Star Wars: Wächter der Macht 1: Intrigen

Runde 40 Jahre nach der Schlacht um den ersten Todesstern und immerhin schon zehn Jahre nach dem die Galaxis erschütternden Krieg gegen die Yuuzhan Vong stehen die Galaktische Allianz und der Jedi-Orden vor einer neuen Herausforderung. Der Corellianische Sektor strebt seine Unabhängigkeit an und schreckt dabei auch nicht vor Kriegsdrohungen zurück. Gleichzeitig kommen Hinweise auf das Wirken der Dunklen Seite der Macht auf. Eine schwere Zeit steht Luke, Han, Leia und ihren Feunden bevor.

von Frank Stein

In dem Film „Star Trek II: Der Zorn des Khan“ gibt es zu Beginn eine Sequenz, die den berüchtigten Kobayashi-Maru-Test der Sternenflottenakademie zeigt. Dieser Test stellt die Probanten vor eine Situation, in der man nur verlieren kann, und prüft damit, wie sich ein Captain in solch einer Situation verhält, welche Risiken er einzugehen bereit ist, um Menschenleben zu retten, und wie er mit dem Tod umgeht. Vor diese Wahl, zwischen zwei Übeln das Kleinere zu finden und sich entweder für eine höhere Moral oder das Wohlergehen seiner Freunde und Verwandte zu entscheiden, werden die Helden in dem Auftaktband der 9-bändigen „Star Wars“-Reihe „Wächter der Macht“ scheinbar ununterbrochen gestellt. Wie eine faszinierende Reise in menschliche Abgründe zieht sich dieses Thema durch Aaron Allstons 572-Seiten-Schinken. Und da diese Entscheidungen zudem in einem Umfeld der Heimlichkeit und Verschwiegenheit getroffen werden müssen, sind Ränke, Verschwörung, Spionage, Sabotage, Pläne und Gegenpläne praktisch an der Tagesordnung. Tatsächlich kann man sagen, dass selten der Inhalt eines „Star Wars“-Romans passender in einem Wort zusammengefasst, wie im Fall von „Intrigen“.

Ausgangspunkt der gesamten Krise sind die Unabhängigkeitsbestrebungen des Corellianischen Sektors, einmal mehr vorangetrieben von dem unsäglichen Thrackan Sal-Solo, dem Cousin von Han Solo, der schon seit Jahren (genau genommen seit der „Corellia“-Trilogie von Roger MacBride Allen) für Unruhe sorgt. Um dies zu erreichen, gibt es auf Corellia sogar Bestrebungen, die gefährliche Centerpoint-Station, die imstande ist, ferne Sonnen in eine Nova zu verwandeln, wieder in Betrieb zu nehmen. Die Jedi-Ritter lassen sich daher von der Regierung der Galaktischen Allianz als Agenten anheuern, die diesen Umtrieben einen Dämpfer verpassen sollen. Gleichzeitig wird eine Flotte in Marsch gesetzt, um die Unruhe im Sektor durch eine Machtdemonstration im Keim zu ersticken. Unglücklicherweise sind Corellianer nicht unbedingt dafür bekannt, vor Autoritäten zu Kreuze zu kriechen. Erschwerend kommt hinzu, dass es während versuchter Friedensgespräche auf einer Station im Orbit von Kuat zu einem fatalen Anschlag kommt, der die corellianische Premierministerin das Leben kostet und Sal-Solos Macht festigt.

Parallel dazu hat Luke Skywalker Visionen eines nahenden Übels, das die Galaxis ins Chaos stürzen wird. Die Dunkle Seite der Macht regt sich erneut, allerdings lässt sich nicht sagen, von welcher Seite die Bedrohung kommt. Eine Spur ist eine seltsame Quaste, die nach dem Anschlag auf Kuat gefunden wird. Jacen Solo und Ben Skywalker, die beiden Söhne der mittlerweile in die Jahre gekommenen Helden der Allianz, brechen auf, um das Geheimnis dieses Kordelwerks, das mehrere Botschaften zu enthalten scheint, zu lüften und dadurch vielleicht auch auf die Spur ihres unsichtbaren Feindes zu kommen, der buchstäblich aus dem Hintergrund die Fäden zieht und webt. Dabei geraten die beiden in ein perfides Katz-und-Maus-Spiel, dem sich vor allem der eigensinnige Jacen, der seit den Erfahrungen des Yuuzhan-Vong-Kriegs seine ganz eigenen, gefährlichen Vorstellungen von der Macht und dem Leben eines Jedi hat, nicht entziehen kann.

