Steam Noir – Das Kupferherz 2

Im zweiten Teil der Steampunk-Saga „Steam Noir – Das Kupferherz“ tauchen wir noch tiefer ein in die Welt der Maschinenmenschen, der Bizzaromanten und der wiederkehrenden Seelen.

von Bastian Ludwig

Inhalt

Bizzaromant Heinrich Lerchenwald, Maschinenmensch Richard Hirschmann und Tatortermittlerin Frau D ermitteln nach wie vor im Fall einer verschwundenen Kinderleiche. Dabei erkennen sie, dass nicht nur eine mysteriöse, wiedergekehrte Seele, sondern auch der Arzt Dr. Presteau, der daran forscht, Teile des menschlichen Körpers durch mechanische Prothesen zu ersetzen, in den Fall verstrickt ist.

Besprechung

„Steam Noir – Das Kupferherz 1“ war für mich eine Überraschung, denn, wie ich in der Rezension des ersten Bandes schon schrieb, sind groß angelegte Abenteuercomics von einheimischen Kreativen meiner Ansicht nach ein viel zu seltener Anblick in der hiesigen Comic-Landschaft. Wenn schließlich doch einmal ein solches Projekt in Angriff genommen wird, ist nie sicher, ob es überlebt, bis die Geschichte auserzählt ist. Umso schöner, dass „Steam Noir“ offenbar genug Zuspruch fand, um eine Fortsetzung zu rechtfertigen.

Während die Geschichte von „Das Kupferherz 2“ nahtlos an Band 1 anschließt, hat sich hinter den Kulissen einiges getan. Wurde der Erstling noch von Benjamin Schreuder verfasst, hat dieses Mal Verena Klinke in die Tasten gehauen, die in „Das Kupferherz 1“ noch für die Ausformulierung der Hintergrundtexte zur Welt von „Steam Noir“ verantwortlich war. Wie sie in einem im Anhang des zweiten Bandes abgedruckten Interview erklärt, war sie schon an der Entwicklung des „Steam Noir“-Universums zu „Opus Anima“-Zeiten – das Rollenspiel, auf dem „Steam Noir“ basiert – beteiligt, und diese genaue Kenntnis der Welt kommt ihr nun zugute. Atmosphärisch und erzählerisch ist kein Bruch zwischen Band 1 und 2 zu bemerken. Die Schilderung der Welt ist noch immer fantasievoll, die Figuren haben Seele, die Dialoge jenen verspielt gestelzten Klang, den man in einem Fantasy-Universum hören möchte, das sich am Deutschland des 19. Jahrhunderts orientiert. Für die Zeichnungen ist nach wie vor Felix Mertikat zuständig, dessen Strich kraftvoller geworden ist und der seine Figuren was Proportionen und Dynamik angeht nun noch etwas besser im Griff hat.

„Das Kupferherz 2“ zeigt das typische Problem aller Mittelstücke mehrteiliger Erzählungen, es gibt keinen richtigen Anfang und auch kein richtiges Ende. Die Handlung setzt nach einem kurzen Ausblick in die nahe Zukunft unseres Helden Heinrich Lerchenwald genau da ein, wo sie in Band 1 aufgehört hat, und sie schließt, ohne irgendeinen Handlungsstrang zu Ende zu führen, dafür macht sie auf dem Weg dazwischen aber eine Menge neue auf. Das ist aber eigentlich keine Kritik, denn so läuft es nun mal in der Mitte einer Geschichte. Viel eher muss man betonen, dass eine ganze Reihe von Fragen aus Band 1 geklärt wird und dass wir tiefere, spannende Einblicke in unsere Hauptfiguren, allen voran Lerchenwald, bekommen. Obendrauf gibt es am Ende auch noch einen interessanten Plot-Twist. „Das Kupferherz 2“ lässt also, was die Geschichte angeht, eigentlich keine Wünsche offen.

Dieser zu folgen ist allerdings manchmal nicht einfach, denn „Steam Noir“ ist keine Fast-Food-Comic-Reihe. Huscht man einfach nur so über die Seiten, weiß man am Ende nicht, was man gerade eigentlich gelesen hat. Das liegt daran, dass – ob von Mertikat und Klinke gewollt oder ungewollt – sowohl auf Bild- als auch auf Textseite wichtige Informationen nicht in den Vordergrund gestellt werden. Manchmal zeigen die Panels Dinge oder es werden Dialogzeilen gesprochen, die sich ein paar Seiten später als wichtig erweisen, die aber mit einer solchen Beiläufigkeit präsentiert werden, dass man sie einfach übersieht, wenn man nicht jedes Bild ganz genau anguckt und jede Sprechblase ganz genau liest. Auch die Farben helfen nicht dabei, die Panels zu ordnen, denn die Kolorierung von Neuzugang Jakob Eirich ist zwar wunderbar stimmig und auch noch mal ein ganzes Stück satter als in Band 1, aber auch sehr einfarbig in Brauntönen gehalten. „Steam Noir“ ist ein Comic, der den Leser nicht an die Hand nimmt, um ihn durch die Panels zu führen, es ist ein Comic, für den man sich Zeit nehmen muss. Es ist aber auch ein Comic, der diese Zeit verdient hat.

Denn was „Steam Noir“ so sympathisch macht. ist das offensichtliche Herzblut, mit dem alle Beteiligten an die Sache herangehen. Die Designs, die Zeichnungen, die Farben, die Figuren, die Sprache, die Welt, all das wird mit sichtlicher Mühe gestaltet. Da ist es auch passend, dass der Verlag die Geschichte ihn hochwertige Hardcoverbände packt und auch bei den Extras nicht geizt. Im Anhang von „Das Kupferherz 2“ finden sich ein Interview mit Autorin Verena Klinke sowie Infos über das Design von Kostümen, Fahrzeugen und Figuren, Felix Mertikat berichtet von der Entstehung einer Comic-Seite und wie im ersten Band gibt es auch wieder eine kleine Galerie, in der andere Zeichner die „Steam Noir“-Figuren in Szene setzen.

Fazit: Auch in der zweiten Runde ist „Steam Noir“ ein spannender, atmosphärischer und detailverliebter Abenteuercomic mit interessanten Figuren und einer schön gestalteten Fantasy-Welt, den sich niemand entgehen lassen sollte, der sich auch nur ein bisschen für das Genre Steampunk erwärmen kann.


Steam Noir – Das Kupferherz 2
Comic
Felix Mertikat, Verena Klinke, Jakob Eirich
Cross Cult 2012
ISBN: 978-3-86425-038-5
64 S., Hardcover, deutsch
Preis EUR 16,80

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