DSA 82: Rabengeflüster

Al’Anfa – die große Metropole im Süden Aventuriens, welche von den Grandenfamilien unter dem Patriarch Amir Honak regiert wird. Während die Granden in ihren Villen auf dem Silberberg im Luxus schwelgen und sich die Zeit mit politischen Spielchen oder ausschweifenden Orgien vertreiben, müssen in den Armenvierteln Tausende um das nackte Überleben kämpfen. Oft ist der Weg in die Sklaverei die einzige Alternative zum Tod. Während die einen gegen ihr Leben in Armut ankämpfen, kämpfen die anderen um ihre Stellung in der Gesellschaft der Reichen. Und diese Diskrepanzen sorgen für eine Stimmung in den Armenvierteln Al’Anfas, die einem Pulverfass kurz vor der Explosion gleicht.

von Chris Sesterhenn

 

Klappentext: „Al’Anfa im Rahjamond 1026 BF, die Wahlen zum Hohen Rat der Zwölf stehen vor der Tür. Eigentlich scheint alles geregelt: Die Sitze sind verteilt, noch ehe man die Urnen aufstellt. Doch plötzlich verstirbt eines der Ratsmitglieder – Zeit für den Patriarchen, ein Versprechen einzulösen und seinen Vertrauten Aurelian Bonareth in den Rat zu bringen. Doch auch Goldo Paligan hat Großes vor ... Ein Intrigenspiel von höchster alanfanischer Güte beginnt. Die Rebellen vom Visarberg wollen die Gunst der Stunde nutzen. Während die Granden miteinander um die Macht streiten, sammeln sie sich in den Straßen der Elendsviertel, um den verhassten Machthabern endgültig den Todesstoß zu versetzen.“

„Rabengeflüster“ ist ein weiterer Roman zum Fantasy-Rollenspiel „Das Schwarze Auge“ (DSA). Das Autorenteam Heike Wolf, Anja Jäcke und Alex Wichert präsentiert dabei keine der üblichen Heldengeschichten. So werden keine Schätze gesucht, keine Prinzessinnen gerettet oder gar Drachen gejagt. Vielmehr treten mit dem Patriarchen Amir Honak, dem Großexekutor Irschan Perval oder auch Goldo Paligan, dem Oberhaupt einer einflussreichen Grandenfamilie, wahre Größen Al’Anfas in den Vordergrund. Jeder versucht dabei, seine Ziele zu erreichen, wodurch ein Meisterwerk an Intrigen entsteht. Und genau dieses Intrigenspiel, kombiniert mit dem besonderen, exotischen Flair Al’Anfas, ergibt eine gelungene Abwechslung zu den sonst üblichen Romanhandlungen.

Geprägt wird die Erzählung der Autoren von zahlreichen Konkurrenzkämpfen. Wenn es nach den Rebellen vom Visarberg ginge, würde sich das einfache Volk (die Fanas) in den Armenvierteln gegen die reichen Granden erheben und seine wahre Stärke zeigen. Doch bevor die Rebellen überhaupt aktiv werden, muss sich ihr amtierender Anführer Lucio gegen seine Herausforderin Jesidora behaupten. Bei den Reichen hingegen versuchen Amir Honak und Goldo Paligan, ihren jeweiligen Favoriten in den Hohen Rat zu bringen. Aurelian Bonareth wurde der Sitz vom Patriarchen versprochen, doch Goldo will mit Amato Ugolinez-Paligan ein vermeintlich leicht zu kontrollierendes Mitglied seiner eigenen Familie im Hohen Rat sehen.

Den Autoren gelingt es vortrefflich, das Leben in Al’Anfa detailreich und sehr bildlich zu beschreiben. Insbesondere die Dekadenz der Grandenfamilien wirkt zum Greifen nah. Obwohl der Roman mit namhaften Persönlichkeiten aufwartet und diese nicht nur mit einer kleinen Nebenrolle betraut sind, erlangen zahlreiche der auftretenden Akteure keine besondere Tiefe. Bei den untereinander verknüpften Handlungssträngen bleiben leider einige Ereignisse ohne weitere Berücksichtigung. So wünscht man sich als Leser vergeblich doch eine Fortsetzung der einen oder anderen Begegnung. Auch wenn „Rabengeflüster“ einen tiefen Einblick in die Geschicke der Stadt Al’Anfa bietet und dabei vortrefflich Prunk und Dekadenz mit Armut und Elend zu verknüpfen weiß, so fehlt es der Geschichte etwas an Überraschungselementen. Beispielsweise hätte die Rolle der Rebellen vom Visarberg eine deutlich stärkere Gewichtung erhalten können.

Viele Romane, welche auf schon bestehenden Hintergrundbeschreibungen aufbauen, sind für unbedarfte Leser in den meisten Fällen eine enorme Herausforderung. Da das verfügbare Material zur Welt des „Schwarzen Auges“ sehr umfangreich ist, kann „Rabengeflüster“ eine Besonderheit vorweisen: Neben einer Auflistung der an der Handlung beteiligten Personen und einem Glossar aventurischer Begriffe stellt das Autorenteam am Ende noch sechs Seiten mit Hintergrundwissen über Al’Anfa – Stadt und Imperium – bereit. Eine Nachahmung kann ich nur dringend empfehlen.

Fazit: Heike Wolf, Anja Jäcke und Alex Wichert präsentieren mit „Rabengeflüster“ einen gelungenen Fantasy-Roman. Trotz kleinerer Kritikpunkte können Stil und Haupthandlung durch ihre Abweichung von den sonstigen Romanen überzeugen. Insbesondere durch die zusätzlichen Hintergrundinformationen ist „Rabengeflüster“ auch für Neulinge in der Welt des „Schwarzen Auges“ geeignet. Und allen Al’Anfa-Fans kann ich diesen Roman nur wärmstens empfehlen.


Rabengeflüster (DSA-Roman Nr. 82)
Rollenspiel-Roman
Heike Wolf, Anja Jäcke, Alex Wichert
Fantasy Productions 2004
ISBN: 3-89064-515-1
381 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 9,00

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