Das Umreißen der beiden großen Handlungslinien gibt nur unzureichend wider, welch umfassendes Panorama Allston in „Intrigen“ zeichnet. Zahllose kleine Ereignisse und Nebenhandlungen ergänzen das große Bild, das sich eher mosaikartig als gradlinig zusammensetzt. Eine schier unüberschaubare Menge an Protagonisten kommt hierbei zum Zuge, wobei Luke, Han, Leia, Mara Jade-Skywalker, deren Kinder Jacen und Jaina Solo sowie Ben Skywalker, Wedge Antilles und dessen Tochter Syal nur die Wichtigsten sind. Dutzende Politiker, Militärs und Jedi-Ritter ergänzen das Ensemble. Dabei wird viel geredet, intrigiert und über die Macht philosophiert und es gibt genug Verwicklungen, Kommandounternehmen und Raumschlachten, dass es für locker zwei Bücher gereicht hätte. Für Leute, die auf zügig erzählte, klar umrissene Abenteuer stehen, ist dieser Roman folglich nichts.

Auch „Star Wars“-Fans, die eine eindeutige Einteilung von Gut und Böse lieben, wie sie noch in der klassischen Filmtrilogie und den frühen Romanen bestand, werden hier gelegentlich zusammenzucken, denn unsere Helden sind mit dem Alter mitunter erschreckend zynisch und militant geworden. (Dieser Verlust der Unschuld in allen großen SF-Franchises – bei „Star Trek“ und „Battlestar Galactica“ ist es ja ähnlich –, der in den letzten Jahren um sich greift, ist schon faszinierend und wäre sicher mal eine eingehendere Betrachtung wert.) Dabei entstammt der Bösewicht der Romanreihe, Lumiya, kurioserweise den alten Marvel-Comics der 1980er, die sich seinerzeit nicht eben durch komplexe Figurenzeichnungen hervortaten und zudem allgemein als Non-Kanon galten. Dass hier retrospektiv eine Rehabilitierung versucht wird, mutet zumindest leicht befremdlich an. Intermediale Verknüpfung um jeden Preis.

Als Bonusmaterial hängen am Ende zwei Kurzgeschichten von Karen Traviss an: „Nach seinem Ebenbild“ und „Ein zweischneidiges Schwert“ (die beide fälschlicherweise als Leseprobe gekennzeichnet sind, aber komplett vorliegen). Beide Geschichten haben die Beziehung von Vader und dem Imperator zum Thema und zeichnen sich meines Erachtens vor allem dadurch aus, dass der Dunkle Lord der Sith zu viel nachdenkt und zu kumpelhaft mit seinen Infanteriesoldaten (den heimlichen Lieblingen von Traviss) umgeht.

Fazit: „Intrigen“ bereitet im weitschweifigen Stil die Bühne für eine neue Zeit der Dunkelheit, die über die „Star Wars“-Galaxis hereinbricht. Da es diesmal nicht gegen einen extragalaktischen Invasor geht, sondern Bruder-gegen-Bruder heißt, ist ein deftiger Grad an Tragik vorprogrammiert. Fans der heilen „Star Wars“-Märchen-Welt, die früher einmal herrschte, mögen sich von dem grimmigen „Realismus“ stellenweise etwas abgestoßen fühlen. Allen anderen steht eine spannende und noch einiges an Unheil verheißende Lektüre bevor.

P.S. eines Geeks: Lieber Herr Kasprzak, danke dass Sie uns nach „Kommerzsektor“, „Konzernsektor“ und „Korporationssektor“ nun mit „Genossenschaftssektor“ noch eine Übersetzung des „Corporate Sector“ geliefert haben!


Star Wars: Wächter der Macht 1: Intrigen
Film/Serien-Roman
Aaron Allston
Blanvalet 2008
ISBN:978-3-442-26603-6
632 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 9,95

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