Star Wars Comic-Kollektion 63: Das dunkle Imperium 1

Es gibt nicht viele „Star Wars“-Comics, die als echte Klassiker gelten und praktisch Pflichtprogramm für jeden Fan sind. „Imperium: Darklighter“ würde ich vielleicht dazu zählen. Außerdem „Crimson Empire“. Neben ein paar anderen. Den unbestrittenen Führungsplatz in dieser Aufzählung nimmt jedoch „Das dunkle Imperium“ von Tom Veitch und Cam Kennedy von 1991 (auf Deutsch 1994) ein, das mit Ausgabe 63 endlich auch seinen Platz in der „Star Wars Comic-Kollektion“ gefunden hat. Warum das so ist? Lest einfach selbst.

von Kurt Wagner

Die ersten Jahre der 1990er waren eine regelrechte Aufbruchszeit für „Star Wars“-Fans. Timothy Zahn löste mit seiner „Thrawn“-Trilogie, der ersten ernstzunehmenden Fortsetzung der Film-Saga überhaupt, eine wahre Flut an neuen Abenteuern in Roman-Form aus, bei West End Games boomte das populäre d6-Rollenspiel, LucasArts ließen uns mit grandiosen Raumflugsimulatoren wie „X-Wing“ und „TIE-Fighter“ selbst in die Cockpits der berühmten Jagdmaschinen steigen und bei Dark Horse (deutsch: Carlsen Comics) widmete man sich neuen „Star Wars“-Bildergeschichten. „Dark Empire“ war dort damals das erste Projekt, erschienen in den USA in sechs Einzelheften zwischen Dezember 1991 und Oktober 1992. Ein deutscher Sammelband folgte im Juni 1994, danach gab es „Das dunkle Imperium“ noch einmal 2007 im Rahmen der „Star Wars: Essentials“-Reihe von Panini Comics. Und jetzt kehrt die Geschichte in der „Star Wars Comic-Kollektion“ erstmals im Hardcover zurück, inklusive kleiner Einführung, zeitlicher Einordnung, Bonusartikel und Cover-Galerie – wie man das von den Bänden der Reihe kennt.

Jüngere Fans werden sich vielleicht gar nichts dabei denken, wenn sie sich die Geschichte von der Rückkehr des Imperators in einem Klonkörper zu Gemüte führen, wenn sie von seinem Ansinnen lesen, ausgehend von den Kernwelten die Galaxis mit neuen, furchtbaren Kriegsmaschinen zu unterwerfen, wenn sie Luke Skywalkers gefährliches Spiel mit der Dunklen Seite der Macht verfolgen und Leias verzweifelten Versuch, ihren Bruder aus dem Banne Palpatines zu befreien. Doch tatsächlich hält man hier ein bedeutendes Stück „Star Wars“-Historie in den Händen. Welten wie Byss und Nar Shaddaa oder Raumschiffe wie der E-Wing, die längst fester Teil des „Star Wars“-Universums sind, haben hier ihren Ursprung, und Story-Elemente wie die Rückkehr des Imperators, Lukes Verführung durch die Dunkle Seite, Boba Fetts Auferstehung und Leias Schwangerschaft mit ihren dritten Kind stellten auf radikale Weise die Weichen für zahllose spätere Ereignisse – des Prä-Disney-Expanded-Universe, wohlgemerkt!

Die Ausgangslage der Geschichte, die bei Carlsen seinerzeit noch fast eine Seite füllte, wurde in der vorliegenden Version von Panini leider deutlich zusammengekürzt, weswegen sie hier noch einmal überblicksartig dargeboten werden soll: Nach der Schlacht von Endor rief die Allianz in drei Vierteln der Galaxis die Neue Republik aus. Ohne die Unterstützung eines Jedi-Ordens indes dauerte es nicht lange, bis überall neue Krisenherde auftauchten. Splittergruppen des Imperiums gruben sich auf einzelnen Welten und in einzelnen Sektoren ein und leisteten erbitterten Widerstand.

