The Surrogates

Schöne neue Zukunft. Im Jahr 2054 gehören Krankheiten, Verbrechen und Arbeitnehmer, die den körperlichen Anforderungen ihres Jobs nicht mehr gewachsen sind, praktisch der Vergangenheit an. Möglich gemacht wurde dieses Wunder durch die so genannten Surrogaten, humanoide Roboter, die per Gedankensteuerung unsere Welt bevölkern, während der menschliche Operator gemütlich zu Hause im Sessel sitzt. Doch dann kommt es zu einer Reihe von Morden, hinter denen weit mehr steckt, als es zu Beginn aussieht.

von Bernd Perplies

Harvey Greer führt eigentlich ein recht beschauliches Leben. Er ist Polizeibeamte in Central Georgia Metropolis im Jahr 2054. Was eigentlich ein heißes Pflaster sein müsste – zumindest wenn man anderen Zukunftsgeschichten aus dieser Zeit Glauben schenken mag –, ist in Wirklichkeit eine beinahe beschauliche Welt. Es gibt kaum noch Krankheiten, es existiert praktisch kein Gewaltverbrechen mehr, jeder kann aussehen, wie er will und – im Rahmen seiner geistigen Fähigkeiten – auch machen, was er will. Die Welt ist ein schöner neuer Ort dank der Surrogaten, menschlicher Maschinen, die durch die Gedanken ihrer Operatoren von zuhause aus ferngesteuert werden und den Daheimgebliebenen den vollen sensorischen Input aus der Sicherheit des eigenen Ohrensessels bieten. Das hat zwar seine Tücken – zum Beispiel ist weiß Gott nicht jede aufregende Blondine, die man in einer Bar aufreißt, in Wirklichkeit blond oder aufregend (und gelegentlich auch nicht mal eine Frau) –, aber wenn man sich über derlei Details keine Gedanken macht, lässt es sich in dieser Zukunft, in der die Maschinen und die Menschen zur perfekten Symbiose gefunden haben, prima leben.

Diese Idylle wird durchbrochen, als plötzlich ein Technoterrorist auftaucht, der anfängt, Surrogaten umzubringen. Das tötet zwar nicht deren Besitzer, lässt sie aber mitunter ziemlich dumm dastehen, denn Surrogaten sind alles andere als billig und lassen sich daher nicht so leicht ersetzen. Stecken die Verrückten dahinter, die außerhalb des Stadtgebiets in einem Reservat sitzen und dort als echte Menschen, die einem selbsternannten Propheten folgen, leben wollen? Und wenn ja, was genau ist ihr Ziel? Wollen sie die Stadt einmal mehr in Chaos stürzen, wie damals, bei den Surrogaten-Aufständen von 2039? Für Harvey Greer und seinen Partner Pete Ford beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel mit einem hoch aufgerüsteten Gegner, der ihnen immer einen Schritt voraus scheint und der synthetischen Stellverteter-Gesellschaft den Kampf angesagt hat.

Es hat sicher seinen Grund, dass Hollywood auf diesen Comic aufmerksam wurde und ihn mit Bruce Willis in der Hauptrolle verfilmen ließ (Starttermin bei uns: Januar 2010). Es ist eine spannende und höchst durchdachte Welt, die uns die Comic-Macher Robert Venditti und Brett Weldele mit „The Surrogates“ präsentieren. Die Story um zwei Cops, die einen Terroristen jagen, mag ziemlich klassisch sein – und vielleicht gerade deshalb auch so blockbustertauglich. Doch das Umfeld, in dem sie angesiedelt ist, verleiht der Handlung einen besonderen Reiz. Dabei wird das Potenzial einer Welt, die praktisch den nächsten Schritt von der virtuellen Gesellschaft des Internets darstellt (in der schließlich auch jeder User machen und sein kann, was er will), noch nicht einmal vollkommen ausgereizt. Zwar werden in eingeschobenen „Artikeln“ durchaus umfangreich die Konzepte der Surrogatengesellschaft beschrieben und zudem werden in beiläufigen Diskussionen der Figuren und scheinbar alltäglichen Momenten die Implikationen einer derartigen Lebensart angerissen – etwa in Gestalt von Greers Ehefrau, die sich in ihrem Zimmer einschließt und selbst zuhause nicht mehr ihren alterslosen Surrogatenkörper ablegen will –, doch dieser Zukunftsentwurf bietet so viel, dass das Thema noch deutlich hätte ausgeweitet werden können. (Was dem Comic aber nicht zur Last gelegt werden soll. Es ist schon Verdienst genug, dass er überhaupt die Fantasie des Lesers dermaßen auf Hochtouren bringt.)

Die Illustrationen von Brett Weldele wirken auf den ersten Blick eigentümlich, wissen aber durchaus zu gefallen. Sie sind eine eindrückliche Mischung aus expressiven Bleistiftzeichnungen und einer, irgendwie an Collagetechniken erinnernden Digitalnachbarbeitung, während der eingescannte Texturen und Fotos mithilfe von Grauschattierungen, Farbfeldern und Überlagerungen in die Panels eingefügt werden, sodass ein eigenwilliger, sehr interessanten Stil entsteht. Die Herstellungsmethode lässt sich übrigens deshalb so genau benennen, weil in dem umfangreichen Anhang des gut 200-seitigen Hardcoverbandes auch das Schritt-für-Schritt-Making-Of einer Schlüsselszene zu finden ist. Das für Cross Cult schon beinahe typische Bonusmaterial am Ende einer ihrer Graphic Novels umfasst darüber hinaus eine Covergalerie, eine Werbekampagne für die Surrogaten der Firma Virtual Self, eine Deleted Scene in Skriptform, ein Interview mit den Machern sowie eine Galerie, in der andere Comic-Künstler Motive aus „The Surrogates“ zu Papier gebracht haben.

Fazit: Wer Interesse an guten Science-Fiction-Geschichten hat, der sollte dringend einen Blick auf „The Surrogates“ werfen. Die Handlung mag das Rad nicht neu erfinden, weiß aber gut zu unterhalten und entwickelt gerade eingebettet in das spannende Setting und im Zusammenspiel mit den eindrucksvollen Illustrationen einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Lesenswert!


The Surrogates
Comic
Robert Venditti, Brett Wedele
Cross Cult 2009
ISBN: 978-3-941248-31-1
208 S., Hardcover, deutsch
Preis: EUR 26,00

bei amazon.de bestellen