Schnutenbach – Böses kommt auf leisen Sohlen

Schnutenbach sieht sich als universelle Dorfbeschreibung für alle Fantasy-Rollenspielsysteme. Um Missverständnisse vorzubeugen. Es handelt sich dabei nicht um einen Baukasten, mit dem man sich ein eigenes Dorf bauen kann, sondern um die Beschreibung des Dorfes Schnutenbach, die so allgemein gehalten ist, dass sich das Dorf problemlos in jede Fantasy-Welt einfügen lässt.

von Morgath

 

Die Idee dahinter ist einfach: Man verlagere die Abenteuer aus den komplexen Städten, für die man meist dicke Stadtbeschreibungen benötigt und zahlreiche Parteien und lokale Besonderheiten beachten muss, in eine übersichtliche Dorflandschaft. Dadurch wird die Umgebung rasch erfasst, das Machtgefüge schnell erkannt und die wichtigen Personen auf eine überschaubare Anzahl beschränkt. Ideal für Einsteiger also! Ein weiterer Vorteil ist, dass eine bewaffnete Heldengruppe in einer solchen Umgebung einen ernstzunehmenden Machtfaktor darstellt und etwas bewirken kann. Man kann sich also auf Wesentliche konzentrieren: das eigentliche Abenteuer.

Das Grundbuch ist ein schön gestalteter Hardcoverband mit über 200 Seiten. Man kann ihn grob in vier Teile gliedern (was im Buch jedoch nicht gemacht wurde): Im ersten Teil wird in 37 Abschnitten das Dorf mit all seinen Häusern und Bewohnern beschrieben. Im zweiten folgt die Umgebung, in der man unter anderem einen Magierturm, eine Zwergenmine oder eine Grabstätte auf einem Knochenhügel finden kann. Der dritte beinhaltet eine Begegnungstabelle mit den Personen, denen man in und um Schnutenbach begegnen kann. Im letzten Teil findet man das ausgearbeitete Abenteuer „Das Geheimnis der Krähe“ sowie weitere Szenarien. Alles wird ausführlich beschrieben und teilweise mit Karten ergänzt.

„Schnutenbach“ hinterlässt inhaltlich einen sehr guten Eindruck. Das Dorf wird stimmungsvoll und detailverliebt in Szene gesetzt. Besonders gut gefallen hat mir, wie es der Autor versteht, mit wenigen Worten den Bewohnern Leben einzuhauchen. Fast jeder Bewohner hat eine Besonderheit, die ihn unverkennbar macht. Da wäre zum Beispiel die blinde Else mit ihrem – für ihr Alter von sieben Jahren – unnatürlich weit entwickeltem Verstand oder der alte Abenteurer Jochen Reisinger mit seinem kunstvoll verzierten Holzbein. Vom ersten Augenblick an bekommt man Lust, die Bewohner in sein nächstes Abenteuer zu integrieren.  

Inhaltlich muss jedoch eines klar gestellt werden: Schnutenbach ist ein Fantasy-Rollenspiel-Dorf. Damit meine ich, dass es (aus meiner Sicht) kein „logisches“ Dorf ist, das eine in sich stimmige Entwicklung hat, sondern es wird bewusst der Schwerpunkt darauf gelegt, Material zu bieten, aus welchem sich spannende Abenteuer entwickeln lassen. Fast jede Person hat daher ein Geheimnis, aus dem man als Spielleiter etwas machen kann. Man findet für einen gesunden Realismus zu viel vor: Beispielsweise tummeln sich in dem Dorf eine Hexe, ein Werwolf, ein Magier, ein Elf und ein Halbling. An Berufen gibt es unter anderem einen Imker, einen Krämer, einen Pferdezüchter, einen Bäcker, einen Müller, einen Lederer, einen Holzfäller, einen Tischler und einen Jäger.

