Star Wars Comic-Kollektion 17: The Star Wars

Wenn man, wie ich, die Entwicklung des „Star Wars“-Universums seit Jahrzehnten verfolgt, hat man einiges gesehen. Kurzgeschichten-Anthologien, die Filmkomparsen zu Hauptfiguren machen, Prequels, die das Fandom erregen, 19-bändige Epen um einen Krieg gegen intergalaktische Aggressoren, Parodien, Genre-Experimente und mehr. Im Herbst 2013 setzte der Comic-Verlag Dark Horse dem Ganzen die Krone auf. Mit dem Comic „The Star Wars – Die Urfassung“ wurde das Rough Draft von George Lucas aus dem Jahr 1974 in Szene gesetzt. In der 17. Ausgabe der „Star Wars Comic-Kollektion“ kann man erneut erfahren, wie „Star Wars“ wohl ausgesehen hätte, wenn jemand dem Regisseur dafür Geld gegeben hätte …

von Bernd Perplies

Dick ist diese Ausgabe der „Star Wars Comic-Kollektion“ geworden. Auf 194 Seiten im schicken Hardcover wird die 8-teilige US-Serie präsentiert, die zwischen September 2013 und Mai 2014 erstmals erschienen ist. Vom Cover blicken uns unbekannte Gestalten in bekannter Pose entgegen. Ein Luke Skywalker als grauhaariger Krieger (mit deutlichen optischen Anleihen an George Lucas), ein Han Solo als grünhäutiges Alien, ein C-3PO, der an die Robo-Maria aus Fritz Langs Stummfilmklassiker „Metropolis“ erinnert und ein Sith-Lord, der eine Metallmaske trägt, die Assoziationen an Dämonen der asiatischen Sagenwelt wachruft.

Die Geschichte beginnt mit dem klassischen gelben Rolltext und einem Raumschiff, das auf einen Planeten zufliegt. Doch schon dieser Text irritiert, weil er die Jedi-Bendu als Samurai-artige Krieger etabliert, die Generationen lang den Imperator beschützten, bevor sie – nach der Großen Rebellion (die nicht näher thematisiert wird) – von den Rittern der Sith, einem anderen Kriegerorden, der dem neuen Imperium dient, gejagt und ausgelöscht wurden. Dazwischen fallen Worte wie Himmelsäquator und Großer Graben, die allerdings nie mehr im Comic erwähnt werden. Man merkt schon auf dieser ersten Seite: Dem Fan steht ein ungewöhnliches Lese-Abenteuer bevor.

Die Handlung hat ihren Ausgangspunkt auf dem vierten Mond von Utapau, wo der alte, herrische Jedi-Bendu Kane Starkiller mit seinen Söhnen Annikin und Deak im Verborgenen lebt. Als sie von einem Sith aufgespürt werden, der einen Banta Vier fliegt (ich betone das, damit man sieht, wie Lucas Namen später willkürlich umsortiert hat), und Deak das Leben verliert, gibt Kane sein Exil auf und kehrt zum Planeten Aquilae zurück, der mit dem militaristischen Imperium im Streit liegt. Um die Invasion Aquilaes durch eine gewaltige Raumstation, den Widerstand des alten Generals Skywalker, die Flucht mit Annikin und den Kindern des Königspaars – darunter natürlich Leia –, den Absturz auf einer Dschungelwelt, die von Pelzjägern und wilden Wookiees bewohnt wird, die Entführung Leias durch die Imperialen und den schlussendlichen Gegenschlag der Guten geht es in diesem Comic.

Die Handlung an sich kommt dabei etwas holprig und sprunghaft einher. Man fühlt sich an „Episode I“ erinnert (Aquilae ist Naboo, bloß mit den für Tatooine typischen Wüsten), ergänzt um Elemente aus der gesamten klassischen Trilogie, darunter der Todesstern, die Flucht durch ein Asteroidenfeld und der Absturz auf einer Dschungelwelt, die allerdings noch nicht von Kuschel-Ewoks, sondern von gemeingefährlichen Kriegern bewohnt wird. Der eigentliche Reiz des Comics liegt jedoch gar nicht in der Geschichte selbst, sondern vor allem im Spiel aller Beteiligten mit bekannten und weniger bekannten Elementen der „Star Wars“-Saga, die in Wahrheit ganz anders verwendet wurden.

