Vamps

Tretet zur Seite, ihr Edward Cullens, Stefan Salvatores und Bill Comptons dieser Welt, denn jetzt sind die Damen an der Reihe. Ihre Zähne sind gespitzt, und die Motorräder heulen schon auf. Die „Vamps“ sind bereit, sich in der gleichnamigen Comic-Miniserie in die Nacht zu stürzen.

von Bastian Ludwig

Inhalt

Nach einem Gelage an einer Bikergruppe lehnen sich die Vampirinnen Skeeter, Screech, Mink, Whipsnake und Howler gegen ihren Schöpfer und Meister Dave auf, pfählen, verstümmeln und begraben ihn. Mit den Motorrädern der Biker starten die fünf einen Roadtrip in Richtung Las Vegas auf der Suche nach Freiheit, Sex und Blut. Doch Howler geht es um mehr. Sie hat noch eine Angelegenheit aus ihrer Zeit als Mensch zu bereinigen, was die Gruppe schließlich nach New York führt.

Die Spur aus Leichen, die die Vampirinnen auf ihrer Reise durch die USA hinterlassen, bleibt unterdessen nicht unbemerkt. Schon bald haben sie, ohne etwas davon zu wissen, den Privatdetektiv Hank Gallagher an ihren Fersen; an seiner Seite Jenny, die Zwillingsschwester von Howler.

Besprechung

Die Loslösung von den Zwängen der – im wahrsten Sinne des Wortes – Normalsterblichen, quasi der Genuss absoluter Freiheit, gehört zum Kernthema des Vampirmythos’ in seinen vielfältigen Variationen; Gewalt und Sex sind Ausprägungen dieses Themas. Eine Vampirgeschichte im Bereich des Roadmovies und im Bikermilieu anzusiedeln, erscheint da nur folgerichtig, gehören doch auch hier Sex, Gewalt, Drogen und Freiheit zum etablierten Bild. Das Setting weiß dann auch durchaus zu gefallen. Die offene Straßen, miese Bikerkneipen, die Weite des amerikanischen Ostens, aber auch Las Vegas und New York werden atmosphärisch, angebracht düster und nicht gerade zimperlich dargestellt

Die Geschichte indes kommt nur langsam in Fahrt. Etwa die Hälfte des Bandes gehört der Exposition. Wir werden in die Welt der fünf Hauptfiguren eingeführt, beobachten sie, wie sie Motorrad fahren, Männer abschleppen, mit Männern schlafen, Männer aussaugen und so weiter und so fort. Man merkt, dass es Autorin Lee wichtig ist, den Lifestyle der Vampirinnen darzustellen, zu zeigen, wie es ist, ohne Hemmungen und voll von Trieben und Leidenschaft durch die Nacht treiben zu können. Der Ansatz ist auch schön und gut, die eigentliche Handlung kommt dabei aber ein wenig zu kurz. Erst gegen Ende überschlagen sich die Ereignisse, wodurch der dritte Akt dann ein wenig gehetzt wirkt. Ohnehin wäre es schön gewesen, einige Stellen einzukürzen und den gewonnenen Platz anderweitig zu verwenden. Wichtige Teile der Geschichte werden einfach nicht richtig auserzählt. So erscheint zum Beispiel das erste Treffen zwischen Jenny und Gallagher sehr abrupt, und die Entwicklung ihrer Beziehung wird so knapp und fragmentarisch beleuchtet, dass ihre Nachvollziehbarkeit verloren geht.

Howler ist ohne Zweifel die zentrale Figur von „Vamps“. Aus ihrer Sicht wird der größte Teil der Geschichte erzählt, sie treibt die Handlung voran. Auch ist sie die Figur, in deren Innenleben wir am tiefsten eintauchen. Stilistisch wird das durch die intensive Verwendung innerer Monologe gelöst. Das muss man mögen. Mir persönlich gefällt es besser, wenn die Figuren durch Dialoge und Handlungen charakterisiert werden und nicht durch ausufernde Selbstreflexion, die in diesem Fall dann auch bei dem Versuch, Tiefe zu erzeugen, nicht selten ins Melodramatische abdriften. So bleibt mir Howler trotz allen Seelenstriptease fremd.

Nicht so fremd allerdings, wie die restlichen Figuren, denen bei Weitem nicht die Aufmerksamkeit der Hauptvampirin geschenkt wird. Hat Whipsnake gegen Ende noch eine herausgestellte Position, bleiben die anderen drei Vampirinnen nicht viel mehr als Statisten. Besonders auffällig ist die mangelnde Figurenzeichnung aber bei Gallagher und Jenny, die immerhin einen eigenen Handlungsstrang bestreiten müssen, der erst am Ende mit dem der Vampirinnen zusammengeführt wird. Sie bekommen schlicht zu wenige Seiten ab, um so etwas wie einen Charakter zu entwickeln.

Zeichner William Simpsons gestaltet seine Panels mit schwungvollem, manchmal geradezu wildem Tuschestrich. Dabei entgleitet ihm nicht selten die Kontrolle über Formen und Proportionen; Münder oder Nasen sitzen nicht genau da, wo sie sein sollten, ganze Gesichter verzerren sich zu karikaturhaften Fratzen. Die Gesichter sind ohnehin so eine Sache, denn die Züge einer Figur ändern sich gerne mal von Panel zu Panel; hätten die Vampirinnen nicht unterschiedliche Frisuren und vor allem unterschiedliche Haarfarben, ich wüsste of nicht, wer wer ist. Trotzdem ist ein solch konfuser, manchmal fast hysterischer Zeichenstil nicht das Schlechteste für eine Geschichte dieser Art.

Die Kolorierung liegt, was den Detailreichtum und die Farbkonzeption angeht, unterhalb des heute üblichen Standards, allerdings bezweifle ich, dass das ein Zufall ist. „Vamps“ stammt aus dem Jahr 1994. Entweder hat man die Originalkolorierung verwendet oder bewusst einen Retrostil gewählt. Jedenfalls entspricht die Farbgebung von der geringen Zahl an Farben pro Panel bis hin zur manchmal eigentümlichen Farbwahl recht genau dem, was man bis in die 1990er Jahre hinein etwa von Superhelden-Comics gewöhnt war.

Fazit: „Vamps“ ist ein etwas härterer Vampir-Comic, dem zwar bei der Charakterzeichnung und dem Handlungsaufbau einige Patzer unterlaufen, den sich Freunde der spitzzahnigen Untoten aber ruhig einmal anschauen können.


Vamps
Comic
Elaine Lee, William Simpson
Panini Comics 2011
ISBN: 978-3-862011-42-1
160 S., Softcover, deutsch
Preis EUR 16,95

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