Sin City 3: Das große Sterben

Wenn man die ersten Seiten des dritten Bandes aus Frank Millers Hardboiled-Zyklus „Sin City“ aufschlägt, denkt man weniger als bei den ersten beiden Teilen an das raffinierte Spiel mit Noir-Referenzen oder an die geschickte Kombination aus Darstellungsformen japanischer Mangas und westlicher Comic-Mythologie. Vielmehr stellt sich das gleiche Gefühl von Vertrautheit ein, wie man es von der Rückkehr in bekannte Comic-Universen wie das Gotham City Batmans oder das detailverliebte New York der Marvel-Helden her kennt.

von Andreas Rauscher

 

Nach wie vor bestimmen Dauerregen, dunkle Schatten und zwielichtige Charaktere, die streckenweise nur noch als Silhouetten wahrgenommen werden, das Stadtbild der finsteren Metropole. An einigen Stellen wurde es um gelungene, bizarre Bildeinfälle erweitert, wie etwa gigantische Dinosaurierstatuen, die über einer entlegenen Teergrube am Rande der Stadt thronen. Vermutlich waren es genau diese Schauplätze, die Robert Rodriguez dazu veranlassten „Das große Sterben“ („The Big Fat Kill“) als Vorlage für die zweite Episode seines gemeinsam mit Frank Miller inszenierten „Sin City“-Films zu verwenden.

Das zwischen Noir und unheimlicher Cartoon-Optik changierende Setting dient in „Das große Sterben“ als Kulisse für eine ganze Reihe von eigenartigen Situationen, deren Höhepunkt das surreale Zwiegespräch zwischen einer Leiche und dem Fahrer des Wagens, mit dem sie entsorgt werden soll, bildet. Im Film übernahm bei dieser Sequenz der durch seine Arbeiten „Pulp Fiction“ (USA 1994) und „Jackie Brown“ (USA 1998) mit absurden Gangster-Dialogen aller Art hinreichend vertraute Quentin Tarantino die Gast-Regie. Diese Momente, in denen die „Larger-than-Life“-Charaktere zu Opfern ihrer eigenen psychischen Angründe und der allgegenwärtigen Paranoia werden, bilden einen pointierten Gegenakzent zu den hochgradig stilisierten Action-Passagen, die sich problemlos im Hong-Kong-Kino der späten Achtziger und frühen Neunziger hätten unterbringen lassen können.

Falls sein alter Weggefährte Tarantino für einen Regie-Cameo beim nächsten „Sin City“-Film gerade keine Zeit haben sollte, könnte Rodriguez den früher für seine ausgefeilte Zeitlupen-Choreographie und spektakulären Todesballette legendären John Woo als Gast-Regisseur einladen. Charaktere wie die mit tänzerischer Leichtigkeit und tödlicher Präzision operierende Schwertkämpferin Miou (im Film: Devon Aoki) und die ausufernden Shoot-Outs wären sicher ganz nach seinem Geschmack. Der im Film von Clive Owen gespielte Dwight erinnert in seiner eigenartigen Kombination aus kaltblütiger Professionalität und nachdenklicher Melancholie ohnehin an Chow-Yun-Fat, der bei Woo in dem Action-Melodram „The Killer“ (Hong Kong 1988) zur Ikone eines ambivalenten Actionkinos avancierte. Wie bei Miller verfügen die Helden dieser Filme über tiefe seelische Abgründe, entscheiden sich aber in einer Welt voller Chaos, Gewalt und Unsicherheiten, wenn es darauf ankommt, notfalls doch für das Richtige, obwohl durchgehend Zweifel daran bestehen, dass es überhaupt noch eine richtige Seite gibt. Zeitweise gültige, moralische Kriterien ergeben sich erst aus dem spontanen Verhalten der Protagonisten. In dieser Hinsicht erscheint es auch möglich, Dwight und seine Ex-Freundin Gail (im Film: Rosario Dawson) als Identifikationsfiguren zu betrachten, obwohl sie in ihrem ursprünglichen Charakter durchaus fragwürdige Züge aufweisen.

