Stolz und Vorurteil und Zombies (Comic-Adaption)

Jeder vernünftige Mensch weiß, dass alles besser wird, wenn man ihm Zombies hinzufügt. Das muss sich auch Seth Grahame-Smith gedacht haben, als er sich daran machte, eine Bearbeitung von Jane Austens Roman „Stolz und Vorurteil“ zu verfassen, in der sich die Untoten ein Stelldichein geben. Zu diesem Roman, der es im letzten Jahr auf der Bestsellerliste der New York Times immerhin auf Platz Drei gebracht hat, gibt es nun einen Comic.

von Bastian Ludwig

Ich muss es gestehen: Ich habe weder „Stolz und Vorurteil“ gelesen noch eine der Verfilmungen gesehen. Gelesen habe ich auch nicht „Stolz und Vorurteil und Zombies“. Jeder Versuch, den Anschein von Hintergrundwissen zu diesem Thema vorzutäuschen, ist also von vorneherein zum Scheitern verurteilt.

Nachdem das geklärt ist, können wir ja mal schauen, wie die Comic-Adaption von „Stolz und Vorurteil und Zombies“ auf einen völlig unvoreingenommenen Leser wirkt.

Inhalt

England, irgendwann an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Eine mysteriöse Seuche, die Menschen zu Zombies werden lässt, breitet sich aus. Die landed gentry, die auf dem Land lebende soziale Schicht des gehobenen Bürgertums und der niederen Aristokratie, scheint das aber eher wenig zu stören. Natürlich ist man sich der allgegenwärtigen Gefahr bewusst, kann man doch beispielsweise nicht so ohne weiteres zu Fuß von einem Landgut zum anderen reisen, ohne dabei das Risiko einzugehen, zerfleischt zu werden. Das ist für die Hochgeborenen aber noch lange kein Grund, auf Bälle, die Suche nach einem standesgemäßen Ehemann, Lustwandeln im Park und die Regeln der Etikette zu verzichten.

Doch es gibt Ausnahmen, wie etwa die fünf Töchter der Familie Bennet, die auf Drängen ihres Vaters bei den chinesischen Shaolin zu zombiekillenden Kriegerinnen ausgebildet wurden, ganz zum Unmut ihrer Mutter, deren größter Wunsch es ist, ihre Kinder möglichst gut situiert verheiratet zu sehen.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Elizabeth Bennet, die talentierteste Kämpferin unter den fünf Schwestern, die wie keine der anderen für sich den Weg der Zombiejägerin verinnerlicht hat, und ihre von Vorurteilen und verletztem Stolz geprägte Beziehung zum Aristokraten Mr. Darcy.

Besprechung

Spätestens seit George A. Romero in den 1960er Jahren den Zombiefilm für die nächsten Jahrzehnte maßgeblich prägte, wird das Auftreten der Untoten in Film und Literatur als gesellschaftskritischer Kommentar angesehen. Mal verkörpern sie die Entmenschlichung in der modernen Gesellschaft, mal zeigen nicht infizierte Menschen in ihrer Konfrontation mit den Untoten die schlimmsten Eigenschaften, die unsere Spezies zu bieten hat.

Auch Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ wird im Allgemeinen nachgesagt, ein satirisches Sittengemälde seiner Zeit zu sein. Es würde also überraschen, wenn „Stolz und Vorurteil und Zombies“ sich diese Überschneidung nicht zunutze machen würde.

Auf den ersten Blick wirken die Zombies hier als unnötiges Gimmick, vielleicht um ein paar Bücher beziehungsweise Comics an das Genre-Publikum verkaufen zu können. Für die Handlung spielen sie nämlich keine Rolle. Sehr wohl sind sie aber ein wichtiger Teil der Welt, in der diese spielt. Sie sind es, die dem England von „Stolz und Vorurteil und Zombies“ ein neues Antlitz verliehen haben, die Menschen sehen sich einer neuen Realität gegenüber. Doch anstatt sich den veränderten Gegebenheiten anzupassen, verharrt die landed gentry in Konservativismus, sich selbst einredend, dass der Aufstand der Untoten nur eine Phase sei, über die man die althergebrachten Gepflogenheiten hinwegretten müsse, um nach dem Sieg der Lebenden dort weitermachen zu können, wo man aufgehört hat. Über diejenigen, die sich dem neuen Zeitalter anpassen, wie eben auch die Bennet-Schwestern, die den Kampf gegen die Untoten über die Etikette stellen, rümpfen ihre Standesgenossen nur die Nasen.

Die Idee von Seth Grahame-Smith, dem Roman von Jane Austen Zombies hinzuzufügen ist also kein leerer Trick, sondern Teil der Gestaltung der Bühne, auf der die Figuren agieren können. Alle ihre Taten und Einstellungen können vor diesem Hintergrund betrachtet werden.

Da ist es dann auch wenig schlimm, dass die reine Zombie-Action nicht im Vordergrund steht, auch wenn man kaum fünf Seiten blättern kann, ohne den Untoten beim Zerhackstücken oder wahlweise beim Zerhackstücktwerden zuschauen zu dürfen. Man sollte sich aber dennoch keine Illusionen machen: Der Comic ist äußerst textlastig, praktisch die gesamte Handlung entfaltet sich über Unterhaltungen beim Essen, auf Bällen oder bei Spaziergängen.

Interessant ist der Zeichenstil mit der Optik von Bleistiftskizzen und völlig ohne Farben. Die Panels wirken, besonders in den Hintergründen, wie nicht ganz vollendet, manchmal wie nebenbei auf eine Serviette gekritzelt. Der Strich des Bleistiftes ist an jeder Stelle zu sehen.

Wo gerade in thematisch düsteren, nicht kolorierten Comics normalerweise gerne ausgiebig mit Schwarz-Weiß-Kontrasten gearbeitet wird, werden sie hier sehr sparsam eingesetzt. Sieht man sich ganze Seiten im Überblick an, dominiert das Weiß; quasi das Gegenteil von „Sin City“.

So großartig die Panels auch anzusehen sind, den Lesefluss erschwert mir der Zeichenstil doch ein wenig. Das hängt damit zusammen, dass mit Farben und Schwarz-Weiß-Kontrasten wesentliche Werkzeuge zur Strukturierung der Panels fehlen beziehungsweise selten zum Einsatz kommen. Das Auge des Lesers wird kaum gelenkt, es bekommt die Seiten einfach vorgesetzt. Aus dem gleichen Grund finde ich es auch häufig schwierig, die Figuren auseinanderzuhalten. Gerade die Bennet-Schwestern sehen sich sehr ähnlich und als optisches Unterscheidungsmerkmal bleibt häufig nicht viel mehr als die Frisur.

Fazit: „Stolz und Vorurteil und Zombies“ ist eine sehr interessante Genre-Mischung, wunderbar gezeichnet und mit einer gut dosierten Portion Anspruch, für alle, die eine regelmäßig vom Zombiekämpfen unterbrochene, sonst aber meist ruhige und dialoglastige Erzählweise nicht abschreckt.


Stolz und Vorurteil und Zombies
Comic
Seth Grahame-Smith nach dem Roman „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen, Tony Lee, Cliff Richards
Panini Comics 2010
ISBN: 978-3-862010-12-7
176 S., Softcover, deutsch
Preis: EUR 16,95

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