The Fountain

Eine kleine Geschichte der Graphic Novel eines Regisseurs, der ein Filmdrehbuch schrieb, das kein Film wurde und von einem Filmdrehbuch, das ein Film werden sollte, aber eine Graphic Novel wurde. Verwirrt? Falls nicht, es kommt noch besser. Falls doch, bitte weiter lesen.

von Jörg C. Kachel

„The Fountain“ war im Jahr 2002 das dritte Filmprojekt des amerikanischen Autors und Regisseurs Darren Aronofsky. Nach dem Überraschungserfolg von „Pi“ (1998) und dem Drogendrama „Requiem for a Dream“ (2000) gestand ihm Hollywood ein enormes Budget von über 70 Millionen US-Dollar und den Superstars Brad Pitt und Cate Blanchett als Schauspieler für die beiden Hauptrollen zu. Das Drehbuch zu „The Fountain“ war geschrieben, Bauten, Kostüme und Requisiten waren zum Teil schon angefertigt, da traf das ambitionierte Big-Budget-Projekt der Fluch Hollywoods – es wurde eingestellt. Brad Pitt drehte stattdessen „Troja“ (2004).

Der Film „The Fountain“ schien völlig tot, als überraschend Warner Bros. auf Aronofsky zukam und ihm anbot, das Drehbuch mit einem wesentlich schmaleren Budget zu realisieren. Aronofsky zögerte nicht lange und arbeitete mit seinem Koautor Ari Handel eine entschlackte Version des ursprünglichen Drehbuchs aus. Das Filmstudio akzeptierte und die beiden Filmstars Hugh Jackman und Rachel Weisz wurden für die Hauptrollen engagiert. Der Film „The Fountain“ hatte am 4. September 2006 in Venedig seine Premiere.

Vom Drehbuch zur Graphic Novel

Aronofsky war jedoch der Geschichte seines ursprünglichen Drehbuchs so sehr verbunden, dass er sie unbedingt erzählen wollte, ja erzählen musste. Parallel zu den neuen Dreharbeiten bemühte er sich, dieses Drehbuch einem Comic-Verlag anzubieten. Sein Vertrag mit Warner Bros. verpflichtete ihn, es zuerst bei DC Comics zu versuchen. Den geeigneten Zeichner fand Aronofsky bei der Wortmarke Vertigo. Kent Williams, dessen ruhmreiche Karriere mit „Blood: A Tale“ (Marvel Comics, 1988) begonnen hatte, wurde von Aronofsky freie Hand in der künstlerischen Interpretation eingeräumt. Der Regisseur schrieb ausschließlich die Dialoge der Graphic Novel.

Dem Zeichner Williams standen beinahe alle Entwürfe, Skizzen und das Storyboard zur Verfügung, die für die Big-Budget-Version des Films bereits angefertigt worden waren. Mit dieser bereits sehr ideenreichen Vorlage schuf Williams eine ästhetisch anspruchsvolle Graphic Novel, die sich keineswegs zu verstecken braucht.

Welche Geschichte(n) erzählt die Graphic Novel?

„The Fountain“ umfasst eine Zeitspanne von beinahe 1.000 Jahre. Sortiert man die Ereignisse chronologisch, ergeben sich drei Haupterzählungen. In jeder dieser Episoden sind die beiden Hauptfiguren Tom(as) und seine Liebe beziehungsweise Frau Izzi.

Die erste beginnt im 16. Jahrhundert, genauer im Winter 1535, als eine Armee spanischer Soldaten (Conquistadores) in Mittelamerika auf der Suche nach der Quelle des ewigen Lebens ist. Ihr Anführer, Hauptmann Tomas Verde, hat von seiner Geliebten Königin Isabella den Auftrag dazu erhalten. Die gesuchte Quelle erweist sich als Baum, der in einem alten Mayatempel wächst.

Die zweite Geschichte spielt im Jahr 2005 und erzählt von Dr. Tommy Creo und seiner Frau Izzi, die sich 1997 kennen und lieben gelernt haben. Tommy ist Krebsforscher und seine Frau ist Romanautorin. Izzi leidet an einem tödlichen Gehirntumor, der sich bisher jeder Behandlung widersetzte. Sie schreibt derzeit an einem neuen Buch mit dem Titel „The Fountain“. Ihr Mann Tommy experimentiert derzeit mit einem ethnobotanischen Präparat aus Guatemala. Sein Versuchstier, der Schimpanse Donovan, leidet ebenfalls an einem Hirntumor und spricht auf die ungewöhnliche Behandlung an.

Der dritte und letzte Handlungsstrang liegt weit in der Zukunft im Jahre 2463. Tom, nackt, kahlköpfig und an beiden Armen mit unzähligen Ringen tätowiert, lebt mit seiner Frau in einem blasenförmigen, durchsichtigen Raumschiff. Darin steht nur der Baum des Lebens. Die Blase steuert auf einen sterbenden Stern namens Xibala zu. Der Baum des Lebens ist tot und Tom will ihn durch die Strahlung des explodierenden Sterns wiederbeleben.

