Star Trek: Sternennacht

Es gibt Helden, die altern nicht, egal wie alt sie werden. Als James Tiberius Kirk Anfang der 1980er Jahre in „Star Trek II – Der Zorn des Khan“ eine Brille verpasst bekam, wurde dies als Zeichen des Alterns und der Vergänglichkeit aufgefasst. Nun, über 20 Jahre später, ist der damals bereits als „alt“ charakterisierte Raumschiffkommandant agiler denn je – und das, obwohl er zwischenzeitlich sogar gestorben war...

von Christian Humberg

 

Wir befinden uns im so genannten Shatnerverse, einer Unterart der Star Trek-Romane, die mit der eigentlichen, pseudo-offiziellen Chronologie des Trekkiversums nahezu nichts mehr zu tun hat. Nach Kirks umstrittenen Filmtod im Kinostreifen „Star Trek – Treffen der Generationen“ brachte der Verlag Pocket Books, seit Ewigkeiten Heim der ST-Romane, eine neue Buchserie heraus, auf deren Cover Kirk-Darsteller William Shatner als Autor genannt wurde (den Wahrheitsgehalt dieser Autorschaft dürften besonders diejenigen anzweifeln, welche Shatners frühere „Eigenproduktionen“ – die TekWar-Bücher – kennen). Shatners Trek-Bücher zeichneten sich durch drei grundlegende Eigenschaften aus: Sie orientierten sich stets an der zum Erscheinungstermin aktuellen Erzählzeit im Trekkiversum – spielten also nach Kirks Filmtod –, sie zerbarsten fast vor Action und ihre Hauptfigur... war Kirk. Wiederbelebt von den Borg und den Romulanern, aber lassen wir das, das führt uns nur vom Thema ab. War sowieso ziemlich konstruiert.

Nun sitzen bei Pocket derzeit sehr engagierte und kreative Lektoren, die viel Energie darauf verwenden, von Paramount Pictures abgelegte Handlungsstränge und zu Ende geführte Abenteuer in Romanform weiterzuspinnen. Eigene Buchreihen widmen sich den Erlebnissen der Crews von Voyager und Deep Space Nine nach dem Abschluss der jeweiligen TV-Serien, und auch Picards Next-Generation-Crew, die vermutlich nie mehr „offiziell“ in Erscheinung treten wird, lebt zwischen Buchdeckeln fort. Der deutsche Fan bekommt von alldem wenig mit, da die Trek-Rechte beim Krisen umschüttelten Heyne-Label liegen und die Verkaufszahlen für diese Romane in den letzten Jahren stark rückläufig waren – ebenso wie die TV-Quoten. Einzige Ausnahme: Shatners Bücher. Die Shatnerverse-Titel gehen im Vergleich zu anderen Trek-Romanen auch in Deutschland nach wie vor wie geschnitten Brot und erscheinen daher mit schöner Regelmäßigkeit. Zum Beispiel jetzt.

Exkurs Ende

Mit „Sternennacht“ (Originaltitel „Captain’s Blood“) legt Heyne nun schon den achten Shatnerverse vor, wiederum geghostwrited von Judith und Garfield Reeves-Stevens. Die wurden mittlerweile zum Autorenteam von „Star Trek – Enterprise“ berufen, was der arg trudelnden Serie seitdem qualitative Höhenflüge beschert. Wie man es von diesen wirklich fantastischen Autoren gewöhnt ist, steckt „Sternennacht“ zwar voller Querverweise auf die vorhergehenden acht Titel und auf knapp 40 Jahre Star Trek-Geschichte, doch kann auch der Neuleser dem Abenteuer problemlos folgen.

Worum es geht: Spock ist tot. Mal wieder. Während einer politischen Ansprache im Romulanischen Reich fällt der alte Botschafter einem terroristischen Attentat zum Opfer, hinter dem Starfleet den wieder erstarkten romulanischen Geheimdienst Tal Shiar vermutet. Captain Kirk wird abermals aus dem Ruhestand gezerrt und gemeinsam mit seinem Kumpel Jean-Luc Picard auf eine verdeckte Misson ins romulanische Reich geschickt, wo er Spocks Mörder ausfindig machen und Informationen über die Attentäter sammeln soll. Doch kommt alles anders: Kirks spitzohriger Freund ist quietschlebendig, Romulus steht kurz vor einem Bürgerkrieg und die noch deutlich von den Ereignissen aus „Star Trek – Nemesis“ gezeichneten Remaner sehen in Kirks Sohn Joseph (Produkt aus vorhergehenden Shatner-Romanen) ihren neuen Anführer und entführen ihn gleich mal. Zu allem Überfluss treffen Kirk und Co. auch noch auf eine gefährliche alte Bekannte aus Zeiten der Classic-Serie und müssen feststellen, dass Starfleet sie auch aus anderen, unbekannten Gründen auf diese Mission geschickt hat...

Vertrauen Sie niemandem!

Es darf konspiriert werden. In „Sternennacht“ wimmelt es vor ‚hidden agendas‘, was die Handlung angenehm kurzweilig gestaltet, da man als Leser nie sicher sein kann, was als nächstes passieren wird. Und das ist eigentlich das erstaunliche an den Shatner-Büchern: Trotz der unverblümten Konzentration auf Kirk, der fröhlichen Vermischung von unterschiedlichsten Trek-Elementen (wer hätte zum Beispiel je gedacht, dass sich Pille McCoy und der Holodoc mal begegnen würden?) und ihrer sehr actionbetonten Handlung machen diese Romane wirklich Spaß. „Sternennacht“ bildet da keine Ausnahme.

Die Schreibe der Reeves-Stevenses ist lebendiger denn je und ihr mentaler Fundus an Trek-Querverweisen erstaunt und beeindruckt mich jedesmal. Die bekannten Figuren sind allesamt genau getroffen und über die Übersetzungsqualitäten des Trek-Veteranen Andreas Brandhorst braucht wohl auch kein Wort mehr verloren zu werden.

Fazit: Das passiert mir immer wieder: Eigentlich bin ich ein moralischer Gegner der Shatner-Romane, die sich fernab von der wirklich gelungenen „offiziellen“ Trek-Romanchronologie ihr eigenes Süppchen kochen und damit auch noch erfolgreich sind. Ich bin ein Gegner von der verlegerischen Cleverness, den Namen eines Schauspielers auf ein Buch zu pappen, um dessen Verkaufszahlen hochzuschrauben. Aber dann landet wieder ein Shatner auf meinem Tisch und packt mich schon nach den ersten Seiten. Diese Romane besitzen nicht zuletzt aufgrund des überall spürbaren Faktenwissens der Autoren einen ganz besonderen Reiz und sind sehr lesbar und flüssig geschrieben. Eigentlich bin ich dagegen, aber dann stecke ich meine Nase probeweise mal vorsichtig in das Buch und plötzlich habe ich es ausgelesen und wünsche mir das nächste herbei. Also Heyne, lass uns nicht lange warten.


Star Trek: Sternennacht
Film/Serien-Roman
William Shatner / Judith & Garfield Reeves-Stevens
Heyne 2004
ISBN: 3-453-52003-3
345 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 7,95

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