Das betrifft natürlich George Lucas’ Vorlage selbst. In ihr ist Luke Skywalker mehr oder weniger die Figur des Obi-Wan Kenobi, Annikin dagegen ist Luke, Han Solo ein grünhäutiges Alien, R2-D2 ein mürrischer „Hausmeister“ von einem Droiden, der übrigens sprechen kann und ungefähr die Hälfte des weinerlichen Gezeters, das wir aus C-3POs Mund kennen, zum Besten gibt. Alderaan ist die Hauptwelt des Imperiums, Darth Vader ein gewöhnlicher, wenn auch brutaler Heerführer. Die Sturmtruppen besitzen Lichtschwerter und „reiten“ wie klassische Ritter auf STAPs, diesen kleinen Flugplattformen der Droidenarmee aus „Episode 1“. Owen Lars lebt als Einsiedler in einer Holzhütte im Dschungel, die Siedlung Achorhead ist hier ein Planet, die Liste ließe sich fortsetzen.

Hauptillustrator Mike Mayhew gibt seinen Teil zum fröhlichen Spiel mit Erwartungen dazu. Natürlich hat er sich, wo immer möglich, an den frühen Konzeptentwürfen von Ralph McQuarrie orientiert. Viele der Dinge, die in dem Rough Draft nur grob beschrieben sind, musste er jedoch neu entwerfen. So hat er Darth Vaders Uniform beispielsweise sehr am bekannten Outfit Vaders angelehnt, nur dass der Helm des Heerführers offen ist und sein kantiges Gesicht zeigt. Die Sternenzerstörer, die in dieser Version von „Star Wars“ kleine Kampfjäger sind, hat er absichtsvoll keilförmig realisiert, was für besondere Irritation sorgt. Das typische Design der riesigen Schiffe, aber auf fünf bis zehn Meter Länge geschrumpft? Kaum zu akzeptieren (und, ja, ich weiß, die Jedi-Starfighter sehen ähnlich aus – aber eben doch auch anders). Sehr hübsch sind auch kleine Momente, etwa wenn das Königspaar von Aquilae in einer Szene auf einen doppelten Sonnenuntergang blickt oder ein paar Farmer mit einem Schwebefahrzeug auf dem Feld arbeiten, das frappierend einem Flugpanzer der Droidenarmee ähnelt.

Zur Qualität der Illustrationen insgesamt sei gesagt, dass sie durchgehend erfreulich hoch ist. Man merkt, dass hier ein Prestigeprojekt umgesetzt wurde. Die Panels sind detailreich und die Figuren wirken fast wie per „übermalte“ Fotografien – mit entsprechend fein ausgearbeiteten Gesichtszügen und Körperposen. Vor allem Skywalker, Vader und Leia sind dem Künstler fantastisch gelungen. Man glaubt beinahe die Schauspieler zu sehen, die diese Figuren in einer denkbaren Verfilmung dargestellt hätten.

Wie bei allen Ausgabe der „Comic-Kollektion“ wird der Comic durch Bonusmaterial eingerahmt. Zu Beginn steht eine kurze Einführung des Projekts, am Ende folgen dann zwei kurze Artikel zum Thema Sammeln und zu Lichtschwertern (letzteres eine Fortsetzung aus Band 16). Eine unvollständige Cover-Galerie schließt das Ganze ab. In diesem besonderen Fall muss ich doch merkliche Kritik an diesem Drumherum üben. So schön es ist, ein wenig redaktionellen Inhalt zu bekommen, so schmerzlich vermisst man das ursprüngliche, umfangreiche Making-of zu dem Comic, das zahlreiche Einblicke in die Arbeit von Mike Mayew gab. Wie entwickelte sich das Design der Figuren, wie das der Raumschiffe? All das fehlt hier. Und auch die konstant unvollständigen Cover-Galerien werden zunehmend zum Ärgernis. Bitte gönnt euch doch die 2-3 Seiten mehr und liefert wenigstens eine vollständige Galerie ab!

Fazit: Trotz ein paar kleinerer Kritikpunkte, die vor allem das Drumherum des Formats „Comic-Kollektion“ betreffen, kann ich nur sagen: Großartig! Einfach genial! Dieses Comic-Projekt von Dark Horse, das hier präsentiert wird, ist ein echtes Highlight. Jeder, der sich auch nur ein wenig intensiver mit dem Phänomen „Star Wars“ beschäftigt, wird einen Heidenspaß daran haben, die Geschichte mal ganz anders und doch verstörend vertraut zu erleben. (Allerdings ist die ursprüngliche Ausgabe Dank ihrem Making-of noch gelungener. Andererseits kostet sie auch fast doppelt so viel. Ob sich das lohnt, muss wohl jeder für sich entscheiden.)


Star Wars Comic-Kollektion 17: The Star Wars
Comic
George Lucas, J. W. Rinzler, Mike Mayew u.a.
Panini Comics 2017
ISBN: 978-3-7416-0292-4
194 S., Hardcover, deutsch
Preis: EUR 12,99

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