Meiner Vorstellung nach besteht ein Dorf überwiegend aus Bauern. Spezialisierungen gibt es fast nur in Städten. Auch erscheint mir das Vorhandensein einen Rathauses, eines Tempels und gleich dreier Einrichtungen, in denen man Kost und Logis bekommen kann, für ein kleines Dorf stark übertrieben. Aber wie schon gesagt: Schnutenbach ist ein Fantasy-Rollenspiel-Dorf. Selbst wenn man das Dorf nicht als Ganzes verwenden möchte, so kann man doch gezielt Teile davon herausgreifen und in ein laufendes Abenteuer integrieren.

„Formal“ weißt das Buch leider einige Schwächen auf. Das Inhaltsverzeichnis ist ein Zufallsprodukt, bei dem manche Abschnitte aufgenommen, andere ohne erkennbaren Grund weggelassen wurden. Es gibt keine Farbkarte von Schnutenbach, obwohl eine solche bei Regionalmodulen mit einem Preis von 24,95 Euro mittlerweile Standard ist. Die Schwarz-Weiß-Karte von Schnutenbach hat eine Größe von A4, wird aber aus unerklärlichen Gründen quer auf 2 Seiten gedruckt. Der restliche Platz wird mit Text gefüllt. Wenn man sie kopiert, hat man daher immer einen Knick an einer Stelle. Hinzu kommt, dass die Karte 37 Zahlen mit Orten beinhaltet, die später beschrieben werden, aber sich nirgendwo eine Übersicht findet, um schnell nachzuschauen, welche Zahl welcher Ort ist. Da auch das Inhaltsverzeichnis die 37 Ziffern nicht beinhaltet, muss man daher immer das Buch durchblättern, um nachzusehen. Für mich unverständlich. Wenn man die Karte schon auf zwei Seiten druckt, hätte man den restlichen Platz für die Liste verwenden können, anstatt mit Text zu füllen.

Leider fehlt eine Karte von der Umgebung, ebenso wie ein ein Glossar, um Informationen schnell und gezielt suchen zu können. Teilweise habe ich zudem einfachste Informationen vermisst. So sucht man beispielsweise vergebens nach der Anzahl der Bewohner im Dorf. Am Ende des Buches werden alle 144 NSC (!) mit Werten und Bild noch einmal aufgelistet (finde ich sehr gut), doch bedauerlicherweise ist die Liste nicht alphabetisch geordnet, sondern nach dem Auftreten der Personen im Buch (finde ich nicht gut), sodass man letztlich doch wieder suchen muss.

Diese formalen Schwächen finde ich schade, denn die viel schwerere Hürde des kreativen Inhalts wurde mit Bravour gemeistert und bei solch einfachen Dingen werden Federn gelassen. Man möchte fast meinen, der Autor hat den Ausruf der Königin aus Hamlet („Mehr Inhalt, weniger Form!“) zu wörtlich genommen …

Fazit: „Schnutenbach“ bietet ein interessantes Setting abseits von großen Schlachten oder Intrigen. Deswegen ist es aber nicht minder spannend. Im Gegenteil: Gerade die Reduzierung auf das Wesentliche ist ein großer Gewinn. Das Setting ist ideal für Neueinsteiger, ohne für alte Hasen langweilig zu werden. Man merkt dem Werk an, dass es von einem erfahrenen Rollenspieler geschrieben wurde, der weiß, was am Rollenspieltisch Spaß macht. Ohne die formalen Schwächen hätte ich das Werk als „Perle“ bezeichnet, so bleibt es ein schönes Werk voller kreativer Ideen, aus denen sich spannende Abenteuer oder zumindest interessante Zwischenbegegnungen basteln lassen. Jeder Meister, der gerne Abenteuer auf dem Lande spielt, sei daher das Buch ans Herz gelegt.


Schnutenbach – Böses kommt auf leisen Sohlen Eine universelle Dorfbeschreibung für alle Fantasy-Rollenspielsysteme
Karl-Heinz Zapf, Ulrike Kleinert
Mantikore Verlag 2012
ISBN: 978-3-939212-30-0
200 S., Hardcover, deutsch
Preis: EUR 24,95

bei amazon.de bestellen