Star Wars: Doktor Aphra

„Star Wars“ war schon immer ein Mythenpatchwork, eine Mischung aus Artusepik und Flash-Gordon-Serial, Samurai-Drama, Spaghetti-Western und 2.-Weltkriegs-Fliegerfilm. In Obi-Wan-Kenobi steckt ein guter Schuss Merlin und Han Solo ist der legitime Erbe der Abenteuerhelden der 40er-Jahre. Mit der Figur der Doktor Aphra wird eine neue Ebene des Zitierens erreicht, wie der vorliegende Comic beweist.

von Frank Stein

Die ebenso abenteuerlustige wie moralisch fragwürdige Archäologin Doktor Aphra gehört sicher zu den besten Neuzugängen im Charakterensemble des neuen Disney-Kanons. Eingeführt wurde sie von Kieron Gillen als Nebenfigur in der ersten „Darth Vader“-Comic-Reihe, gern begleitet von dem Killerdroidenpaar BT-1 und 0-0-0 sowie von dem brutalen Wookiee-Kopfgeldjäger Black Krrsantan. Das Quartett wirkte damit auf den ersten Blick wie die bösen Spiegelbilder von Han Solo, Chewbacca, R2-D2 und C-3PO, eine passende Entourage für den „Anti-Luke“ Darth Vader.

Doch Chelli Lona Aphra, die sich mit ihrer schurkischen und bisweilen gar skrupellosen Art sofort in die Herzen der Fans spielte, ist als Archäologin, die nie der Ansicht wäre, dass ein Fundstück „in ein Museum gehört“ zugleich und noch deutlicher das (ungezogene) Kind einer anderen George-Lucas-Figur, nämlich Indiana Jones. Autor Gillen gibt selbst freimütig zu, sie als „archäologische Antithese von Indiana Jones“ konzipiert zu haben, was – wie eingangs erwähnt – durchaus interessant ist, denn mittlerweile sind die frühen Mythenpatchworkwerke von George Lucas so alt (um die 40 Jahre), dass sie selbst zu Filmmythen geworden sind, die in der Popkultur gern und oft zitiert werden – auch im eigenen Haus. Das ist keineswegs verwerflich, es zeigt allerdings deutlich, wie sehr mittlerweile „die nächste Generation“ an „Star Wars“ arbeitet, für die nicht Flash Gordon, Akira Kurosawa oder Humphrey Bogart die Vorbilder sind, an denen man sich orientiert, sondern „Star Wars“ selbst (was – nebenbei gesagt – eines der Hauptprobleme der Sequel-Saga ist, aber das ist eine andere Geschichte).

Aber kommen wir endlich zum Comic „Doktor Aphra“. Die Figur der Doktor Aphra erwies sich als so beliebt, dass sie, nachdem sich der Dunkle Lord am Ende der ersten „Darth Vader“-Comic-Staffel ihrer entledigte, direkt ihre eigene Spin-Off-Serie bekam. Die ersten sechs Bände, die hier versammelt sind, verfolgen dabei zwei Absichten. Sie sollen einerseits Aphra in ihrem natürlichen Element, bei der Jagd auf archäologische Artefakte, zeigen, als auch ihre Charakter ausarbeiten, der sich bislang vor allem durch ihre ungesunde Beziehung zu Darth Vader definierte, wobei das Bild einer Schurkin gezeichnet wurde, die sich selbst stets am nächsten ist.

Dieses Bild wir auch hier nicht wirklich korrigiert, denn Aphra ist und bleibt eine Frau, die für ihre meist monetären Ziele auch über Leichen geht. Nach einem Einstieg, der eine sehr deutliche Hommage an die Eingangssequenz von „Jäger des verlorenen Schatzes“ ist, dabei jedoch einige Vorzeichen umkehrt, geht es in der Hauptgeschichte um die Suche nach einem verlorenen Ableger des Jedi-Ordens. Nach diesem forscht schon sein ganzes Leben lang kein Geringerer als Aphras Vater, der hier seinen Einstand gibt und ähnlich weltfremd wie Henry Jones Sr. in „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ seine Tochter zu einer Reise überredet, auf die sich diese nur widerwillig begibt. Diese Schatzsuche liest sich in ihrer Mischung aus Action-Sequenzen und persönlicheren Momenten absolut kurzweilig, aber sie ist natürlich sehr klein und privat, nichts, was nennenswertes Echo für die galaktische Saga haben dürfte. Eine Art „Han Solos Abenteuer“, nur mit weiblicher Protagonistin.

Im Rahmen dieser Suche, bei der Aphra natürlich von ihren fragwürdigen Gefährten BT-1, 0-0-0 und Black Krrsantan begleitet wird, wird immer wieder in Gesprächen und Szenen der Blick zurück geworfen und man erfährt so einiges über Aphras früheres Leben und die nicht einfache Beziehung zu ihrem Erzeuger. Wann genau sie dabei auf die schiefe Bahn geraten ist, wird allerdings nicht ganz klar. Schon als Kind werden ihr jedenfalls psychopathische Tendenzen nachgesagt und auch an der Universität – und nur Gott weiß, warum sie überhaupt Archäologie studiert hat, wenn das doch das Lebenswerk ihres verhassten Vaters war – schummelt sie sich eher nach oben, als ehrliche Arbeit zu investieren. Dabei bleibt die Figur die ganze Zeit eigentümlich ambivalent. Verletzlich und (durch ihre Vergangenheit) verletzt auf der einen Seite, kaltblütig und egozentrisch auf der anderen. Man mag sie als Leser irgendwie, auch wenn man das eigentlich nicht sollte.

Die Illustrationen von Kev Walker können als gelungen, wenngleich nicht großartig bezeichnet nennen. Die Linienführung ist sehr klar, die Figuren haben etwas eindeutig „comic-haftes“ an sich. Das ist gut für Gesichsausdrücke, die Walker häufig schön trifft. Und auch (imperiale) Maschinen und Rüstungsträger werden gelungen abgebildet. Wie ein Fremdkörper wirkt da leider das kurze Einschubkapitel an der Uni von Bar?leth, das Salvador Larocca gezeichnet hat, der mehr als einmal durch verzerrte Gesichtszüge seiner Protagonisten auffällt.

Der Sammelband wird durch eine schöne Cover-Galerie abgeschlossen.

Fazit: Ein gelungener Einstand für die vielleicht beste neue Figur des Disney-Kanons. Doktor Aphra, als die krassere Version einer Schurken im Han-Solo-Stil, ist eine spannende Anti-Heldin, die von gleichsam fiesen wie unterhaltsamen Gefährten begleitet wird. Man sollte diese Leute eigentlich nicht mögen, aber an tut es trotzdem – und hofft auf weitere Abenteuer mit ihnen.

Star Wars: Doktor Aphra
Comic
Kieron Gillen, Kev Walker u.a.
Panini Comics 2017
ISBN: 978-3-7416-0311-2
148 S., Softcover, deutsch
Preis: EUR 16,99

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