Sin City 1: Stadt ohne Gnade

Der Einfluss des Autoren und Zeichners Frank Miller bestimmt die neue Welle der ambivalenten und ambitionierten Comicverfilmungen seit den ersten beiden „Batman“-Filmen (USA 1989/1992) von Tim Burton. Die Leinwand-Adaptionen des blinden „Daredevil“ (USA 2003) und der von Miller erdachten Assassine „Elektra“ (USA 2005) beziehen sich unmittelbar auf die von ihm im Lauf der Achtziger und Neunziger Jahre verfassten Marvel-Comics. Auch Christopher Nolan bediente sich für den aktuellen Film „Batman Begins“ (USA 2005) ausgiebig bei Millers zwanzig Jahre zuvor erschienenem Comicroman „Batman: Year One“, in dem ein junger Bruce Wayne in den von Verbrechen und Verfall gezeichneten Straßen von Gotham City erstmals als maskierter Rächer aktiv wird.

von Andreas Rauscher

 

Der Austausch zwischen den Medien gestaltet sich in Millers Fall besonders produktiv, da die Vorlagen ohnehin bereits deutlich Bezug auf filmische Vorbilder nahmen. Einen der deutlichsten Einflüsse auf die Dramaturgie und Ästhetik seiner Comics bildet der Film Noir und dessen Epigonen. Sowohl das New Yorker Viertel Hell’s Kitchen in „Daredevil“, als auch der von sintflutartigen Regengüssen verhangene graue Himmel über der Gothic-Megalopolis Gotham funktionieren als comichaft überhöhte Fortsetzungen der düsteren Ästhetik dieses filmischen und literarischen Stils, der sich im Lauf der Jahre zu einem eigenen Genre entwickelt hat. Die Plots um die Nähe Batmans zu seinen verhassten Feinden und den Hang Daredevils zur Selbstjustiz lassen sich ebenfalls in der Tradition der Schwarzen Serie verorten. Daredevils Liebe zur Femme Fatale Elektra, die nicht als Wonder Woman, sondern als Auftragskillerin ihren Lebensunterhalt verdient, basiert wesentlich auf einer Standardsituation des Noir und nimmt, bis über den (zeitweiligen) Tod hinaus, immer wieder die Wendung ins Tragische.

Mit „Sin City“, einer Serie von in sich jeweils abgeschlossenen und dennoch als dunkel schillerndes Pulp-Universum eng miteinander verknüpften Comicromanen, hat Millers Beschäftigung mit Motiven und Topoi des Noir einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. In dem vage an Los Angeles angelehnten Basin City ist niemand unschuldig. Die ganze Stadt ähnelt einem einzigen Boulevard of Broken Dreams aus düsteren Kaschemmen, nassem Asphalt und labyrinthartigen Verschwörungen, die bei niemandem mehr das Gefühl von Paranoia erwecken, da sie schon längst fester Bestandteil des Alltags sind.

Über Jahre hinweg sträubte sich Miller gegen eine Verfilmung, schließlich nahm er die Angelegenheit selbst in die Hand. Gemeinsam mit Robert Rodriguez („From Dusk Till Dawn“, USA 1996) adaptierte er drei seiner seit 1991 bei dem Indie-Publisher Dark Horse erschienenen Comics. Pünktlich zum Start des Films sind beim Verlag Cross-Cult die ersten drei Bände der Reihe als sorgfältig aufgemachte und mit interessanten Essays versehene Hardcover-Ausgaben erschienen.

Den Anfang bildet die Erzählung „Stadt ohne Gnade“, auf der auch eine Episode des Films basiert. Bereits die ersten Bilder geben die fatalistische Stimmung der Geschichte vor. Der Schläger Marv (im Film treffend mit dem in Vergessenheit geratenen Achtziger-Star Mickey Rourke besetzt) erlebt einen kurzen Augenblick des Glücks mit der von ihm beinahe religiös verehrten Prostituierten Goldie. Noch in der gleichen Nacht findet er in einem herzförmigen Bett ihren leblosen Körper neben sich. Ein Serienmörder hat sie im Schlaf kaltblütig ermordet und versucht Marv die Schuld in die Schuhe zu schieben. Das Aufheulen der näher kommenden Polizeisirenen schreckt den sensiblen Gorilla auf. Nur knapp kann er den Gesetzeshütern entkommen. Rasend vor Wut macht er sich auf die Suche nach Goldies Mörder. Wie im klassischen Hollywood begleitet Marvs Voice-Over-Erzählung kommentierend das Geschehen. Doch im Gegensatz zu den Romanen von Raymond Chandler und dem kultivierten Detektiv Marlowe erweist sich der hünenhafte Einzelgänger eher als Noir-Variante des Hulk.

