Sin City 2: Eine Braut, für die man mordet

Neben dem einzelgängerischen Privatdetektiv, dessen Rolle in „Sin City“ weitgehend Schläger, desillusionierte Polizisten und Auftragskiller übernommen haben, zählt die Femme Fatale zu den Standardfiguren des Film Noir, beispielhaft vertreten von Barbara Stanwyck in Billy Wilders „Double Indemnity“ / „Frau ohne Gewissen“ (USA 1944) oder Ava Gardner in Robert Siodmaks „The Killers“ / „Rächer der Unterwelt“ (USA 1946). Letztere diente als Vorbild für die titelgebende Figur im zweiten Band von Frank Millers Noir-Comic-Zyklus.

von Andreas Rauscher

 

In „Eine Braut, für die man mordet“ / „A Dame to Kill For“ hört die Intrigantin Ava nicht nur auf den Namen ihres filmhistorischen Vorbilds, sie bildet auch eine interessante, hochgradig stilisierte Gegenfigur zu den sonst von Miller bevorzugten kämpferischen Amazonen, zu deren bekanntesten Vertretern die Assassine Elektra aus den Marvel-Comics zählt.

Im Mittelpunkt des zweiten „Sin City“-Bandes steht die Beziehung Avas zu dem Underdog Dwight. Im zeitlich später angesiedelten ersten Kinofilm von Robert Rodriguez (USA 2005) wird der draufgängerische Charakter von Clive Owen dargestellt. Zum Zeitpunkt der Handlung des zweiten Comics verfügt er noch nicht über sein späteres, attraktives Aussehen, sondern schlägt sich noch als zwielichtiger, voyeuristischer Fotograf und „Gun-for-Hire“ durch den Genre-typischen Alltag Sin Citys.

Vielleicht gehört Dwight gerade aufgrund seiner bilderversessenen Tätigkeit die Sympathie Millers. Auch wenn er ähnliche Schikanen wie alle Protagonisten der Serie durchleben muss, findet er jedoch als einer der wenigen Charaktere etwas besseres als den Tod. Er darf sich ansatzweise sogar zum überzeichnet romantisierten Helden entwickeln, den mit der Prostituierten, Amazone und Fesslungskünstlerin Gail (im Film ausdrucksstark von Rosario Dawson gespielt) eine ebenso intensive, wie eigenwillige Liebesbeziehung verbindet.

Wie schon im ersten Band beweist Miller erneut sein Gespür für filmische Bildkompositionen, die dennoch im Medium Comic über einen ganz eigenen Effekt verfügen. Wenn Ava in jener schmierigen Kaschemme, in der Cowgirl-Tabletänzerin Nancy Callahan ihr Lasso schwingt, Dwight zum ersten Mal wiederbegegnet, dehnt Miller den Augenblick in einer Weise, die an den Einsatz einer Zeitlupe im Film erinnert. Als schattenhafter Umriss nähert sie sich durch den nebelartigen Dunst, bevor ihr verletzliches Gesicht wie in einer Großaufnahme sichtbar wird. Ein Auftritt dieser Art würde auf der Leinwand eventuell etwas zu überakzentuiert erscheinen, in den Panels des Comics wirkt er ausdrucksstark und kunstvoll.

Miller bringt in dieser Sequenz pointiert die subjektive Sicht Dwights zum Ausdruck, indem er sich auf Avas Fassadenspiel einlässt. Zwar hegt Dwight aufgrund schlechter Erfahrungen in der Vergangenheit bereits erste Verdachtsmomente gegen Ava, doch schließlich lässt er sich erneut von ihr um den Finger wickeln. Natürlich kann man bereits ahnen, dass die vermeintliche Femme Fragile sich als äußerst fatal und hinterhältig erweisen wird. Der immer noch von Ava faszinierte Hardboiled-Melancholiker Dwight begibt sich jedoch freiwillig erneut in ihr Intrigennetz. Sie wäscht nicht nur scheinheilig ihre Hände in Unschuld. Miller lässt sie mehrfach ein nächtliches Bad im Pool mit deutlichen erotischen Untertönen nehmen. In diesen Momenten verwandeln sich ihre Konturen in ein schillerndes Phantombild, das ähnlich rätselhaft wie ihre undurchsichtige Persönlichkeit erscheint. Einmal beobachtet Dwight sie als Fotograph und Voyeur, obwohl die ganze Inszenierung vermutlich ohnehin nur ihm gilt. Wenn er während des Showdowns noch einmal mit dem Anblick der badenden Schönheit konfrontiert wird, signalisiert dieser Anblick, dass er sich endgültig von dem Trugbild lösen muss, wenn er mit dem Leben davonkommen will.

Denn wie für das Genre üblich, täuscht der schöne Schein und hinter der glamourösen Oberfläche lauern tiefe Abgründe. Dwight erfüllt pflichtbewusst die gleiche Handlangerrolle wie seine zahlreichen Kollegen aus der Geschichte der schwarzen Serie. Während er sich noch selbst in der Beschützerrolle sieht, schnappt bereits die Falle zu. Er macht Ava zur Millionärswitwe und sich selbst zum Hauptverdächtigen.

