MWDA 01: Geisterkrieg

Mit „MechWarrior Dark Age“ kam es zum vielleicht größten inhaltlichen Sprung in der Geschichte des beliebten „BattleTech“-Universums. Im Jahre 3130 spielt das Ganze, eine Republik der Sphäre beherrscht das Zentrum der Inneren Sphäre und BattleMechs gehören zum alten Eisen. Kanonen zu Pflugscharen lautet die Devise. Doch dann bricht das HPG-Netz galaxisweit zusammen und auf einmal ist alles wieder offen. Mit „Geisterkrieg“ von Michael A. Stackpole liegt der Auftaktroman zu einem neuen, dunklen Zeitalter vor.

von Michael Birke

 

Unglaublich, aber wahr: Das Merchandising boomt und die Firma, welche die Initialzündung gab, geht pleite. Die Rede ist von der FASA Corporation. Diese hatte im Rollenspiel-/Brettspielbereich große Erfolge, „Shadowrun“ und „BattleTech“ sind in Deutschland und weltweit erfolgreiche und bekannte Serien. „BattleTech“ brachte es auch im Computerspielbereich zu einigem Ruhm: Die beliebte „MechWarrior“-Serie wurde erst von Activision und später Microsoft vertrieben, sogar im Konsolenbereich wurden die Stahlkolosse dieser Serie in die Schlacht geschickt.

Für mich persönlich, der nur die Computerspiele und die Romanserie kannte, waren die Bücher allerdings das Größte: Einigen Autoren, allen voran Michael Stackpole, gelang es, dem tumben Gekloppe meterhoher, schwer bewaffneter Kampfmaschinen mit Pilot (den BattleMechs) ein zeitweise überdurchschnittlich hohes literarisches Niveau zu geben, und so dem ganzen zugehörigen „BattleTech“-Universum Esprit und Leben einzuhauchen.

Leider verspekulierte FASA sich, 2001 musste die Firma die Rechte an „BattleTech“ an WizKids abtreten – davor sprangen schon zahlreiche der besten Autoren, darunter auch Stackpole, ab und das Niveau litt am Ende teilweise erheblich. Vom Glanz der Highlights wie Stackpoles „Blut der Kerensky“-Trilogie oder der Saga der „Gray Death Legion“ zurück ins Mittelmaß.

WizKids machte einen recht radikalen Schnitt: Man startete die neue Serie „Dark Age“, die in einer apokalyptischen Zeit spielt, in der die alten Strukturen der bekannten „BattleTech“-Romane nicht mehr existieren. Wo einst Mech-Regimenter aufeinander losgingen und Söldnereinheiten von Planet zu Planet zogen, kloppen sich nun umgebaute Agro-Mechs mit veralteter Hardware und wahre BattleMechs sind zur Seltenheit geworden.

Die Regelwerke für das TableTop wurden verfeinert und man konnte für die Wiederauferstehung des Spielsystems namhafte Autoren gewinnen: Michael Stackpole ist wieder dabei, ebenso Loren Coleman. Die Einführung in das neue „Dunkle Zeitalter“ überließ man dem Liebling der Fans, Michael Stackpole – der Einstiegsroman „Geisterkrieg“ kam allerdings bei vielen Fans nicht so gut an wie erhofft…

Anstelle einer Inhaltsangabe des ersten Bandes gebe ich das Hintergrund-Setting wieder, das vorgestellt wird – und verzichte darauf, einige Überraschungen zu verraten:

Nachdem es dem ominösen Devlin Stone gelungen war, den Heiligen Krieg von Blakes Wort zu beenden und die fanatische Splittergruppe ComStars zu zerschlagen, wurde die Republik der Sphäre gegründet, ein Pufferstaat zwischen allen großen Häusern der Inneren Sphäre, in dem Frieden und Wohlstand herrschte. Stone setzte sich für die allgemeine Abrüstung ein und die Verständigung zwischen den Völkern. Als schließlich alles gut war, verschwand er. Dann sabotierte irgendjemand, man munkelt die Extremisten von Blakes Wort, die Hyperpuls-Generatoren von ComStar, die galaxisweite Kommunikation brach zusammen und es kam zu einer Katastrophe, die dem Endes des damaligen Sternenbundes nicht unähnlich war.

Auf einmal tauchten überall wieder lokale Warlords auf und aus geheimen Verstecken und Museen wurden verstaubte Kriegsmaschinen zurückgeholt. Vor allem die Republik der Sphäre, ein erzwungenes Staatengebilde, wenn man so will, steht im Kreuzfeuer, denn jedes Haus möchte sich seinen Teil wieder einverleiben. Die „Ritter“ der Sphäre haben alle Hände voll zu tun, um die Stabilität der Republik zu bewahren und den Weltenverbund vor äußeren Räubern zu schützen. Neben den offiziellen Rittern gibt es noch die so genannten Phantomritter, als Undercover-Agenten arbeitende Mechkrieger, die überall aufflammende Krisenherde unter Kontrolle zu halten versuchen.