Aufbau und Wirkung

Die Graphic Novel erzählt ihre Geschichten auf sehr eindringliche und cinematographische Art und Weise. Das mag daran liegen, welche Vorlagen IIlustrator Kent Williams nutzen konnte, aber auch, mit welchem Hintergrund „The Fountain“ entstanden ist. Auf der visuellen Ebene beeindrucken viele Panels mit Nah- und Detailaufnahmen. Auch die Panoramapanels oder ganzseitige rahmenlose Panels sprengen immer wieder die übliche Erzählweise. Stärker als durch die Anordnung der Panels differenziert Williams die drei großen Erzählstränge durch seine Farbgebung.

Die Geschichte um den Conquistadoren Tomas ist ganz im Stil der Historienmalerei des 16. Jahrhunderts gehalten. Williams verdichtet gekonnt die religiöse, mythisch-sagenhafte Queste des spanischen Hauptmanns auf einen einzigen Moment: die Eroberung des Mayatempels und die Entdeckung des Baums des Lebens. Beinahe farblos in pastellenen grün-gelblichen, später blau-gelblichen Sepiatönen kommt die gegenwärtige Geschichte um den Wissenschaftler Tommy und seine Frau daher. Nur die wenigen Panels, die in einem naturhistorischen Museum spielen und wenn Tommy sich mit der Schreibfeder seiner Frau blutig einen schwarzen Ehering in den Finger tätowiert, enthalten frische bis aggressive Rot- und Orangetöne. Das surreale Szenario im 25. Jahrhundert wird bestimmt durch satte blaue, schwarze und später auch gelbe Farbtöne.

Auf den ersten Blick mag einem „The Fountain“ als Genre-Crossover erscheinen, doch im Grunde ist diese Graphic Novel eine Millennium umspannende Liebesgeschichte. Ihr Kern, ihr Zusammenhalt findet sich in der Geschichte, die in unserer Gegenwart spielt. Dort schreibt Izzi ihren Roman, der vom Conquistadoren Tomas erzählt und dort berichtet Izzi ihrem Mann Tommy von der Schöpfungslegende der Mayas: Aus der Mitte seines Körpers brachte der Urvater der Mayas den Baum des Lebens hervor, indem er sich selbst opferte. Die Wurzeln bildeten die Erde und aus den Zweigen formte sich der Himmel. Der Kopf des Urvaters wurde der Stern Xibala.

Den drei Männern der Geschichten ist gemeinsam, dass sie sich irgendwie mit ihrer Liebe, dem Tod und der Wiedergeburt arrangieren müssen. Aronofsky und Williams haben mit „The Fountain“ eine eindrucksvolle und nachhaltige Graphic Novel geschaffen.

Abspann

Lesern mit filmhistorischem Hintergrund werden einige Anspielungen, Zitate und Referenzen in der Graphic Novel sicher nicht entgehen. Der Name des Schimpansen Donovan ist da noch eine der offensichtlicheren Verbeugungen („Donovan’s Brain“ (1953)), denn Aronofsky ließ sich unter anderem auch von Filmen von Alejandro Jodorowsky, Werner Herzog und Sergio Leone („Once Upon a Time“-Trilogie) inspirieren. Selbst David Bowies Album und Song „Space Oddity“ mit dessen Protagonisten Major Tom diente ihm als Quell für seine Idee.

Darren Aronofsky entlässt seine Leser am Ende des Bandes mit einem recht emotionalen und persönlichen Nachwort. Darin geht er unter anderem auf die Entstehung des Films und die Graphic Novel ein und dankt ebenso seinen Lesern wie den Zuschauern und all den vielen Mitarbeitern am Projekt „The Fountain“.

Fazit: Die Graphic Novel „The Fountain“ ist keine Comic-Adaption eines Films. „The Fountain“ ist eine eigenständige Interpretation der gleichen Geschichte, die auch der Film erzählt. Der Leser wird eine vollständigere Version der Geschichte vorfinden als der Filmzuschauer, aber er wird weder Hugh Jackman noch Rachel Weisz in den Figuren der Graphic Novel entdecken, sondern autonome Protagonisten. „The Fountain“ ist ein herausragendes Beispiel, an dem seinen Lesern deutlich werden kann, was Comic-Kunst ausmacht. Es scheint fast so, als sei das Medium Comic wie für solche Geschichten gemacht. Die Kosten von beinahe 20 Euro sind für „The Fountain“ eine durchaus angemessene Investition, denn man wird das Comic sicherlich mehr als einmal in die Hand nehmen und lesen wollen.


The Fountain
Graphic Novel
Darren Aronofsky, Kent Williams
Panini Verlags 2007
ISBN: 978-3-86607-337
176 S., Softcover mit Faltcover, deutsch
Preis: EUR 19,95

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