In the Shadows

Vorweg: Horror in dem Sinne taucht entgegen der Anpreisung auf dem Titel nicht auf. Aus ganz anderen Gründen kann man sich nach Durchsicht dieses Bandes dann aber schon gruseln.

von Frank Heller

 

Das Abenteuer ist das erste für das "Deathstalkers RPG". Es wird behauptet, es habe Kampagnenumfang, aber das wäre stark übertrieben. Es ist ein mittellanges, ganz normales Abenteuer, mehr nicht. Geeignet ist es für ganz frisch beginnende Charaktere und, wenn der Rezensent das anmerken darf, auch für möglichst frisch beginnende Rollenspieler. Alle anderen könnten je nach Anspruch enttäuscht werden.

Es beginnt, wie originell, mit einer Anwerbung mittels ausgehängten Flugblättern. Die Abenteurer sollen für eine Lady Min eine gut bezahlte Aufgabe übernehmen. Deren genaue Natur wird noch nicht verraten. Bevor man sich per Reisekutsche zur Auftraggeberin für weitere Details begibt, erfährt man einige Gruselgeschichten über den nahegelegenen Wald und die North Cave, zu der man keinesfalls gehen sollte. Es versteht sich von selbst, daß die Charaktere beides noch kennenlernen werden. Die Kutschfahrt durch den Wald endet dann auf halber Strecke in einem Schlagloch. Nun tritt das ein, was schon abzusehen war: die Charaktere müssen zu Fuß durch den Wald. In diesem wimmelt es übrigens, wie unheimlich, von Wölfen. Einziger Höhepunkt ist ein Haus im Wald, in dem einige hingeschlachtete Leute liegen. Schließlich erreicht man dann den Zielort, wo die Auftraggeberin wohnen soll. Doch diese ist gar nicht so leicht zu finden, und so könnte es den Abenteurern einfallen, erst einmal den verruchten Bürgermeister umzubringen, von dem in der Stadt so schlecht geredet wird. Ein Vampir oder Werwolf soll er sein. Das Anwesen wird von Dienern und Wölfen bewacht (mal wieder). Der Autor stellt seinen Einfallsreichtum unter Beweis und greift auf mehrere andere Sorten von Wölfen zurück, nicht nur diejenigen, die man noch aus dem Wald von vorhin kennt: es gibt einen Wolf ohne Fell, der in einem Brunnen wohnt, es gibt Hundetiere, die sich in unterirdischen Gängen aufhalten, es gibt größere und noch größere Wölfe. Bei der Durchsuchung des Anwesens des Bürgermeisters warten dann auch tatsächlich in fast jedem Zimmer Wölfe nur darauf, die Charaktere anzufallen. Mal verstecken sie sich hinter Möbeln, mal unter dem Tisch. So prügeln sich die Charaktere von Raum zu Raum, aber etwas anderes bleibt ihnen auch nicht übrig, da sie aus dem Haus nicht mehr entkommen können, nachdem nach ihrem Eintritt vor allen Türen und Fenstern Bleiplatten herabgesaust sind (sehr glaubhaft...). Im Keller dann wartet der böse Bürgermeister, den man natürlich auch noch umlegen muß. Übrigens verfügt er über Formaldehyd, ganz schön fortschrittlich in einem Fantasy-Setting.

Dies war aber nur ein Nebenschauplatz, es gilt ja eigentlich, Lady Min zu finden. Diese residiert an einem obskuren Ort, den man kaum finden kann. Dann endlich der Auftrag: einen Ring oder eine Krone aus einem Grab in der North Cave bergen. Na, darauf hatten wir ja auch eh schon gewartet. Es geht dann zur North Cave, wobei die üblichen Zwischengegner wie Räuber und Oger zu beseitigen sind. In der Höhle dann prügelt man sich von Raum zu Raum, immer wieder gegen andere Gegner, die hier residieren. Das Grab selbst wartet dann mit weiteren Monstern auf und vor allem mit einer großen Fülle von Rätseln, die es zu lösen gilt. Diese sind sogar überwiegend gut durchdacht, knackig, witzig und weder zu leicht noch zu schwer. Definitiv der intellektuelle Höhepunkt des Abenteuers. Fallen gibt es auch noch einige, und nach einem großen Schlußkampf können die Abenteurer dann endlich das gesuchte Artefakt erobern. Geschafft!

