Star Wars: Han Solo

Der neue „Star Wars“-Film, lakonisch schlicht „Solo“ genannt, steht für Mai in den Startlöchern, und was läge zur Einstimmung näher als einen näheren Blick auf den Comic zu werfen, der – nicht viel gesprächiger – „Han Solo“ betitelt ist? „Ich werde Pilot – der beste in der Galaxis“, sagt Solo im Trailer zum Kinofilm. Dass er genau das geworden ist, kann er in der Comic-Geschichte unter Beweis stellen.

von Frank Stein

Der 116-seitige Comic versammelt alle fünf Ausgaben der gleichnamigen US-Miniserie aus dem Jahr 2016 und liegt für 14,99 Euro im typischen Panini-Softcoverformat vor (alternativ ist auch eine Hardcover-Ausgabe erhältlich). Die Geschichte beginnt unter einer ungewöhnlichen Prämisse. Han Solo hat – offenbar kurz nach der Schlacht um Yavin IV – die Rebellion wieder verlassen, um weiter das zu tun, was er am besten kann: schmuggeln. Allerdings läuft es nicht mehr so gut wie früher, denn seit er mit den Rebellen in Kontakt war, hat er einfach zu viel Skrupel. Für manche gilt er gar als Feigling.

Dann ruft ihn die Allianz erneut, genauer Prinzessin Leia, der Solo ja irgendwie keinen Gefallen abschlagen kann. Man beauftragt ihn mit einer geheimen Mission. Er soll am berühmten Drachenlochrennen teilnehmen und auf den drei Tankstopps jeweils einen Informanten der Allianz aufnehmen, denn das geheime Informantennetzwerk der Rebellen ist nach Vollendung einer wichtigen Mission ins Visier eines Mörders geraten, der die Agenten einen nach dem anderen umbringt. Solo soll die letzten drei Informanten retten – und das kann nur er, weil er kein offizieller Teil der Rebellion ist und so ein möglicher Maulwurf in den Reihen der Allianz nichts von seinem Einsatz mitbekommt. Also macht er sich auf den Weg, um für die Prinzessin die Eisen aus dem Feuer zu holen. Dass er sich dabei mit den besten Piloten der Galaxis messen kann, stört ihn ganz und gar nicht.

Die Story des Comics mixt die Action eines Weltraumrennens mit den Verwirrspielen einer Agentengeschichte. Leider gerät Autorin Marjorie Liau dabei hier und da ins Schleudern. So beginnt das Abenteuer mit einem groben Plotloch. Han Solo soll mit dem Millennium Falken, mit dem er an der Schlacht um den Todesstern teilgenommen hat, an einem Medienspektakel wie dem Drachenlochrennen teilnehmen und dabei unauffällig wirken? Er hat vor der ganzen Rebellentruppe einen Orden bekommen. Welcher Maulwurf würde nicht hellhörig werden, wenn er als einziger Schmuggler an einem Rennen für professionelle Rennpiloten teilnimt? Darüber hinaus müsste das Imperium schon blind sein, um den Falken Dank der speziellen Military-Grade-Sensorschüssel nicht wiederzuerkennen.

Auf dem ersten Tankstopp-Planeten greift das Imperium auch tatsächlich ein. Doch die Soldaten und Offiziere scheinen keine Ahnung zu haben, wer Solo ist. Sollte dem Imperium wirklich unbekannt sein, dass er zuerst an Bord des Todessterns für eine Menge Ärger gesorgt hat und dann an der Zerstörung beteiligt war? (Gut, man könnte argumentieren, dass alle, die auf dem Todesstern gearbeitet haben, bei seiner Zerstörung ums Leben kamen, und Vader, der in seinem kaputten TIE entkam, einfach keine Zeit hatte, sich eine Liste der Angreiferschiffe zu machen.) Das Imperium wird dann übrigens von der Rennleitung gezwungen, die Piloten weiterfliegen zu lassen, weil sonst die Sponsoren, die die vier (!) Tankstopps betreiben, den Ölhahn zudrehen könnten.

Dann kommt auf einmal eine dubiose Hauptliste ins Spiel, die aus nicht ganz erklärten Gründen alle „undichten Stellen“ der Allianz sammeln soll. Ist das die Mission, von der Leia sprach? Es wird nie ganz klar. Kurioser noch, dass nach dem ersten Tankstopp plötzlich wieder eine Unmenge an Schiffen am Rennen teilnimmt, obwohl bei der ersten brutalen Etappe des Drachenlochrennens laut Kommentator alle bis auf vier Schiff ausgesiebt wurden. Wurden (unerklärt) Nachrücker ins Rennen aufgenommen? Nach einem weiteren Hindernis landet man am zweiten Tankstopp, wo plötzlich die zwei übrigen Informanten versammelt sein sollen. Und die nächste Etappe ist dann auch schon die Ziellinie. Der dritte (und vierte?) Tankstopp wurde einfach vergessen. Das Ende ist dann gänzlich irritierend. Es dreht sich um ein uraltes Artefakt, das scheinbar jedes Jahr nur ein Schiff passieren lässt, um die Frage, ob eine Pilotin stirbt oder lebt und … Ach, ich will nicht zu viel spoilern. Mit ein wenig Nachdenken kann man sich tatsächlich vielleicht zusammenreimen, was da warum passiert, aber ganz leicht macht einem der Comic nicht.

Obwohl die Story an sich flott und spannend erzählt ist und vor allem die auftretenden Figuren der Rennpiloten sehr schöne Neuzugänge zum Universum darstellen, merkt man bei genauerem Hinsehen, dass der Plot mit etwas heißer Nadel gestrickt wurde und die Autorin sich teilweise selbst widerspricht. Möglich, dass einige Verwirrung (gerade bei drei oder vier Tankstationen) auch auf die Übersetzung zurückgeht, die nicht ganz sauber gearbeitet hat. So wird etwa auch aus General Airen Cracken später ein Admiral Airen.

Über jeden Zweifel erhaben sind dagegen die Illustrationen. Mark Brooks und Dexter Vines verwöhnen den Leser durch großartig detailreiche Panels und hervorragend umgesetzte Figuren. Mimik, Proportionen, dynamische Posen – hier stimmt einfach alles.

Eine Covergalerie schließt den Band ab.

Fazit: „Star Wars: Han Solo“ ist ein visueller Leckerbissen mit einer flotten, spaßigen Story, die – so die Autorin – vom Film „Cannonball“ (dt. „Auf dem Highway ist die Hölle los“) inspiriert wurde. Leider hat sich die Autorin in der Hektik der Handlung selbst gelegentlich die Kontrolle über „ihr Fahrzeug“ verloren. So holpert der Plot über einige Plotlöcher. Gut, Han Solo hat sich am Ende gefunden. Aus dem zweifelnden Schmuggler ist ein zweifelnder Rebell geworden. Aber um den Weg dorthin optimal genießen zu können, muss man sich einfach von der Geschwindigkeit mitreißen lassen und darf nicht zu sehr über das Gelesene nachdenken.

Star Wars: Han Solo
Comic
Marjorie Liu, Mark Brooks, Dexter Vines
Panini Comics 2017
ISBN: 978-3-7416-0267-2
116 S., Softcover, deutsch
Preis: EUR 14,99

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