Star Wars Comic-Kollektion 60: Unterwelt: Die Yavin-Vassilika

Ausgabe 60 der „Star Wars Comic-Kollektion“ bietet etwas wirklich Außergewöhnliches: einen Comic, den es noch nie auf Deutsch gab. Einen Comic, der völlig ohne Jedi und Sith auskommt (Ausnahme: die Bonus-Story). Einen Comic, der Han Solo in einem frühen Abenteuer zeigt, als er noch ein dreister Schmuggler war und die Rebellion eher lästig fand. Da werden ja gleich drei Wünsche auf einmal erfüllt. Mal sehen, was dieses galaktische Überraschungs-Ei noch zu bieten hat.

von Ye Olde Jedi-Master

„Unterwelt: Die Yavin-Vassilika“ trägt schon im Titel sein besonderes Merkmal. Es geht in dem 146-seitigen Hardcoverband um die Unterwelt des „Star Wars“-Universums, um schleimige Hutten und dreiste Schmuggler und fiese Kopfgeldjäger. Da „Star Wars“ seit den Prequels grundsätzlich an Lichtschwertträgerüberschuss leidet – selbst ich nenne mich „Jedi-Master“, ist doch unmöglich! –, ist so etwas grundsätzlich immer gut und gibt gleich Bonuspunkte, noch vor Beginn der Lektüre.

Doch um diesen Comic aus der Feder von Mike Kennedy genießen will, muss sich auf eine Sache einstellen: Dieses Abenteuer darf nicht so ernst genommen werden. Die Handlung ist eigentlich absurd und der Zeichenstil zeigt das auch schon beim Durchblättern der ersten Seiten (dazu unten gleich noch mehr). Konkret geht es um eine Wette zwischen den drei gelangweilten Hutten Jabba, Embra und Malta. Die wollen, angestiftet von Maltas durchtriebener Dienerin Jozzel Moffet (die natürlich ihr eigenes Spiel spielt), herausfinden, wer das beste Team für die Jagd nach einem legendären Artefakt, der Yavin-Vassilika, zusammenstellen kann.

Und so heuert Jabba Han und Chewie an, Malta setzt auf das Trio der ewig zweiten Kopfgeldjäger Dengar, Bossk und IG-88 und Embra bringt Zuckuss, 4-LOM sowie den der Comic-Reihe eigenen Sardu ins Spiel, einen Tusken Raider (hätte ich nicht erkannt), der mit einem Quartett an Jawa-Spionen unterwegs ist. Um das All-Star-Ensemble noch zu komplettieren, setzt Jabba auf zwei weitere Einzelposten, nämlich Lando Calrissian und Boba Fett. Außerdem wird Greedo, der sicherlich glückloseste aller Kopfgeldjäger, gegen seinen Willen in die Schatzhatz hineingezogen.

Die Suche, die alle Protagonisten vom Planeten Kalkovac, über Mon Calamari (heutzutage eher Mon Cala), bis auf den Dschungelmond von Yavin IV führt, stellt sich als trubelige Angelegenheit dar, stolpern die verschiedenen Teams doch ständig übereinander und tauschen dabei Beschimpfungen und Blasterschüsse aus. Das Ganze ist wirklich flott und witzig erzählt und macht einen Riesenspaß – wenn man eben bereit ist, sich als Leser auf den humorvollen Grundton des Abenteuers einzulassen. Dazu kommt, dass die Geschichte tatsächlich ziemlich gut ins alte Expanded Universe eingebunden ist, wie sich gerade gegen Schluss zeigt.

