Steam Noir – Das Kupferherz 1

Große, episch angelegte Abenteuer-Comics aus deutschen Landen, zumal mit phantastischen Elementen, gibt es heutzutage ja nicht allzu viele, und wenn doch mal ein Versuch gestartet wird, ist der oft nur wenig erfolgreich oder er verläuft wieder im Sande, wie zum Beispiel bei Christian Turks „Shayazur“ oder den ambitionierten Projekten der Ideenschmiede Paul & Paul („Gitta Goblinson“, „Die Vergessenen“ und vor allem „Helden“ beziehungsweise „Dorn“). Mal sehen, ob „Steam Noir – Das Kupferherz“ da mehr Glück haben wird.

von Bastian Ludwig

Handlung

Die Ermittler Heinrich Lerchenwald, Richard Hirschmann und Frau D. werden zu einem mehr als merkwürdigen Tatort gerufen. Die Leiche eines Mädchens, die jahrelang im Kamin einer alten Villa eingemauert war, ist entwendet worden. Der Täter ist, wie es aussieht, eine wiedergekehrte Seele von der Toteninsel Vineta. Ihre Nachforschungen führen die Drei auf die Spur des Mediziners Dr. Presteau, der an der Konstruktion mechanischer Organe und anderer Körperteile arbeitet.

Besprechung

„Steam Noir – Das Kupferherz“ basiert auf dem Rollenspiel „Opus Anima“, das Zeichner Felix Mertikat vor einigen Jahren mit anderen Entwicklern als Fan-Projekt startete und das 2008 schließlich beim Prometheus Verlag herauskam. Inzwischen scheint das Projekt auf Eis zu liegen. Neben dem Grundregelwerk erschien nur noch ein ergänzender Materialband, auf der Webseite sind die letzten Aktualisierungen auf das Jahr 2009 datiert. Doch hat man einmal viel Mühe in die Erschaffung einer Welt gesteckt, lässt sie einen nur noch schwer los, und so ist es nur allzu verständlich, dass Mertikat sie auf andere Weise wieder zum Leben erweckte. Zusammen mit dem Autor Benjamin Schreuder, mit dem er schon den preisgekrönten Comic „Jakob“ realisiert hatte, nahm er sich ein Abenteuer vor, das er einst für sein Rollenspiel geschrieben hatte und überarbeitete es.

Ich habe „Opus Anima“ nie gespielt und kann deswegen nicht sagen, inwieweit die Welt dabei verändert wurde, so wie sie jetzt ist, gefällt sie mir aber wirklich gut. Wie der Titel „Steam Noir“ schon andeutet, treffen in ihr zwei (Sub-)Genres, nämlich Steampunk und der amerikanische hardboiled Kriminalroman beziehnungsweise der Film Noir, aufeinander.

Der Chic von Gründer- und Kaiserzeit, bürgerliche Etikette und selbstverständlich retro-futuristische, vom Industriezeitalter durchdrungene Technologie prägen diese naiv-romantische Fantasy-Welt, in der die Menschen auf Inseln leben, die durch den Äther treiben, und in der die Seelen der Toten herumgeistern und für einige Verwirrungen in der Welt der Lebenden sorgen können. Man merkt es schon: Der „Steampunk“ ist ordentlich vertreten. Der „Noir“ hingegen nicht so sehr. Weder das typische Personal der Schwarzen Serie wie die Femme Fatale oder der knallharte Detektiv, noch ihre zynische Weltsicht oder ihr ästhetischer Stil tauchen im Comic auf. Aber meine Güte, wen interessiert schon das Etikett, solange der Inhalt stimmt. Und das tut er.

Das Geheimnis um die verschwundene Leiche, die wiedergekehrte Seele und den mysteriösen Wunderarzt ist in diesem ersten Band einer – wie Mertikat in einem Interview mitteilte – auf vier Teile angelegten Reihe gut gesetzt, die Ermittlerfiguren sind ebenso sympathisch wie interessant. Lerchenwald ist eine Art Dandy, kultiviert, gelassen, mit einem unterschwelligen, ironischen Humor, Hirschmann ein beseelter Maschinenmensch, ein ruhiger Koloss mit Herz. Frau D. bleibt in Band 1 noch etwas blasser als ihre beiden Kollegen, gibt sich aber jetzt schon als Mischung aus Kompetenz und Attraktivität zu erkennen. Es dauert zwar ein bisschen, bis man sich in dieser Welt der Bizzaromanten, des Januskoogener Leonardsbundes, der Globengraphen und Verzerrungen zurechtfindet, gegen Ende des Comics ist man aber drin. Insofern also genau das, was man vom Einstieg in eine Geschichte erwarten darf.

Die Zeichnungen von Felix Mertikat gefallen mir gut, wenn sie auch für meinen Geschmack gerade in den Hintergründen ein klein wenig detaillierter hätten ausfallen können. Schraffuren und ein etwas gröberer Strich könnten die Atmosphäre des 19. Jahrhunderts noch deutlicher heraufbeschwören. Aber das ist Kritik auf hohem Niveau. Mertikats Schauplätze wirken phantastisch, seine Figuren lebendig. Seine Zeichnungen sind dynamisch und die guten Farben holen das Beste aus ihnen heraus.

Fazit: Wie eingangs schon erwähnt, sind dramatische Abenteuercomics aus Deutschland nach wie vor eine Randerscheinung; die deutsche Comicproduktion hat ihren Schwerpunkt nun einmal in Cartoons und Funnies. Von daher ist jeder Versuch, einen Comic in jener Richtung zu produzieren, absolut zu befürworten, insbesondere wenn das Ergebnis so sehr zu gefallen weiß wie „Steam Noir – Das Kupferherz“ mit seiner interessanten Welt, den sympathischen Figuren, der spannend anlaufenden Geschichte und den guten Zeichnungen. Mertikat schloss eine Fortsetzung auch über den Abschluss von „Das Kupferherz“ hinaus nicht aus. Wenn die kommenden drei Teile das halten, was Band 1 verspricht, hätte ich nichts dagegen.


Steam Noir – Das Kupferherz 1
Comic
Felix Mertikat, Benjamin Schreuder
Cross Cult 2011
ISBN: 978-3-942649-27-8
64 S., Hardcover, deutsch
Preis EUR 16,80

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