Einer dieser Phantomritter ist Sam Donelly. Er merkt bald, dass hinter terroristischen Anschlägen auf einer eher unbedeutenden Welt gezielte Beeinflussung von außen steckt: Der große Unbekannte agiert mit seinen Untergebenen wie mit Bauern in einem Schachspiel, in dem ganze Welten ihm für ein Bauernopfer nicht zu schade sind.

Sam ist der Einzige, der neben dem greisen und in Ehren ergrauten Victor Davion die schwer erkennbaren Zusammenhänge hinter diesen Scharmützeln sieht. Infiltration und klassische Doppelagententätigkeit sind hier mehr gefragt als die Schießkünste der offiziell agierenden Ritterin Janella Lakewood, die mit ihren Mechkriegern und Sam den Auftrag der Republik erhält, dieser mysteriösen Bedrohung ein Ende zu setzen.

So weit, so gut. Oder sagen wir gleich: so schlecht. Obwohl Michael Stackpole das klassische „BattleTech“-Universum zu dem gemacht hat, was es ist, gefällt mir seine neue Idee ganz und gar nicht.

Sicherlich ist es nicht verkehrt, ganze „BattleMech“-Heere durch den interessanteren und persönlicheren Kampf weniger Mechs gegeneinander zu ersetzen, aber leider gibt es in diesem Buch ziemlich exakt nur ein einziges, wenig berauschendes Scharmützel. Stattdessen wird Sam auf haarsträubende Weise in eine Terrororganisation eingeschleust, die Stackpoles Variante des „gemäßigten Terrorismus“ praktiziert, der die lokale Regierung diskreditieren soll, damit der neue Machthaber als der kompetente Retter erscheinen und die ganze Welt einsacken kann.

Die Vorgeschichte dieser kaputten Welt wird, für Stackpole untypisch, kaum erzählt, und wenn, dann als lieblose und oberflächliche Litanei. Stattdessen lamentiert er zu Beginn des Buches über einen Vorwurf, er würde anspruchslose Literatur schreiben, den er recht aufdringlich auf unpassende Weise der Hauptperson in den Mund legt – und bestätigt ihn damit in gewisser Weise. Auch die ominöse Macht im Hintergrund wird nur in Nebensätzen erkennbar, man muss wohl weitere Bände abwarten. Sam kann keinen Charakter entwickeln – der alte Victor Davion muss als Repräsentant der guten, alten Zeit als Rentner reaktiviert werden. Furchtbar!

Schlimmer ist, dass die „Ritter“ wie eine Jedi-Ritter-Kopie daherkommen und quasi einen ominösen Osama jagen, während die sowieso schon am Boden liegende Welt von Terrorismus noch mehr gebeutelt wird. Für fremdartige Kulturen wie die Clans oder das japanisch angehauchte Draconis-Kombinat, bleibt in dieser US-amerikanischen Endzeitwelt kein Platz mehr.

Logische Ungereimtheiten und die blassen Charaktere – ich musste erst einmal den Nachnamen der Hauptperson nachschlagen! – geben dem Buch den Todesstoß. Zumal „BattleTech“-Fans wohl erwarten dürfen, dass sie, wenn sie „BattleTech“ lesen wollen, auch „BattleTech“ geliefert bekommen und nicht minderwertige Agenten-Thriller. Hier hat Stackpole ein Eigentor geschossen – in diesem Genre ist er kein Meister, hier sollte er die Bühne anderen überlassen.

Fazit: Interesse geweckt hat das Buch nicht gerade. Entsetzen hervorgerufen, das schon eher. Auch die gewohnt gute Übersetzung von Reinhold H. Mai kann da nichts mehr retten. Infos über das neue Szenario findet man eher im Internet als im Einstiegsband, der den Leser wahrlich ein „Dunkles Zeitalter“ befürchten lässt. Keine Reanimation, eher eine Leichenschändung einer ehemals erfolgreichen Merchandise. „Classic BattleTech“ erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit; wie es im TableTop-Bereich aussieht, möchte ich nicht beurteilen, den Erfolg und positiven Einfluss, den die alten „BattleTech“-Romane auf die ganze Serie hatten, wird man nach diesem fehlgeschlagenen Einstand und dem fast besser zu „Shadowrun“ passenden Szenario nicht mehr erwarten können. Mein Tipp: Lieber die alten „BattleTech“-Romane komplett sammeln – unterhaltsamer und ein potenzieller Kandidat für hohe Preise im Antiquariat in fünf bis zehn Jahren.

Dieser Artikel erschien usprünglich auf www.buchwurm.info.


Geisterkrieg (Mechwarrior Dark Age – Bd. 1)
Rollenspiel-Roman
Michael A. Stackpole
Heyne 2003
427 S., Taschenbuch, deutsch
ISBN: 3-453-87530-3
Preis: EUR 7,95

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