, dass die Schludrigkeit bei einigen der Szenen sehr offensichtlich ist. Mitunter erkennt man auch bei den Hauptcharakteren, so sie nicht ihren markanten Hut dabei haben, nicht gleich beim ersten Bild, um wen es sich handelt. Spencer? Rick? Andrea?

Fazit: Die Geschichte der Enklave Alexandria wird in dem mittlerweile 15. Band „Dein Wille geschehe“ weitergeführt. Die Menschen planen ihre Zukunft und fangen an sich ein sicheres Leben vorstellen zu können – so sie nur genug dafür tun. Dazwischenkommen kann immer noch etwas, und die Spannungen innerhalb der Stadtmauern sind noch immer nicht überwunden. Leben eben. Und irgendwie bekannt. Nicht das beste Band der Reihe, jedoch gut, um die Geschichte am Laufen zu halten. Optisch leider wieder etwas eingeschränkt.

The Walking Dead 15: Dein Wille geschehe
Comic
Robert Kirkman, Charlie Adlard, Cliff Rathburn
Cross Cult 2019
ISBN: 978-3-95981-982-4
134 S., Softcover, deutsch
Preis: EUR 8,99

bei amazon.de bestellen