Star Wars: Wächter der Macht 2: Blutlinien

Runde 40 Jahre nach der Schlacht um den ersten Todesstern und immerhin schon zehn Jahre nach dem die Galaxis erschütternden Krieg gegen die Yuuzhan Vong stehen die Galaktische Allianz und der Jedi-Orden vor einer Krise, welche die Einheit der Planeten zerschmettern könnte. Der Corellianische Sektor strebt seine Unabhängigkeit an, und in ihrer Ohnmacht greift die Allianz zu militärischen Mitteln, die an das grenzen, was das Imperium einst ausgemacht hat. Dabei laufen die Frontlinien quer durch die Familien unserer Helden.

von Frank Stein

Die Unterschiede zwischen den beiden großen „Star“-Universen – „Trek“ und „Wars“ – ließen sich ursprünglich mal etwa so umschreiben: Während „Star Trek“ im Gewand utopischer Geschichten Kommentare zur gesellschaftlichen Situation der 1960er und später 1980er Jahre abgab, bot „Star Wars“ märchenhafte Pulp-Abenteuer vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis. Diese Merkmale haben sich in jüngster Zeit auf erstaunliche Weise umgekehrt. Während der neue „Star Trek“-Film ein farbenprächtiges, aber im Kern substanzloses Action-Spektakel bietet – sieht man von einer einfachen Coming-of-Age-Story seiner Protagonisten und einem Rachefeldzug des Bösewichts ab –, taucht „Star Wars“ aktuell mit der „Wächter der Macht“-Reihe tief in die gesellschaftlichen und machtpolitischen Abgründe ab, die etwa im Terrorkrieg der USA gegen den nahen Osten ihre irdische Entsprechung haben.

Wurde bei Allston im ersten Band „Intrigen“ noch vor allem hinter verschlossenen Türen mit dem Säbel gerasselt und der Höhepunkt war ein etwas aus dem Ruder gelaufenes Manöver der Allianzflotte in corellianischen Gewässern, so zeigt der drohende Krieg bei Karen Travis Nachfolgeroman „Blutlinien“ seine ganze hässliche Fratze. Die Autorin, die mir ihren „Republic Commando“-Romanen bislang vor allem durch ihr Abfeiern (klon)soldatischer Tugenden sowie als Verfechterin einer mandalorianischen Kriegerkultur, in der die Familie das höchste Gut ist, aufgefallen (und durchaus auch angeeckt) ist, beweist dabei auf erstaunliche Weise, dass ihre Art des grimmig-realistischen Stils im aktuellen „Star Wars“-Universum genau richtig ist. Vorbei sind die Zeiten, die Mitte der 1990er herrschten, als Autoren wie Kevin J. Anderson, Barbara Hambly oder Vonda McIntyre unsere Helden in exotische Abenteuer gegen die Überreste des Imperiums warfen. Heute kommt der Feind aus dem Inneren, und alles, was einst schwarz oder weiß war, vermischt sie zu tiefem Grau.

Travis’ Roman folgt grob drei Handlungslinien, die sich – dem Titel entsprechend – alle um Familie und das Erbe eines großen Namens drehen.

Im Zentrum steht sicher Jacen Solo, der Sohn von Han und Leia, dessen Abkehr von der Seite des Lichts immer konkretere Formen annimmt. Natürliche redet er sich seine Taten schön, etwa die im Anschluss an ein Bombenattentat auf Coruscant durchgeführten Internierungen von Corellianern, die er als frisch gebackener Anführer einer neu gegründeten Geheimpolizei durchführt – natürlich nur, um der Galaxis Frieden und Ordnung zurückzugeben. Aber sein Umgang mit der Dunklen Lady Lumiya, die Faszination, mit welcher er das Schicksal seines Großvaters Darth Vader erforscht – dessen Fehler er selbstverständlichen niemals wiederholen würde – und nicht zuletzt sein immer unmenschlicheres Durchgreifen bei dem Versuch, mit aufmüpfigen Elementen klar zu kommen, zeigen recht deutlich, wohin das alles führen könnte. Dass er selbst glaubt, ein „guter“ Sith werden zu können, ist da nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

In seinem Schatten entwickelt sich das Schicksal von Ben Skywalker, dem dreizehnjährigen Sohn von Luke und Mara, der damit zu kämpfen hat, der Sohn zweier großer Jedi-Meister zu sein. Er ist zweifellos die interessanteste Figur der Geschichte, denn sein kindlicher Geist scheint noch empfänglich für alle Einflüsse von außen zu sein. Fassungslos verfolgt er die Spirale des Hasses, die sich zwischen den Angehörigen der verschiedenen Fraktionen auf Coruscant in Gang setzt. Verzweifelt versucht er, das Vorbild, das er in Jacen sieht, mit dessen jüngsten Taten in Einklang zu bringen. Und trotzig wehrt er sich gegen die Bemühungen seiner Eltern, ihn vom Mann, der er gerade zu werden glaubt, zurück zum Kind zu machen und auf die Jedi-Akademie zu schicken. In welche Richtung sich dieser Charakter entwickeln wird, ist eine der spannendsten Fragen der nächsten Bücher.