Diese Einbindung bringt jedoch auch ihre Probleme mit sich, vor allem für Fans, die mit dem Disney-Kanon aufgewachsen sind. So bezieht sich der Comic ständig auf ein weiteres Werk, nämlich die zwischen 1997 und 1998 erschienene „Han Solo“-Roman-Trilogie von A. C. Crispin. Die Schlacht um Ylesia, Solos Stress mit dem Hutten-Clan der Besadii, Bria Tharen, das verlorene Gewürz, die 14 Millionen Credits – all das kam dort vor. Und nichts davon wird dem Unkundigen so richtig erklärt, weder innerhalb des Comics, noch durch die Redaktion im Vorwort. Und gerade letzteres wäre echt möglich und sinnvoll gewesen. So hat man als Leser die ganze Zeit das Gefühl, dass einem Vorwissen fehlt. Auch wenn das die Handlung des Comics kaum stört, bleibt da ein leichtes Unbehagen, dass sich nur beseitigen ließe, wenn man die drei alten Bücher (heute logischerweise nur noch als E-Books oder gebraucht erhältlich) hinterherschiebt. Besser noch würde man sie vorher lesen. Was man durchaus machen kann, denn die sind ziemlich gut.

Gewöhnungsbedürftig ist ohne Zweifel der Zeichenstil des Argentiniers Carlos Meglia. Dieser geht hart in die Cartoon-Richtung. Alle Figuren werden überzeichnet dargestellt und die ganze Atmosphäre ist grell und etwas überdreht. Ich schreibe hier absichtlich „etwas“, weil es eben doch „Star Wars“ bleibt, wo Sarkasmus vor Slapstick geht. Es ist keine Satire, kein „MAD-Magazine“, kein „Clever & Smart“. Sieht man von einzelnen Momenten und der Comic-Relief-Figur Greedo ab, könnte das Ganze auch eine Episode in einer flotten Han-Solo-TV-Serie sein.

Als Bonus-Story schließt sich an die 5-teilige Hauptgeschichte noch die Kurzgeschichte, eigentlich nur „Szene“, mit dem Titel „Beute“ an, ursprünglich 2002 in den „Star Wars Tales 11“ erschienen, einer Reihe, die Geschichten präsentierte, die nicht mal EU-kanonisch waren. Hier geht es um einen Zusammenprall zwischen Vader und Boba Fett, die beide Han Solo, den desertierten imperialen Soldaten, auf Tatooine erwischen wollen. Die Story, die von Kia Asamiya, einem wohl nicht unbekannten Manga-Schöpfer, geschrieben und gezeichnet wurde, gibt mir jetzt ehrlich gesagt nicht viel. Es ist ein Episödchen in Solos Leben, eine Gefahrensituation, wie wenn man über den Zebrastreifen geht und ein Auto erst knapp vor einem bremst. Kurzer Adrenalinschock, nach ein paar Tagen schon wieder vergessen.

Das Drumherum der „Comic-Kollektion“ sieht aus wie immer. Es gibt eine kleine Einleitung zur Geschichte – leider, wie oben erwähnt, in einem wichtigen Punkt erschreckend nachlässig – und am Ende steht eine Cover-Galerie, die immerhin alle fünf Cover der Hauptstory versammelt. Auf einen zusätzlichen Bonus-Text am Schluss wurde diesmal verzichtet. Aus Platzgründen, schätze ich (und habe es beim Lesen gar nicht gemerkt …).

Fazit: Ein flottes Unterwelt-Abenteuer mit gleichsam überdrehter Handlung wie überdrehter Optik, das aber einen Heidenspaß macht, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen: das ist „Unterwelt: Die Yavin-Vassilika“. Gerade für Fans der „Gossen-Seite“ der „Star Wars“-Galaxis absolut zu empfehlen. Mehr Schmuggler, Kopfgeldjäger und Schurken findet man selten auf einem Haufen. Die Bonus-Story kann man danach noch lesen, muss man aber nicht.

Star Wars Comic-Kollektion 60: Unterwelt: Die Yavin-Vassilika
Comic
Mike Kennedy,  Carlos Meglia u.a.
Panini 2018
ISBN: 978-3-7416-1041-7
146 S., Softcover, deutsch
Preis: EUR 13,99

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