Silent Hill: Drei blutige Erzählungen

Tagsüber erscheint die ehemalige Bergbausiedlung Silent Hill als menschenverlassene Geisterstadt. Doch sobald die Nacht hereinbricht, verwandelt sie sich in einen surrealen Albtraum, geprägt von verdrängter Schuld und unheimlichen Dämonen. Diese an die Grafiken des Schweizer Künstlers H. R. Giger ("Alien") und die jenseitigen Schrecken des Schriftstellers H. P. Lovecraft erinnernde Zwischenwelt dient nach einer erfolgreichen Serie von Videospielen und einem Kinofilm nun auch als Schauplatz für eine neue Comic-Reihe.

von Andreas Rauscher

 

Seit 1999 kombiniert die bisher vierteilige Videospiel-Reihe "Silent Hill" des japanischen Games-Produzenten Konami auf originelle Weise die Thrills des Survival-Horror-Genres mit klassischen Gothic-Motiven aus Film und Literatur. Als Bindeglied zwischen den einzelnen Spielen dient der ebenso infernalische wie rätselhafte Schauplatz. Obwohl das dramaturgische Schema der Erzählungen im Wesentlichen gleich bleibt, bietet es dennoch genügend Variationsmöglichkeiten, um eine ganze Reihe von Spin-Off-Projekten zu initiieren. Der 2006 von Christophe Gans nach einem Drehbuch von Roger Avary inszenierte Film zählt zu den wenigen gelungenen Videospiel-Verfilmungen und beim amerikanischen Verlag IDW Publishing wurde 2004 eine eigene Reihe in sich abgeschlossener Comics gestartet.

Eine Auswahl dieser Graphic Novels wurde unter dem Titel "Silent Hill – Drei blutige Erzählungen" als deutsche Übersetzung in einem Sammelband von Panini Comics veröffentlicht. Als mit psychologischen Anspielungen und subtilem Schrecken garniertes Franchise changiert "Silent Hill" zwischen den rätselhaften Traum-Labyrinthen David Lynchs ("Twin Peaks", "Lost Highway") und den neueren japanischen Geisterfilmen, in denen wie in "Ring" und "Ju-On"/"The Grudge" die jenseitigen Mächte über eine eigene Realität verfügen. Die atmosphärischen, teils abstrakten Szenarien bilden einen attraktiven Gegenentwurf zu den bewusst trashigen Knalleffekten der "Resident Evil"-Reihe mit ihren Zombie-Dobermännern, fleischfressenden Pflanzen und den an die B-Pictures der 1950er Jahre erinnernden mutierten Insekten. Auf Zutaten dieser Art verzichtet das "Silent Hill"-Franchise bewusst und setzt stattdessen auf ein Wechselspiel zwischen physischem und psychischem Horror.

Im Mittelpunkt der "Silent Hill"-Geschichten stehen meistens melancholische Einzelgänger und/oder harte Professionals, die auf der Suche nach den Hintergründen einer verdrängten Schuld oder dem Verbleib eines verschollenen Familienmitglieds in der verlassenen Stadt landen. Sie geraten immer tiefer in den Sog der eigenen Vergangenheit, ohne zu ahnen, dass sie damit zugleich die ortsansässigen Dämonen erwecken. Diesem Schema folgen auch die drei im Sammelband enthaltenen "Silent Hill"-Comics "Among the Damned", "Paint It Black" und "The Grinning Man". Im Unterschied zu den Spielen, in denen man sich nie ganz sicher sein kann, ob die Mächte des Wahnsinns nicht allein der paranoiden Phantasie der Hauptfigur entsprungen sind, verfügt "Silent Hill" in den Comics über eine sehr reale Topographie, in die es einen ehemaligen, von Schuldgefühlen geplagten Soldaten, einen vom Pech verfolgten Künstler, einen erfahrenen Cop und eine Gruppe Cheerleader verschlägt.

In der optischen Gestaltung greift "Silent Hill" frühere Ansätze der Independent-Comics auf und bringt damit effektvoll die irreale Stimmung zum Ausdruck. Den Großteil des Geschehens bestimmen düstere Farben und diverse Grauschattierungen, zu denen das Gelb und Pink der Cheerleader in der Episode "Paint It Black" oder das Kleid der rätselhaften Dahlia in "Among the Damned" einen stilisierten Gegenakzent bilden. "The Grinning Man", in dem ein abgebrühter Polizist erst kurz vor seiner Pensionierung die dämonischen Mächte im benachbarten Silent Hill bemerkt und gegen einen mit diesen verbündeten Psychopathen antritt, wird hingegen von Brauntönen geprägt, vor deren monochromen Hintergrund die einzelnen Zeichnungen wie Skizzen wirken. Inhaltlich erscheinen die drei Geschichten wie aktualisierte Versionen der bekannten amerikanischen EC-Comics oder der TV-Serie "Twilight Zone", in denen ambivalente Charaktere im bizarren Niemandsland zwischen Wahn und Wirklichkeit mit ihren Ängsten und dunklen Geheimnissen konfrontiert werden.

Während "Among the Dead" und "The Grinning Man" formal beachtliche, inhaltlich jedoch relativ routinierte Genrekost bieten, sticht "Paint It Black" als originelle Variation der "Silent Hill"-Motive hervor. Die Konfrontation zwischen einem erfolglosen Künstler, der als Hausmaler der dämonischen Mächte in Silent Hill Unterschlupf fand, und einer Gruppe ebenso selbstbewusster wie schlagfertiger Cheerleader spielt auf eine ironische und unterhaltsame Weise mit Standardsituationen des Survival Horrors, die über die aus den Videospielen vertrauten Konstellationen hinausgeht.

Fazit: Drei im Niemandsland zwischen Realität und jenseitigen Parallelwelten angesiedelte, in sich abgeschlossene Kurzgeschichten, in denen ein Soldat, ein Künstler, eine Gruppe Cheerleader und ein Polizist Grenzerfahrungen in der von Dämonen beherrschten Kleinstadt Silent Hill durchleben. Der Comic-Sammelband basiert auf einem aus der gleichnamigen erfolgreichen japanischen Videospielserie bekannten Szenario und entwickelt dieses eigenständig weiter. Die formale Umsetzung besticht hinsichtlich der Farbgestaltung und der bizarren, an den Maler und Alien-Designer H. R. Giger erinnernden Kreaturen. Inhaltlich knüpfen die "Silent Hill"-Comics hingegen mit Ausnahme der originellen Episode "Paint It Black" ohne größere Überraschungen an bekannte Genrekonventionen an.


Silent Hill: Drei blutige Erzählungen
Comic
Scott Ciencin, Shaun Thomas, Nick Stakal
Panini Comics 2006
ISBN: 3-8332-1392-2
160 S., Softcover, deutsch
Preis: EUR 16,95

bei amazon.de bestellen