Die Spur führt in die höchsten Kreise der Gesellschaft. Der kannibalisch veranlagte, äußerst wendige Serienmörder, der äußerlich reichlich unscheinbar wirkt, genießt den Schutz eines Priesters und dessen Bruders, der als Senator zu den mächtigsten Leuten der Stadt zählt. Marvs nächtliche Odyssee führt ihn in eine Bar, in der sich die Handlungsstränge der verschiedenen Bände überschneiden, in die von einer Prostituiertengang beherrschte und selbst verwaltete Altstadt Sin Citys, in der ihm im besten „Vertigo“-Stil (USA 1958) eine Wiedergängerin der Toten begegnet, und schließlich auf eine unheimliche Farm, deren verborgene Schrecken deutlich von den Verbrechen des ländlichen Serienmörders Ed Gein beeinflusst wurden, der schon die Inspirationsquelle für Filmklassiker wie „Psycho“ (USA 1960) und „The Texas Chainsaw Massacre“ (USA 1973) lieferte.

Wie Millers Graphic Novels im Allgemeinen, bedient auch „Sin City“ zwei sehr unterschiedliche Tendenzen. Einerseits lässt sich die Geschichte des brutalen Marv auf seiner bizarren Suche nach Gerechtigkeit und Erlösung als aggressive Satire verstehen. Seine Ohnmacht und sein naiver Moralismus entladen sich in ebenso hilflosen wie brutalen Racheaktionen, die im Unterschied zu reaktionären Strafphantasien konservativer Spielart nicht zu einer metaphysischen Wiedergutmachung, sondern lediglich zu einer Downward Spiral in bester Noir-Tradition führen. In dieser Hinsicht agiert Marv wie eine groteske Variante und sarkastische Parodie der Millerschen Superhelden, die schon immer einen gefährlichen Hang zur Selbstjustiz aufgewiesen haben. Daredevil alias Matt Murdock arbeitet tagsüber als Anwalt, nachts hingegen verwandelt er sich in Richter und Henker in einer Person. Batmans psychische Abgründe und seine ambivalente Nähe zu seinen Gegenspielern, die in „The Dark Knight Returns“ eines der zentralen Themen darstellen, gehören inzwischen zu den Allgemeinplätzen der neueren Popgeschichte.

Der einsame Rächer Marv macht sich keinerlei Illusionen über seinen Status. Während er zwölf Seiten lang durch einen strömenden Regen stürmt, in dem sämtliche Konturen verschwimmen und dem wie schon in „The Dark Knight Returns“ eine symbolische Funktion zukommt, denkt er in einer gekonnten Kombination aus beinahe abstrakten Bildern und Stream-of-Consciousness-Erzählung darüber nach, dass er ganz und gar kein Held, sondern lediglich ein Schläger in einer „endlosen Hölle aus Schnaps und Schlägereien“ sei. Er will eine vermeintliche Schuld gegenüber der ermordeten Prostituierten einlösen, ohne zu erkennen, dass er lediglich als Sündenbock in einem perversen, intriganten Spiel missbraucht wird, dessen Strippenzieher am längeren Hebel sitzen. Die Übermacht der Herrschenden erweist sich von vornherein als stärker, sodass jegliche Aktivitäten gegen sie zum Scheitern verurteilt erscheinen. Es lassen sich nur Teilerfolge gegen sie verbuchen und diese erscheinen angesichts der Konsequenzen für die Beteiligten ohnehin als Pyrrhussieg.

In diesen Motiven zeichnet sich die zweite wesentliche Komponente in Millers Oeuvre ab. Er nutzt die postmoderne Technik des Pastiches, der zahlreichen, detailverliebten Querverweise auf die Klassiker des Film Noir und die Popkultur im Allgemeinen, für einen abgeklärten Neo-Existenzialismus, der auf Grund seiner Ambivalenz und Sophistication nicht noch einmal in die Fallen seiner Vorgänger gerät. Die Bewohner von Sin City erscheinen, bis auf einige wenige, größtenteils weibliche Ausnahmen, wie die selbstverwaltete Prostituiertengang in der Altstadt, ganz in Anlehnung an Noir-Klassiker wie „Dead on Arrival“ (USA 1950, ein Remake folgte 1988) wie Tote auf Urlaub. Marv weiß von Anfang an, dass seine Vendetta für ihn tödlich enden wird und der im Film von Bruce Wallis gespielte Cop Hartigan macht sich in einer anderen „Sin City“-Geschichte keine falschen Vorstellungen über die Chancen seiner Aktionen gegen Senator Roark. Wenn er behauptet, es gäbe noch eine Möglichkeit, sich gegen den hinterhältigen Politiker durchzusetzen, will er lediglich der von ihm geretteten jungen Nancy Callahan nicht die Illusion von einer weit entfernten, aber noch möglichen besseren Welt nehmen.