Mal ehrlich: wo ist hier das Horror-Element??? Es handelt sich um ein stinknormales Hack`n`Slay-D&D-Klon-Dungeon mit Überlandteil. Die seit über 25 Jahren handelsüblichen und ausgelutschten Zutaten sind alle da: Monster reichlich, Schätze, Fallen, Rätsel und an den Haaren herbeigezogene Elemente wie die Bleiplatten, die die Charaktere an einer Flucht hindern. Man braucht keine Hellseher zu sein um zu erraten, daß der Autor, der übrigens gleich noch Verlagschef, Erfinder des "Deathstalkers RPG" und Lektor des ganzen ist, bislang mit Vorliebe "(A)D&D" gespielt hat. Man wundert sich fast, daß das Abenteuer nicht für d20 herausgekommen ist, denn das hätte sich wirklich angeboten.

Den Horror versucht der Autor herbeizubeschwören, indem er ellenlange Texte vorgibt, die der Spielleiter vorlesen soll und die vielleicht auch tatsächlich mehr Atmosphäre transportieren als sonst bei ähnlichen Abenteuern üblich. Aber: das Vorlesen so langer Texte ist in der Regel kontraproduktiv. Um die Spieler wirklich in seinen Bann zu ziehen, müßte er sie ihnen gegenüber frei vortragen. Der deutsche Spielleiter wird die Texte eh nicht auf Englisch vorlesen sondern müßte sie selbst formulieren. Je nach Vermögen des Spielleiters wird dann tatsächlich Flair transportiert oder auch nicht. Wenn nein, dann hat man definitiv bloß ein ganz normales Fantasy-Abenteuer. Und warum glaubt der Autor eigentlich, daß es besonders unheimlich ist, ständig gegen Horden von Gegnern zu kämpfen? Subtiler Horror findet gar nicht statt, es gibt einige Gore-Szenen und ansonsten massenweise Monster wie jene Gruft mit den 90 Skeletten, die angreifen. Gruselig ist das wirklich nicht. Man hat gar keine Zeit, sich zu gruseln, weil man ständig würfeln muß.

Ein Wort auch noch zu den Karten und Plänen zum Abenteuer: Flucht!!! Gerade bei einem Horror-Abenteuer müßte man Wert darauf legen, auch stimmungsvolles Kartenmaterial beizufügen, das die Stimmung noch fördert. Nicht umsonst geht man beim deutschen Cthulhu mittlerweile dazu über, Handouts und Karten detailliert, liebevoll und per Hand erstellt anzubieten. Nicht so bei In the Shadows. Hier hat man den "Campaign Cartographer" für sich entdeckt, was dazu führt, daß sie alle eine computergenerierte sachliche, eckige, künstliche Nüchternheit verströmen. Ganz schlimm die Karte der Stadt: ein einziger Haustyp ist in exakter Nord-Süd-Ausrichtung schachbrettartig über den Plan verteilt. Das sieht nicht nach Stadt aus, das sieht bloß billig aus. Beim Plan des Friedhofs dasselbe, aber da macht es weniger aus, denn Gräber stehen nun mal oft in Reih und Glied. Man hat sich mit dieser eckigen und monotonen Computergrafik jedenfalls wirklich keinen Gefallen getan. Da hätte man wirklich nochmal Geld in einen Kartenzeichner investieren sollen.

Fazit: Erfreuen kann man mit diesem Abenteuer sicherlich totale Rollenspielneulinge, die noch keinen Vergleichsmaßstab haben, oder Leute wie den Autor selbst, die möglicherweise schon seit langen Jahren nicht nach rechts oder links geschaut haben und genau solche Abenteuer wie dies hier mögen. Das ist ja auch legitim, es soll ja jeder Spaß am Spiel haben. Trotzdem wäre man mit einer anderen Umsetzung dem Prädikat „Horror“ sicherlich näher gekommen. So verdient das Abenteuer es jedenfalls nicht.

In the Shadows Abenteuer Mike Whitehead ISBN: 0-9717684-1-2 77 S., Softcover, englisch Preis: $ 14,99

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