So weit, so noir, doch Miller, der schon immer traditionellen Stoffen seinen eigenen besonderen Dreh verliehen hat, geht noch einen Schritt weiter. Er beschränkt sich nicht darauf, die Figur der dämonischen, Männer verschlingenden Femme Fatale wiederzubeleben. Dem reaktionären Backlash, der leicht mit einem solchen erzählerischen Unternehmen verbunden sein könnte, entzieht er sich elegant. Zwar übernimmt er nicht die Umcodierung der Femme Fatale als positiv besetztes Frauenbild, wie sie sich in manchen Neo-Noirs, zum Beispiel in dem grandiosen „Femme Fatal“ (Frankreich 2002) von Brian De Palma, findet, doch er bringt die für sein Comicuniversum charakteristische, postfeministische Amazonengang aus der Altstadt von Sin City ins Spiel. Die bizarre Clique um die wendige Samuraikämpferin Miou und Dwights ambivalente Dauerliebe Gail rettet ihm nicht nur das Leben, sie unterstützt ihn auch während des entscheidenden Showdowns in Avas Luxusvilla. En passant absolviert sogar Marv, der hünenhafte Protagonist der ersten „Sin City“-Geschichte, in dem zeitlich vor „Stadt ohne Gnade“ angesiedelten Band einen Cameo und hilft Dwight aus der Klemme.

In der zweiten Hälfte entwickelt sich „Eine Braut, für die man mordet“, zu einem Schlagabtausch zwischen dem Glamour der heimtückischen Classical Noir-Schönheit Ava und der von Gail und Miou angeführten Truppe, die relativ deutlich vom Trash- und Exploitation-Film der Sechziger und Siebziger Jahre inspiriert wurde. Mit ihren phantasievoll verspielten S&M-Kostümen erinnern sie unmittelbar an Charaktere aus den Filmen von Russ Meyer („Faster Pussycat, Kill, Kill...“, USA 1965) und Hershell Gordon Lewis („She-Devils on Wheels“, USA 1968). Dwight, der zwischendurch im doppelten Sinne sein Gesicht verliert, sitzt zwischen allen Stühlen und trifft am Ende eine folgenschwere Entscheidung. Diese führt einerseits den Noir-Plot zu einem melodramatischen Abschluss. Gleichzeitig bahnt sich indirekt bereits die wüste Pulp-Romanze zwischen Gail und Dwight an, die im Kinofilm thematisiert wird. Unterschwellig erinnern Gail und Dwight an das neurotische Traumpaar Elektra und Matt Murdoch / Daredevil.

Man kann schon gespannt sein, welche Umsetzung sich Miller und Rodriguez, die ab Januar 2006 wieder ihr digitales Studio beziehen, für die Verfilmung von „Eine Braut, für die man mordet“ einfallen lassen werden. Das Duell zwischen der schillernden Dekadenz der Noir-Femme Fatale und den abgebrühten Erbinnen des Exploitation-Kinos bildet eine Vorlage ganz im Sinne des ambitionierten Unternehmens von Rodriguez und Tarantino ein überzeugendes Crossover aus Programm- und Bahnhofskino zu schaffen. In Miller haben sie den richtigen Verbündeten gefunden, der mit „Eine Braut, für die man mordet“ trotz der zahlreichen amüsanten Querverweise eindrucksvoll die Eigenständigkeit des „Sin City“-Kosmos unter Beweis stellt. Der zweite Band der Reihe setzt nicht einfach die in „Stadt ohne Gnade“ begonnenen ästhetischen und dramaturgischen Strategien fort, sondern erweitert den Asphaltdschungel um neue Handlungsterrains und extravagante Charaktere.

Fazit: Nachdem „Stadt ohne Gnade“ mit dem zum (Anti-)Helden avancierten Schläger Marv die Noir-Variante einer Serial Killer-Geschichte entwarf, nimmt sich Frank Miller im zweiten Band der „Sin City“-Reihe eines weiteren bekannten Noir-Themas an. Dwight, ein Underdog mit ausgeprägten moralischen Grundsätzen gerät wider besseren Wissens in die Fänge einer mit allen Wassern gewaschenen Femme Fatale.

In „Eine Braut, für die man mordet“ gelingt Miller nicht nur eine inhaltlich originelle, formal brillante Aktualisierung eines von Filmklassikern wie „Double Indemnity“ und „The Killers“ geprägten Motivs. Die Geschichte gewinnt an zusätzlichem Reiz durch die Konfrontation der glamourösen Typologie des Classical Hollywood mit den Rächerinnen des Exploitation-Kinos eines Hershell Gordon Lewis oder Russ Meyers, die offensichtlich das Vorbild für die Prostituierten-Gang aus Old Town um die Amazone Gail und die Samuraikämpferin Miou lieferten. Auf dem schmalen Grat zwischen diesen beiden konträren Pop-Universen balanciert Dwight und mit ihm die erneut gelungene Erzählung.


Sin City 2: Eine Braut, für die man mordet
Comic
Frank Miller
Cross-Cult 2005
ISBN: 3-936480-12-5
216 S., Hardcover, deutsch
Preis: EUR 19,80

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