Zuletzt wäre ein Karen-Travis-Roman nicht komplett, gäbe es keine Mandalorianer in ihm (in Ermangelung von Klonsoldaten). Entsprechend handelt das dritte Schicksal vom alternden Boba Fett, dem zynischen Kopfgeldjäger und Einzelgänger, der vielen Fans als der Inbegriff der Coolness gilt. Jetzt droht er zu sterben, denn er ist unheilbar krank. Nur die medizinischen Kenntnisse der Kaminoaner, die ihn einst geschaffen haben, könnten ihn vielleicht noch retten. Also macht er sich auf die Suche nach ihnen. Doch nicht nur nach ihnen. Jetzt, wo sein Ende naht, will Fett noch einmal seine Tochter Ailyn sehen, die er vor 50 Jahren in einem kurzen, gescheiterten Versuch, ein normales Leben zu führen, gezeugt hatte, nur um die Familie dann zu verlassen (Travis greift hier dankbar einen erst jüngst kanonisierten Comic der „Star Wars Tales 7“ namens „Outbid But Never Outgunned“ auf, der andeutet, Fett könne mal eine Familie gehabt haben). Seitdem will seine Tochter ihn tot sehen. Ihn aber verlangt es in Gedenken an seinen eigenen Vater plötzlich nach Versöhnung. Begleitet wird Fett auf seiner Suche von eine jungen Kriegerin namens Mirta Gev, die behauptet, ihn zu Ailyn bringen zu können – und die sich als Mandalorianerin entpuppt, die ihrem Mand’alor (denn Fett ist seit dem Yuuzhan-Vong-Krieg das Oberhaupt aller Mandos) in einem Fort vorhält, nicht für sein Volk da zu sein.

Wer in dieser Aufzählung die Namen bekannter Helden vermisst, irrt nicht. Für die heroischen Alten – Luke, Han, Leia, Mara – bleibt in diesem Roman nicht viel zu tun. Während Luke sich unablässig Sorgen um die mögliche Rückkehr von Lumiya macht, ohne allerdings mal nachdrücklich nach ihr zu suchen, verstecken sich Han und Leia auf Corellia, beobachten mit Grausen, was mit ihrem Sohn Jacen passiert, und schmieden derweil Pläne, Hans Cousin Thrackan Sal-Solo auszuschalten.

Noch etwas rein Technisches zum Ende: So sehr die rasche Erscheinungsweise neuer „Star Wars“-Romane zu begrüßen ist, so sehr stelle ich im Augenblick mit Bedauern fest, dass die Qualität der Übersetzung und des Lektorats darunter leiden. Rechtschreibfehler und unvollständige Sätze sind mir bei blanvalet früher nicht untergekommen. Und dass es Herr Kasprzak gelingt, in jedem Roman eine neue Übersetzung für den „Corporate Sector“ zu finden – zuletzt „Genossenschaftssektor“, nun „Handelssektor“ –, obwohl es bereits mit „Kommerzsektor“, „Konzernsektor“, „Korporationssektor“ drei mehr oder minder offizielle Varianten gab, lässt einen auch die Stirn runzeln. Natürlich kann man über solche Details hinweglesen. Aber man sollte es bei einem großen Publikumsverlag wie blanvalet nicht müssen.

Fazit: Ich gebe zu, mit Vorbehalten in die Lektüre dieses Romans gestartet zu sein, denn Karen Travis’ plakativ propagierte Lieblingsthemen (Soldaten, Mandos und deren Familien) haben mich mit dem Fortschreiten der „Republic Commando“-Reihe irgendwann eher genervt als unterhalten. In „Blutlinien“ gelingt es ihr, sich diesbezüglich etwas zurückzunehmen, aber gleichzeitig mit Bravour an der Spirale des Hasses und der Gewalt zu drehen, welche die Galaxis – und dabei vor allem Coruscant – ins Chaos zu stürzen droht. Terroranschläge, Unruhen, politische Machtspiele, Polizeiaktionen, Notstandsgesetze, geheime Foltergefängnisse … „Star Wars“ hat seine Unschuld seit dem Krieg gegen die Yuuzhan Vong verloren. Das zeigt die „Wächter der Macht“-Reihe in „Blutlinien“ mehr als deutlich. Und weil wer will Parallelen zu irdischen Entwicklungen der letzten Jahre entdecken kann, wirkt der subtile Kommentar der Autoren zu Fragen der Moral und der Rechtmäßigkeit hinter manchem Handeln umso stärker.


Star Wars: Wächter der Macht 2: Blutlinien
Film/Serien-Roman
Karen Travis
Blanvalet 2009
ISBN: 978-3-442-26607-4
491 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 8,95

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