Die in „Eine Braut, für die man mordet“ eingeführte, wechselhafte Beziehung dieses verhinderten Liebespaares und die Machtkämpfe um die von Gail und ihrer Gang beherrschte Altstadt finden in „Das große Sterben“ ihre Fortsetzung. Im Gegensatz zu den ersten Teilen, in denen man die Geschichten um Verrat, Intrigen und die alle gesellschaftlichen Schichten durchziehende Korruption als artifizielles Spiel mit der Ästhetik und den Themen des Neo-Noir betrachten konnte, fallen die Sympathieverteilungen in „Das große Sterben“ um einiges deutlicher aus.

Gail und Dwight erweisen sich im dritten „Sin City“-Band als individualistische Outcasts, die aufgrund ihrer Loyalität gelegentlich heroische Züge annehmen. Diese befinden sich natürlich, ähnlich wie die überzeichneten Abenteuer des Mariachis in Rodriguez’ Mexiko-Trilogie (USA 1992-2003), öfters hart an der Grenze zum Camp, dem Goutieren von Kitsch und Geschmacklosigkeiten aus einer distanzierten tongue-in-cheek-Haltung heraus. Wenn jedoch Dwight einen in jeder Hinsicht abstoßenden, misogynen Macho-Cop überwältigt, die sonst so gleichgültig erscheinende Miou Dwight vor dem sicheren Tod in einer Teergrube rettet oder die Verstärkung der Amazonengang im letzten Moment wie die Kavallerie im Western eintrifft, funktionieren auf einmal doch jene dramaturgischen Mechanismen wieder, die man im Oeuvre von Frank Miller schon längst abgeschafft glaubte. Vermutlich erscheint gerade deshalb das filmische Zusammenspiel zwischen Millers Abgeklärtheit und der ungebremsten Begeisterungsfähigkeit von Robert Rodriguez, den der Filmkritiker Fritz Göttler sehr treffend als den „großen Naiven des amerikanischen Gegenwartskinos“ bezeichnete, so überzeugend. „Das große Sterben“ verdeutlicht, dass die Geschichten aus „Sin City“ auf der ersten Ebene als geschickte Satire funktionieren, beispielsweise wenn sich der asozialste aller Schlägertypen als hoch dekorierter Cop erweist. Gleichzeitig erhalten in ihnen jedoch Motive einer stilisierten Outlaw-Romantik eine neue Gültigkeit, die man schon fast in der Unverbindlichkeit glatt polierter Zitatkonglomerate verloren glaubte.

Fazit: Mit dem dritten Band „Das große Sterben“ hat sich die „Sin City“-Reihe endgültig als eigenständiger Comic-Kosmos etabliert. Die düstere Stadt, in der niemand unschuldig zu sein scheint, bildet eine härtere Variante von Gotham City, in der sich bizarres Ambiente und kuriose Ereignisse gegenseitig ergänzen. Stilistisch setzt Miller erneut auf effektvollen Minimalismus, der von der klassischen amerikanischen Hardboiled-Literatur ebenso beeinflusst wurde wie von japanischen Manga-Comics. Die Protagonisten Dwight und Gail nähern sich in „Das große Sterben“ immer stärker einer ironisch gebrochenen Variante bekannter Comic-Helden-Paare an.

Neben dem ersten Band bietet sich „Das große Sterben“ besonders gut für einen Vergleich zwischen Vorlage und Leinwand-Adaption an. Aber auch unabhängig von dieser Gelegenheit zur Quellenforschung in Sachen intermedialer Popkultur liefert der dritte Teil der „Sin City“-Reihe eine gelungene, ebenso sarkastische wie vergnügliche Variation bekannter Genre-Motive, verlegt auf Frank Millers verregneten Boulevard of Broken Dreams, der mittlerweile seine eigenen festen Kennzeichen hervorgebracht hat. Abgerundet wird der von Cross-Cult wie gewohnt opulent gestaltete Band durch eine Cover-Gallerie, in der prominente Kollegen Millers, wie der MAD-Karikaturist Sergio Aragones, Marvel-Zeichner John Romita und Hellboy-Erfinder Mike Mignola, in einer Hommage an Miller ihre eigenen „Sin City“-Coverentwürfe präsentieren.


Sin City 3: Das große Sterben
Comic
Frank Miller
Cross-Cult 2005
ISBN: 3936480133
196 S., Hardcover, deutsch
Preis: EUR 19,80

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