Formal spitzen sich in „Sin City“, das belegt bereits der erste Band, die von Frank Miller im kommerzielleren Rahmen der „Batman“- und „Daredevil“-Comics begonnenen Stilexperimente weiter zu. Seine Kombination aus den ästhetischen Welten der regennassen Seitenstrassen und Hinterhöfe des klassischen Hollywoods und der reduzierten, in ihrer gelegentlichen Brutalität drastischen und dennoch abstrakten Bildsprache der japanischen Mangas fügt sich zu einem furiosen Comic-Neo-Noir. An einer Stelle von „Stadt ohne Gnade“ füllen die lautmalerischen Cartoon-Sounds „Blam! Blam! Blam!“ fast die ganze Seite. Miller gebraucht sie jedoch nicht im ironischen Stil, sondern nutzt die übergroßen Buchstaben als Fläche für Bilder, die eine Art Zeitlupeneffekt erzeugen. In anderen Passagen scheint sich der Hintergrund fast vollständig aufzulösen. Wie in der kongenialen Verfilmung wechselt die graphische Darstellung des Geschehens in einigen Panels, bzw. Frames, zu fast monochromen Tableaus, die an die Ästhetik eines Scherenschnitts erinnern.

Frank Miller hat die Konsequenzen der Postmoderne und der damit verbundenen Zitatkultur in seinen Werken exemplarisch und auf sehr unterschiedliche Weise realisiert. Der Graphic Novel-Klassiker „The Dark Knight Returns“ liefert mit seiner Kombination aus kommentierenden Medienberichten und dem hochgradig ambivalenten letzten Kreuzzug einer Pop-Ikone ein Musterbeispiel für jene Vermischung aus Text und Bild, die der amerikanische Kulturtheoretiker W.J.T Mitchell als „Imagetext“ bezeichnete. Glücklicherweise glaubt Miller auch jetzt, nachdem er seine Vision mit Unterstützung der integrierten Outcasts Rodriguez und Tarantino gegen Hollywood realisieren konnte, nicht den eigenen Hype. Von den unreflektierten Positionen und Knalltüten eines „L’art pour l’art“-Ansatzes befindet er sich weit entfernt. Die schmale Gratwanderung zwischen Noir-Apotheose und Pulp-Drama, auf die sich die „Sin City“-Reihe begibt, gelingt problemlos und erweist sich darüber hinaus als ausbaufähig, sowohl im Comic, als auch auf der Leinwand. „Stadt ohne Gnade“ erweist sich als effektvolles Intro zu einem ganzen Pulp-Universum, dessen Verzweigungen im Lauf der weiteren Bände erkundet werden.

Fazit: Beeinflusst vom ebenso reduzierten wie pointierten Stil der japanischen Mangas und Motiven des amerikanischen Film Noir beginnt Frank Miller mit „Sin City 1: Stadt ohne Gnade“ seine effektvolle Reise in die ständige Nacht der düsteren Metropole Basin City, das bei seinen Bewohnern nur noch als Sin City bekannt ist. Der Rachefeldzug des Schlägers Marv, der Vergeltung für die Ermordung einer von ihm beinahe religiös verehrten Prostituierten sucht, führt nicht nur einer klassischen Noir-Dramaturgie entsprechend in die höchsten Gesellschaftsschichten. Seine überzeichnete Vendetta, die auch schon einmal zehn Seiten lang durch den strömenden Regen, in dem sich alle Konturen auflösen, führt, bildet die dunkle Kehrseite traditioneller Superhelden-geschichten, für deren Dekonstruktion sich Miller mit seinen „Batman“- und „Daredevil“-Comics als Fachmann empfohlen hat. „Stadt ohne Gnade“ bildet den gelungenen Auftakt zu einem faszinierenden Pulp-Kosmos voller stilisierter Figuren zwischen ironisch gebrochenem Stereotyp und neo-existenzialistisch aufgeladener Überhöhung.


Sin City 1: Stadt ohne Gnade
Comic
Frank Miller
Cross-Cult 2005
ISBN: 3-936480-11-7
216 S., Hardcover, deutsch
Preis: EUR 19,80

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