Fünf Jahre nach der Schlacht von Endor erschien dann der Großadmiral Thrawn und hätte die junge Republik fast in die Knie gezwungen. Zwar konnte er besiegt werden, doch nur wenige Tage nach seinem Fall führten überlebende Mitglieder des Inneren Zirkels des Imperators gemeinsam mit sechs Flottenkommandeuren einen Angriff auf Coruscant durch und brachten erneut die Thronwelt unter imperiale Kontrolle. Doch kaum dort eingenistet, brach Zwist unter den Imperialen aus, wer das Erbe des Imperators antreten sollte, und ein furchtbarer Bürgerkrieg war die Folge. Die Allianz nutzt die Uneinigkeit unter den Imperialen, um mit gekaperten Sternenzerstörern überfallartige Einzeleinsätze in den imperialen Kriegsgebieten zu fliegen. Luke und Lando sind bei solch einem Angriff auf Coruscant abgestürzt. Nun eilen Han und Leia zur Rettung ihrer Freunde. Doch dann taucht ein unheimlicher, dunkler Energiesturm auf, der alles verändern wird.

Während sich heutige Comics oft in Nebenschauplätzen verlieren oder von kleinen, isolierten Missionen erzählen, die kaum am großen Ganzen in der Galaxis rühren (selbst wenn Figuren wie Darth Vader, Luke, Han oder Leia im Zentrum stehen), wagte „Das dunkle Imperium“ eine Geschichte in Leinwandgröße, die die gesamte Galaxis erschüttert, ein gewaltiges Aufbäumen des geschlagen geglaubten Imperiums und ein extrem düsteres Kapitel der Skywalker-Saga, lange bevor von Anakin Skywalkers Fall erzählt wurde. Noch heute würde dieser Comic einen besseren Kinofilm abgeben als so einiges, was in den letzten Jahren aus dem Hause Disney erschienen ist – meine private Meinung.

Auch optisch traut sich der Band einiges. Cam Kennedy setzt nicht auf Realismusnähe oder den gefälligen Fließbandstil, den man aus Tausenden amerikanischer Superhelden- und Genre-Comics kennt, sondern entwickelt seine ganz eigenen Bilder. Hier herrschen kantige Figuren vor, die dennoch überraschend gut getroffen sind und bei aller Abstraktion höchst lebendig wirken. Zudem arbeitet er mit regelrecht übersättigt wirkenden bläulich-schwarzen Schattenflächen und schert sich keinen Deut um realistische Farbgebung, sondern setzt vielmehr emotional aufgeladene Farbstimmungen ein, wobei die Verderbtheit der Dunklen Seite in Gelb und Grün präsentiert wird, in der Kälte technischer Anlagen oft Blautöne vorherrschen und Action oder intime Nähe gerne mal in Rot-Violett gebadet werden. Ein Stil, an den man sich gewöhnen muss, der aber visuell absolut reizvoll ist.

Im Bonusmaterial gibt Luca „Lucas“ Scatasta diesmal auf zwei Seiten einen kurzen Überblick über das Leben des „einfachen Farmjungen“ Luke Skywalker. Der Artikel ist wie so oft arg kursorisch geraten und man nimmt ihn leider eher im Vorbeigehen mit, als wirklich neue Erkenntnisse daraus zu ziehen.

Fazit: „Das dunkle Imperium“ ist und bleibt ein Klassiker unter den „Star Wars“-Comics, ganz egal, ob er mittlerweile nur noch unter dem Label „Legends“ läuft und somit nicht mehr zum aktuellen „Star Wars“-Kanon gehört. Der ungewöhnliche Zeichenstil von Cam Kennedy sowie die epische Handlung von Tom Veitch heben ihn aus der Masse der existierenden „Star Wars“-Comics mutig hervor. Fans, die den Carlsen- oder den „Essentials“-Band bereits besitzen, bekommen mit der neuen Ausgabe natürlich nichts Neues geboten, sieht man vom Hardcover ab. Wer aber „Das dunkle Imperium“ noch nicht kennt, der sollte sich diese neue Chance, die Wissenslücke zu einem wirklich guten Preis zu schließen, nicht entgehen lassen! Aber Vorsicht: Der Comic macht einiges anders als wir es heute von den gefälligen Disney-Bildergeschichten gewöhnt sind.

Star Wars Comic-Kollektion 63: Das dunkle Imperium 1
Comic
Tom Veitch, Cam Kennedy
Panini 2019
ISBN: 978,3-7416-1044-8
162 S., Softcover, deutsch
Preis: EUR 13,95

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